Stimmungsvolle Vokalmusik, verknüpft mit Gedichten von Rilke – Ensemble „Canto delle Dame“ versetzte Besucher in der Stiftskirche in meditative Stimmung – von Helmut Rieger
Eine schöne Idee, am Vorabend zu Pfingsten zu einer poetischen „Vesper“ der besonderen Art in die Stiftskirche einzuladen. Das im Chiemgau beheimatete Vokalensemble „Canto delle Dame“ hatte ein klug aufgebautes Programm unter dem Motto „Geh bis an deiner Sehnsucht Rand“ mitgebracht. Dies ist ein Zitat aus dem „Stundenbuch“ von Rainer Maria Rilke, dessen Tod sich heuer zu hundertsten Mal jährt. Dies war der Anlass für ein Konzert, das Vokalwerke verschiedener Epochen mit Gedichten Rilkes verband. Dabei ergaben sich reizvolle und nachdenkliche Momente.
Der dreizehnköpfige Frauenchor, der seinen Namen auf ein italienisches Vokalensemble der Renaissance zurückführt, steht im Halbrund, schlicht und schwarz gekleidet. Chorleiterin Alessandra de Crescenzo begrüßt die zahlreichen Besucher, bevor sie das erste Rilke-Gedicht rezitiert: „Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.“ Bei den letzten Versen summen im Hintergrund die Sängerinnen einstimmig eine leise Melodie, dann erklingt mehrstimmig die Ballade „Livet är en gåta“ (Das Leben ist ein Geheimnis) von Stefan Forssén, gefolgt von Henry Purcells elegischem „Music for a While“.
An dieses Lied schließt sich Rilkes Gedicht „Wenn die Uhren so nah wie im eigenen Herzen schlagen“, wo es heißt: „…da weiß ich, dass nichts vergeht, keine Geste und kein Gebet…“ Mit der berühmten Händel-Arie „Lascia ch’io pianga“ blieb man zunächst bei melancholischer Abendstimmung. Dies änderte sich mit Rilkes Frage: „Und wie mag die Liebe dir kommen sein?“ Er gibt dazu die Antwort: „Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los.“ Diese glückstrunkenen Worte fanden ihr Pendant im dreistimmigen Chorsatz „Wandl‘ ich in dem Wald des Abends“ von Fanny Mendelssohn (bzw. Hensel), die damit ein Gedicht von Heinrich Heine vertonte. Rilke hat auch Gedichte in französischer Sprache verfasst. Dazu gehört „Dirait-on“, in dem er den Narziss-Mythos verarbeitet und das Morten Lauridsen zu einem charmanten Lied verarbeitete.
Mit Rilkes „Engelliedern“ verknüpfte das Ensemble Carl Maria von Webers Vertonung des Goethe-Gedichts „Wanderers Nachtlied“ und den Chorsatz „Sei stille dem Herrn“, aus Mendelssohn-Bartholdys Oratorium „Elias“. Joseph Rheinbergers frommes „Abendlied“ (aus dem Lukas-Evangelium) passte perfekt zu Rilkes mystischem Gedicht „Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht“.
Max Regers Chorsatz „Im Himmelreich ein Haus steht“ und Moritz Hauptmanns „Gebet“ umrahmten die Gedichte „Die Blätter fallen“ und „Du darfst nicht warten“. Zu Rilkes bekanntem Gedicht „Herbsttag“ („Herr, es ist Zeit“), erklangen der schwedische „Sommerpsalm“ von Waldemar Åhlén und „L’onde est endormie“ des russischen Komponisten César Cui. Mit den Rilke-Gedichten „Vor lauter Lauschen und Staunen“ und „Wir wollen, wenn es wieder Mondnacht wird“ neigte sich diese besinnliche Stunde ihrem Ende zu. Wohltönend sang das Ensemble noch „Seal Lullaby“ von Eric Whitacre und „Gute Nacht“ von Rheinberger, bevor es sich mit dem Gebet „Resta con noi“ (Bleib bei uns) verabschiedete. Der Beifall war so stark, dass die Besucher als Zugabe Johannes Brahms‘ Bearbeitung des Volkslieds „Da unten im Tale“ bekamen.
Das einstündige Chorkonzert, das Stiftskantor Thomas Netter vermittelt hatte, versetzte die Besucher in eine meditative Stimmung. Neben der anspruchsvollen Musik- und Textauswahl und dem klaren mehrstimmigen Gesang beeindruckte das Ensemble durch eine Bescheidenheit, die sich wohltuend in den Sakralraum fügte.
Text: Helmut Rieger / Fotos: Daniella Rieger-Böhm
- Das Vokalensemble „Canto delle Dame“ aus dem Chiemgau
- Die Leiterin von „Canto delle Dame“, Alessandra de Crescenzo, rezitierte passende Gedichte von Rainer Maria Rilke.




