Nußdorf am Inn – Auf den ersten Blick war es eine ganz gewöhnliche Transportszene: ein Lastwagen auf dem Gelände der Spedition Dettendorfer, ein sorgfältig gesicherter langer Stamm auf der Ladefläche, Spanngurte, Metall, Asphalt, die sachliche Ordnung eines Betriebs, in dem Waren normalerweise ohne großes Aufheben von einem Ort zum anderen gebracht werden. Erst auf den zweiten Blick wurde klar, dass hier keine alltägliche Fracht wartete. Auf dem Lkw lag der originale Maibaum, der in diesem Frühjahr von Bayern nach Rom gebracht werden sollte. Und damit lag für ein paar Stunden ein Stück oberbayerischer Brauchkultur mitten im Inntal – reisefertig für die Ewige Stadt.
Bestimmt ist der Baum für die Casa Santa Maria, das Begegnungszentrum der Erzdiözese München und Freising in Rom. Dort soll er im Garten aufgestellt werden, also nicht mit großer vatikanischer Kulisse, sondern in einem Rahmen, der fast schon wieder bayerisch wirkt: überschaubar, würdig, ohne unnötiges Getöse. Gestiftet wurde der Baum von Kardinal Reinhard Marx, vorbereitet vom Brauchtumsverein Moosmotor Schwaig im Landkreis Erding. Rund fünfzehn Meter misst er. In Oberbayern wäre das für einen Maibaum eher eine zurückhaltende Größe; in Rom ist es offenbar genau das richtige Maß. Dort muss ein Baum nicht dem Kirchturm Konkurrenz machen, sondern in einen Garten passen. Manchmal entscheidet nicht die Höhe über die Bedeutung, sondern der Weg, den ein Baum nimmt.
Der Römerbaum, wie man ihn inzwischen nennen könnte, trägt besondere Schilder und den heiligen Korbinian mit seinem Bären. Damit ist die Verbindung zur Erzdiözese München und Freising sichtbar, aber auch jene eigenartige Mischung aus Volksfrömmigkeit, Brauchtum und handwerklicher Sorgfalt, die man in Bayern nicht lange erklären muss. Ein Maibaum ist hier nie bloß ein geschälter Stamm mit Zierat. Er erzählt von einem Ort, von seinen Leuten, von Vereinen, Handgriffen, Musik, Brotzeit und davon, dass Gemeinschaft manchmal am besten funktioniert, wenn keiner zu viele Worte darüber macht.
Für Gesprächsstoff hatte der Baum schon vor seiner eigentlichen Reise gesorgt. Denn während der echte Stamm gut verborgen blieb, fiel andernorts ein Übungsbaum in die Hände der Landjugend Inning am Ammersee. Die jungen Maibaumdiebe hatten offenbar geglaubt, den Baum für Rom erwischt zu haben. Tatsächlich handelte es sich aber um den Probestamm, mit dem die Schwaiger zuvor das Aufstellen geübt hatten. Bei einem Baum dieser besonderen Art musste schließlich manches angepasst werden: Schwalben, Schmuck, Proportionen und Abläufe. Dass ausgerechnet der Testlauf zur Beute wurde, gehört zu jenen bayerischen Geschichten, bei denen man nicht weiß, ob sie als Panne oder als Auszeichnung gelten. Wahrscheinlich beides.
Der echte Baum blieb also unversehrt und setzte später seine Reise Richtung Süden fort. Als er im Inntal bei Dettendorfer Station machte, wurde aus der Transportpause eine kleine Nußdorfer Geschichte. Denn die Nachricht vom besonderen Gast auf dem Lastwagen erreichte den Gebirgstrachtenverein Alpenrosen. Und wer in einem Trachtenverein daheim ist, weiß: Ein Maibaum, der greifbar ist, lässt sich nicht einfach wie eine gewöhnliche Ladung betrachten. Schon gar nicht, wenn er auf dem Weg nach Rom ist. Gerade diese besondere Bestimmung machte die Sache nicht einfacher, sondern reizvoller. Zwischen ehrlichem Respekt und bayerischem Schalk ist im Oberland oft weniger Abstand, als Außenstehende vermuten.
Natürlich ging es nicht darum, den Baum aufzuhalten, zu beschädigen oder der Reise nach Rom irgendein Hindernis in den Weg zu legen. Der Baum hatte seinen Auftrag, und der blieb unangetastet. Aber für einen Augenblick wurde er Teil des Nußdorfer Brauchtums. Die Trachtler versammelten sich, stellten sich zum Baum, machten aus der nüchternen Ladung ein Bild mit Leben, Musik und Augenzwinkern. Man könnte sagen: Der Maibaum wurde nicht gestohlen, sondern kurz in die örtliche Obhut genommen. Das ist ein Unterschied, den man in Bayern sehr genau versteht.
Denn das Maibaumstehlen folgt eigenen Regeln. Es ist kein gewöhnlicher Diebstahl, sondern ein Brauch mit Grenzen, Ritualen und einer guten Portion Verhandlungskunst. Der Baum muss heil bleiben, die Sache soll mit Humor getragen werden, und am Ende steht nicht der Ärger, sondern die Auslöse. Meist geht es dabei um Bier, Brotzeit oder eine gemeinsame Feier. Der Sinn liegt nicht im Wegnehmen, sondern im Zusammenkommen. Darum funktioniert der Brauch nur dort, wo alle Beteiligten wissen, dass Scherz und Respekt zusammengehören.
In Nußdorf wurde daraus keine große Inszenierung. Gerade das machte die Szene schön. Der Baum lag auf dem Lastwagen, gesichert für die Weiterfahrt. Davor und daneben standen Mitglieder des Trachtenvereins in Gewand und Hut. Die Welt des Transports und die Welt des Brauchtums berührten sich für einen Moment, ohne dass viel erklärt werden musste. Ein paar Fotos, ein paar Sprüche, ein paar lachende Gesichter – und doch war darin mehr Geschichte enthalten als in mancher offiziellen Ansprache.
Am Ende ging der Baum weiter seinen Weg. So musste es sein. In der Schrift heißt es: „Nimm, was dein ist, und geh dahin.“ Ganz so streng wurde im Inntal freilich nicht verfahren. Der Satz passt trotzdem: Der Baum blieb, wem er gehörte, und durfte weiterziehen. Die Nußdorfer bekamen ihre Geschichte. Und alle zusammen hatten einen Grund mehr, über die seltsamen Wege zu staunen, auf denen Brauchtum manchmal bis nach Rom gelangt.
Blieb noch die Frage der Auslöse. Bei einem gewöhnlichen Maibaum wäre nun verhandelt worden. Aber was ist gewöhnlich an einem Baum, der einem Kardinal zu verdanken ist und in Rom aufgestellt werden soll? Sollte man die Schwaiger um Brotzeit bitten? Die Erzdiözese um ein Fass Bier? Oder am Ende gar Rom um eine Antwort ersuchen? Solche Gedanken darf man in Bayern haben, solange man sie nicht zu ernst vorträgt. Gerade weil die Sache eine kirchliche Seite hat, braucht sie Takt. Und genau darin liegt die Pointe: Die Nußdorfer wollten kein Geld und keine große Gegenleistung.
Was der Trachtenverein besser gebrauchen könnte, wäre ein Segen. Nicht als Anspruch, nicht als Forderung, sondern als freundliches Zeichen für das bevorstehende Gaufest. Denn hinter einem solchen Fest steckt viel mehr, als Besucher später sehen: Aufbau, Proben, Musik, Fahnen, Bewirtung, Organisation, unzählige Stunden Ehrenamt und am Schluss das Aufräumen, über das selten jemand spricht.
Inzwischen hat diese ungewöhnliche Auslöse tatsächlich Gestalt angenommen. Der Maibaum ist im Vatikan angekommen und soll am 9. Mai im Rahmen einer Maiandacht im Garten der Casa Santa Maria aufgestellt werden. Und die Nußdorfer Maibaumdiebe dürfen dabei sein. Vom Generalvikariat des Erzbistums München und Freising kam die Nachricht, dass sie zur Aufstellung eingeladen sind. Den Flug in die italienische Hauptstadt müssen sie zwar selbst bezahlen, doch Feier und Unterkunft werden vom Gastgeber organisiert. Für einen Maibaumdiebstahl ist das eine Auslöse, wie sie wohl nicht oft in den Chroniken steht.
Diese Gelegenheit lassen sich die Nußdorfer nicht entgehen. Mit einem kurzfristig gebuchten Flug macht sich ein kleiner Teil des Vereins auf den Weg nach Rom. Am Sonntag kehrt die Delegation wieder zurück – vermutlich mit weniger Gepäck als Geschichten. So bekommt die ganze Episode ein Ende, das fast zu schön klingt, um geplant gewesen zu sein: Der Baum steht in Rom, die Schwaiger haben ihr Werk vollendet, und die Nußdorfer dürfen dort dabei sein, wo aus ihrem oberbayerischen Schabernack ein versöhnlicher Schluss wird.
Wenn der Maibaum in der Casa Santa Maria aufgerichtet wird, erzählt er also nicht nur von Schwaig, von Kardinal Marx und von Bayern in Rom. Er erzählt auch von einer kurzen Rast im Inntal, bei der ein Lastwagen zur Bühne wurde und ein gesicherter Stamm für einen Moment zum Mittelpunkt. Es war keine große Affäre, eher eine kleine Begebenheit mit langem Nachklang. Aber gerade solche Geschichten zeigen, dass Glaube und Brauchtum einander nicht stören. Im besten Fall halten sie zusammen: mit Respekt, mit Humor und mit dem sicheren Gespür dafür, wann ein Baum weiterziehen muss – und wann die Auslöse nicht in Bier und Brotzeit besteht, sondern in einer Einladung nach Rom.
Bericht und Foto: Samerberger Nachrichten



