Kultur

Thomas-Mann-Lesung im BGL

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

„Es war nicht egal, ob man Mann oder Frau war“  –  Bewegender Abend über Thomas Bernhard und seine Familie

Bayerisch Gmain. Zu einem außergewöhnlich persönlichen Gesprächsabend begrüßte Kulturreferentin Theresa Sax-Lichtblau in der Bibliothek des Klosterhofs die Halbschwester des Schriftstellers Thomas Bernhard (1931-1989), Susanne Kuhn, den Literaturwissenschaftler Manfred Mittermayer und den Zeichner Nicolas Mahler. Im Mittelpunkt stand das Buch „Drei Wochen mit Thomas Bernhard in Torremolinos“, das auf Gesprächen von Susanne Kuhn mit Manfred Mittermayer basiert und von Zeichnungen des Karikaturisten begleitet wird.

Schnell wurde deutlich, dass das Buch weit mehr ist als eine Erinnerung an die letzten gemeinsamen Wochen mit dem berühmten Schriftsteller. Es eröffnet einen neuen Blick auf die Familiengeschichte – aus weiblicher Perspektive. „Es war nicht egal, ob man Mann oder Frau war“, erklärte Mittermayer. Gerade deshalb sei Kuhns Sichtweise bedeutsam, weil sie sich deutlich von bisherigen Darstellungen in der Forschung unterscheide. Entstanden war die Idee eher zufällig. Im Gedenken an den 90. Geburtstag ihres Bruders im Februar 2022 hatte Susanne Kuhn in Linz von der gemeinsamen Reise nach Torremolinos erzählt und scherzhaft angemerkt, man könne darüber vielleicht ein Buch machen. Nicolas Mahler griff die Idee begeistert auf. Seine Zeichnungen sollten helfen, die Erinnerungen leichter zugänglich zu machen und zugleich den Humor der oft skurrilen Situationen einzufangen.

Kuhn schilderte eindrücklich die Reise nach Spanien im November 1988, wenige Monate vor Bernhards Tod. Wegen seines schlechten Gesundheitszustands konnte er nicht mehr allein reisen und bat seine Schwester, ihn zu begleiten – obwohl bekannt war, dass sie unter Flugangst litt. Während des Fluges erzählte er ihr ausgerechnet Geschichten über Flugzeugabstürze. „Dadurch kam ich gar nicht dazu, mich zu fürchten“, erinnerte sie sich mit trockenem Humor.

Die Reise offenbarte zugleich die komplizierte Beziehung der Geschwister. In ihrer Familie bestimmten Machtverhältnisse und traditionelle Rollenbilder das Zusammenleben. Frauen hatten sich anzupassen, ihre Meinungen seien kaum gefragt gewesen. „Wenn man nie reden darf, konnte man auch nie zeigen, was man weiß“, sagte Kuhn. Umso bedeutender sei für sie gewesen, dass Thomas Bernhard während der drei Wochen ihre Gedanken ernst nahm – ein „Ritterschlag“, wie sie es nannte. Der Abend führte tief in die Familiengeschichte hinein. Susanne Kuhn sprach offen über ihre Kindheit, ihre Mutter Herta Fabjan und ein Umfeld, das von Abhängigkeiten und Härte geprägt war. Ihre Mutter habe den Kindern kaum Zuneigung zeigen können. Ein Satz aus einem ihrer Briefe blieb besonders eindringlich: „Nur keinen Gefühlen nachgeben, es hindert am Vorwärtskommen.“

Auch traumatische Erfahrungen kamen zur Sprache. Als Kind kam Kuhn im Rahmen einer sogenannten „Kinderverschickung“ nach Spanien, während ihre schwerkranke Mutter zuhause im Sterben lag. Sie konnte sich nicht von ihr verabschieden. Noch Jahre später verfolgten sie Albträume. Die Mutter lernte sie später vor allem über Tagebücher und Briefe kennen. Besonders prägend sei der Großvater gewesen – das eigentliche Machtzentrum der Familie. Thomas Bernhard habe später gesagt, er habe sich die Großvaterfiguren in seinen Werken „so zurecht geschrieben, wie er den Großvater gerne gehabt hätte“. Susanne Kuhn erinnerte sich dagegen an einen autoritären Mann, der Unterordnung verlangte und Mädchen wenig Beachtung schenkte.

Trotz aller Spannungen verband die Geschwister auch Nähe. Kuhn unterstützte ihren berühmten Bruder finanziell bei Besuchen, bewunderte ihn als Autor und half ihm im Alltag. Umgekehrt stand er ihr in einer schweren Lebensphase bei, als sie unter Depressionen litt. Er organisierte ihr Fahrstunden und ein eigenes Auto und ermöglichte ihr damit ein neues Gefühl von Freiheit. Die Mischung aus Humor, Schmerz und schonungsloser Offenheit machte den Abend zu einer bewegenden Begegnung. Das Buch zeigt nicht nur den weltberühmten Schriftsteller aus ungewohnter Perspektive, sondern erzählt vor allem von einer Frau, die lange im Schatten stand – und inzwischen ihre eigene Stimme gefunden hat.

Bericht und Fotos: Brigitte Janoschka 

7570: Sprechen über das Buch “Drei Wochen mit Thomas Bernhard in Torremolinos”: (von rechts): Susanne Kuhn, Manfred Mittermayer und Nicolas Mahler. Im Hintergrund: Susanne Kuhn und Thomas Bernhard Anfang der 80er Jahre.

7584: Kulturreferentin im Klosterhof, Theresa Sax-Lichtblau, bedankt sich mit Blumen bei Susanne Kuhn. In der Diashow: Thomas Bernhard auf einer Parkbank mit zufällig anwesenden Kindern.

7595: Nicolas Mahler signiert mit einer Zeichnung.

7596: Mit einem gelben Stempel und der Karikatur ihres Kopfes gibt Susanne Kuhn “ihren Senf dazu”, wie sie sagt. Nicolas Mahler signiert mit einer Zeichnung.

7600: Auch Manfred Mittermayer signiert das Buch.

 


Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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