Es gibt Sätze, die man als Kind hört und zunächst gar nicht als etwas Besonderes erkennt. Sie gehören einfach dazu. Wie der Klang einer Stimme, wie ein vertrauter Geruch im Hausflur, wie das Licht, das an einem Nachmittag durch das Fenster fällt. Erst viel später, in der Stille des Erwachsenseins, merkt man, dass sie geblieben sind. Dass sie etwas in einem getragen haben.
Mein Vater sagte mir einmal, als ich noch ein kleiner Junge war: „Gottes Telefonnummer ist Jeremia 33,3.“
Ich weiß nicht mehr, in welcher Situation er es sagte. Vielleicht war es beiläufig. Vielleicht mit einem Lächeln. Vielleicht auch in jenem Ton, in dem Erwachsene Kindern etwas mitgeben, ohne zu wissen, ob es jemals wieder auftauchen wird.
Gottes Telefonnummer.
Für ein Kind ist das kein schwieriger Gedanke. Kinder nehmen Bilder ernst. Sie müssen nicht sofort prüfen, ob etwas logisch sauber, vernünftig oder zeitgemäß ist. Sie hören einen Satz – und wenn er warm genug ist, nistet er sich ein.
Jeremia 33,3: „Rufe mich an, so will ich dir antworten und will dir kundtun große und unfassbare Dinge, von denen du nichts weißt.“
Damals war das ein tröstlicher Gedanke. Da gab es eine Nummer. Eine Verbindung. Einen Ort, an den man sich wenden konnte, ohne Angst vor einem Besetztzeichen. Das Große, Unfassbare war nicht unerreichbar hinter schweren, unverständlichen Worten versteckt. Es war ansprechbar. Fast nah.
Später wird das komplizierter.
Nicht, weil der Satz kleiner würde, eher, weil das Schweigen größer wird. Man lernt, dass Rufen nicht automatisch bedeutet, eine Stimme im Hörer zu haben. Man erfährt, dass das Leben oft ganz anders antwortet, als man es erwartet. Manchmal auch gar nicht. Zumindest nicht hörbar.
Man erlebt Nächte, in denen die Leitung tot scheint und das eigene Rufen in eine Stille fällt, die schwer auszuhalten ist.
Hier bricht die kindliche Metapher. Ein Telefon, bei dem am anderen Ende niemand abhebt, ist defekt. Oder unbesetzt. Wenn auf den eigenen Ruf nur Stille folgt, gerät das kindliche Vertrauen ins Wanken. Man fragt sich, ob man die falsche Nummer gewählt hat. Oder ob da überhaupt jemand ist, der zuhört.
Und doch verschwindet dieser Satz nicht. Er weigert sich, zu verblassen.
Vielleicht, weil gerade dort, wo das Bild an seine Grenze kommt, seine eigentliche Stärke sichtbar wird. Nicht als Beweis. Nicht als Erklärung. Nicht als Antwort, die man vorzeigen könnte. Sondern als leise Erinnerung daran, dass der Mensch nicht alles in sich selbst verschließen muss.
Vielleicht liegt die eigentliche Kraft dieses alten Satzes nicht darin, dass er das Schweigen auflöst. Vielleicht liegt sie darin, dass er den Menschen davor bewahrt, selbst zu verstummen.
Eine Nummer, die man nicht mit den Fingern wählt, sondern mit dem Herzen. Eine Erinnerung daran, dass die Suche nach Halt keine fertigen, klugen Worte braucht. Manchmal reicht ein Ruf. Manchmal reicht ein Seufzer. Manchmal reicht der stille Wunsch, nicht allein zu sein.
Ob dieser Ruf gehört wird, bleibt manchmal verborgen. Vielleicht ist genau das die Grenze, an der Vertrauen nicht mehr kindlich ist. Nicht mehr sicher. Nicht mehr einfach. Aber vielleicht auch wahrhaftiger.
Denn wer ruft, hat die Verbindung noch nicht aufgegeben.
Und vielleicht ist das schon mehr, als man in manchen Stunden von sich verlangen kann.
Auch das kann ein großes und unfassbares Ding sein.
Beitrag: Rainer Nitzsche



