Ein Tagesgebet für Glaubende, Zweifelnde und Suchende
Vor einigen Tagen haben wir an dieser Stelle über „Gottes Telefonnummer“ nachgedacht. Über einen Satz aus dem Buch Jeremia: „Rufe mich an, so will ich dir antworten.“ Es ging um ein Bild aus der Kindheit — einfach, fast spielerisch, und doch erstaunlich tief. Um die Vorstellung, dass es eine Verbindung gibt, eine Adresse für das, was uns bewegt.
Mit den Jahren wird dieses Bild komplizierter. Man lernt, dass ein Ruf nicht immer sofort beantwortet wird. Dass Vertrauen nicht bedeutet, alles zu verstehen. Dass es Zeiten gibt, in denen die Antwort verborgen bleibt und man dennoch nicht ganz verstummen möchte.
Am Ende stand der Gedanke: Wer ruft, hat die Verbindung noch nicht aufgegeben.
Aber wie sieht dieses Rufen im Alltag aus? An einem gewöhnlichen Morgen, zwischen Nachrichten, Aufgaben, Gesprächen, Erwartungen und all dem, was ein Tag mit sich bringt? Wie kann ein Mensch innerlich wach bleiben, ohne alles kontrollieren zu wollen? Wie kann er bitten, danken, zweifeln, hoffen — ohne fertige Worte haben zu müssen?
Vielleicht beginnt ein solches Rufen nicht erst dort, wo große Not ist. Vielleicht beginnt es viel früher: in der Art, wie wir einen Tag betreten. Mit welcher Aufmerksamkeit. Mit welcher Offenheit. Mit welcher Bereitschaft, nicht alles sofort zu bewerten, zu ordnen oder zu beherrschen.
Der folgende Text ist ein Versuch, diesem inneren Rufen eine Sprache zu geben. Man kann ihn ein Gebet nennen. Oder eine Besinnung. Oder einfach eine Ausrichtung für den Tag.
Er will nichts erklären und niemandem etwas vorschreiben. Er lädt nur dazu ein, für einen Moment innezuhalten: vor dem, was gelingt, vor dem, was offenbleibt, vor dem, was schwer ist, und vor dem, was trotzdem trägt.
Tagesgebet für das, was kommt
Gott,
wenn dieser Tag beginnt, weiß ich noch nicht, was er von mir verlangen wird.
Ich weiß nicht, welche Worte mir gelingen und welche ich bereuen werde. Ich weiß nicht, welchen Menschen ich heute begegnen werde, welchen Nachrichten, welchen Zumutungen, welchen kleinen Freuden. Ich weiß nicht, ob ich stark sein werde oder dünnhäutig, geduldig oder müde, offen oder verschlossen.
Aber ich bin da.
Mit allem, was in mir wach ist.
Mit allem, was noch schläft.
Mit allem, was ich tragen kann.
Und mit allem, was mir längst zu schwer geworden ist.
Lass mich diesen Tag nicht nur erledigen. Lass mich ihn wahrnehmen.
Das Licht am Morgen. Den ersten Atemzug. Die Stimmen der Menschen. Die Arbeit, die getan werden muss. Die Wege, die ich gehe. Die kleinen Zeichen, die man leicht übersieht, weil man zu beschäftigt ist mit dem, was drängt.
Bewahre mich davor, hart zu werden, nur weil das Leben manchmal hart ist.
Gib mir ein waches Herz für das, was leise ist. Für die Menschen, die nicht laut um Aufmerksamkeit bitten. Für die Sorgen hinter den Sätzen. Für die Müdigkeit in einem Gesicht. Für den Dank, der unausgesprochen bleibt. Für das Gute, das nicht glänzt.
Hilf mir, heute nicht alles kontrollieren zu wollen.
Es gibt Dinge, die ich ordnen kann. Termine, Aufgaben, Pflichten, Entscheidungen. Und es gibt Dinge, die sich meiner Hand entziehen. Die Stimmung eines anderen Menschen. Der Ausgang eines Gesprächs. Die Richtung eines Lebens. Die Antwort auf Fragen, die größer sind als dieser Tag.
Lass mich unterscheiden zwischen dem, was ich tun muss, und dem, was ich loslassen darf.
Wenn ich heute spreche, lass meine Worte nicht größer sein als mein Herz. Lass sie klar sein, wo Klarheit nötig ist. Sanft, wo Sanftheit hilft. Und still, wo Schweigen wahrhaftiger ist als eine schnelle Antwort.
Wenn ich heute arbeite, lass mich nicht nur funktionieren. Lass mich tun, was zu tun ist, aber nicht vergessen, dass ich mehr bin als meine Leistung. Mehr als das, was gelingt. Mehr als das, was andere von mir erwarten.
Wenn mir heute etwas misslingt, bewahre mich vor der Härte gegen mich selbst. Nicht alles, was scheitert, ist verloren. Nicht jeder Fehler ist ein Urteil. Nicht jede Schwäche ist ein Ende.
Wenn mir heute etwas gelingt, bewahre mich vor Hochmut. Nicht alles, was gelingt, kommt allein aus meiner Kraft. Manches wird mir geschenkt: ein guter Gedanke, ein rechter Augenblick, ein Mensch, der mitträgt, eine Tür, die sich öffnet.
Wenn ich heute jemandem begegne, der schwer zu ertragen ist, gib mir Geduld, ohne mich selbst zu verleugnen. Wenn ich jemandem begegne, der mich braucht, gib mir Nähe, ohne mich zu verlieren. Wenn ich jemandem begegne, der mir guttut, lass mich dankbar sein, ohne es für selbstverständlich zu halten.
Und wenn ich heute an Grenzen komme, lass mich nicht so tun, als hätte ich keine.
Manchmal ist ein Tag zu laut. Manchmal ist ein Mensch zu müde. Manchmal reicht die Kraft nicht für alles, was man sich vorgenommen hat. Dann lass mich nicht verzweifeln an dem, was offenbleibt. Lass mich das Unfertige aushalten, ohne daran zu zerbrechen.
Vielleicht ist nicht jeder Tag dazu da, vollendet zu werden.
Vielleicht reicht es manchmal, ihn ehrlich zu bestehen.
Ich rufe dich an — nicht, weil ich fertige Worte habe. Nicht, weil ich sicher bin. Nicht, weil ich alles verstehe.
Ich rufe dich an, weil ich nicht alles in mir selbst verschließen will.
Manchmal ist mein Gebet ein Satz. Manchmal nur ein Seufzer. Manchmal ein stiller Blick aus dem Fenster. Manchmal der Wunsch, nicht allein zu sein. Und manchmal weiß ich nicht einmal, ob ich wirklich bete oder nur hoffe, dass irgendwo eine Antwort möglich ist.
Wenn du antwortest, dann vielleicht nicht so, wie ich es erwarte.
Vielleicht nicht laut.
Vielleicht nicht sofort.
Vielleicht nicht als Lösung.
Vielleicht als Kraft, den nächsten Schritt zu tun. Als Ruhe mitten im Ungeklärten. Als Mensch, der zur rechten Zeit da ist. Als Gedanke, der nicht von mir allein kommt. Als Mut, der kleiner ist als Gewissheit, aber groß genug für diesen Tag.
Lass mich heute nicht verstummen.
Nicht vor dem Schönen.
Nicht vor dem Schweren.
Nicht vor dir.
Nicht vor mir selbst.
Wenn der Abend kommt, lass mich zurückschauen können, ohne alles rechtfertigen zu müssen. Auf das Gelungene mit Dank. Auf das Misslungene mit Ehrlichkeit. Auf das Unerledigte mit Geduld. Auf das Schwere mit der Bitte, dass es mich nicht ganz einnimmt.
Und wenn ich diesen Tag aus der Hand lege, dann lass mich glauben können, dass nicht alles verloren ist, was unvollkommen blieb.
Dass ein Ruf nicht sinnlos ist, nur weil die Antwort verborgen bleibt.
Dass ein Mensch weitergehen kann, auch ohne alles zu verstehen.
Dass es Verbindungen gibt, die tiefer reichen als unsere Gewissheit.
Gott, begleite diesen Tag.
Nicht als Erklärung für alles.
Nicht als schnelle Antwort auf jede Frage.
Sondern als Gegenwart, die bleibt, wenn Worte fehlen.
Amen.
Beitrag: Rainer Nitzsche



