Kloster Thyrnau in Niederbayern führt traditionsreiche Stickerei weiter – Mit dem Tod der langjährigen Mutter Äbtissin Dr. Mechthild Bernart Anfang Februar dieses Jahres ist im Kloster Thyrnau eine Persönlichkeit von großer Bedeutung für die Abtei und insbesondere für die dortige Paramenten- und Fahnenstickerei verstorben. Gleichzeitig ist für die Gemeinschaft der Zisterzienserinnen aber auch eine neue Aufgabe entstanden: die Zukunft eines traditionsreichen Handwerksbetriebes zu sichern, der weit über die Region hinaus bekannt ist und seit vielen Jahren kirchliche Textilien ebenso wie Fahnen und Vereinsbedarf fertigt.
Wie Schwester Lucia Kienzler schildert, gehe es derzeit vor allem darum, deutlich zu machen, dass mit dem Tod der früheren Leiterin keineswegs das Ende der Stickerei verbunden sei. „Jetzt kämpfe ich darum, dass die Menschen begreifen, dass mit diesem Tod die Stickerei nicht zu Ende ist“, so Schwester Lucia. Schließlich hingen sechs Arbeitsplätze an diesem Bereich des Klosters: drei Stickerinnen und drei Schneiderinnen seien dort beschäftigt. Gemeinsam mit Schwester Josefa übernehme sie nun verstärkt die organisatorischen und administrativen Aufgaben im Hintergrund.
Das Kloster Thyrnau blickt selbst auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. Das heutige Gebäude wurde im Jahr 1718 unter Fürstbischof Raimund Graf von Rabatta als fürstbischöfliches Jagdschloss errichtet und gehörte den Passauer Bischöfen. Nach der Säkularisation im Jahr 1802 wechselte das Anwesen innerhalb eines Jahrhunderts durch insgesamt neun Privathände, ehe es schließlich 1902 von den Zisterzienserinnen erworben wurde. Die Schwestern waren damals aus der Schweiz nach Niederbayern gekommen. Der Konvent war ursprünglich bereits 1245 im Kloster Rathausen bei Luzern gegründet worden. Im Jahr 1848 mussten die Ordensfrauen ihre Heimat verlassen. Nach einer Zwischenstation im französischen Vézelise in den Jahren von 1876 bis 1902 führte der Weg schließlich nach Bayern, nachdem die Gemeinschaft auch aus Frankreich ausgewiesen worden war. Nach dem Erwerb des Schlosses in Thyrnau errichteten die Schwestern einen zusätzlichen Klosterflügel mit den notwendigen Klosterzellen. Auch die Kirche entstand im Jahr 1914 im neubarocken Stil. Eine umfassende Renovierung des Gotteshauses erfolgte zuletzt im Jahr 2018.
Bis heute leben die Zisterzienserinnen nach der Regel des Heiligen Benedikt mit dem Leitspruch „ora et labora“, also „bete und arbeite“. Das Gebet und das Lob Gottes sehen die Schwestern als ihre zentrale Aufgabe an. Daneben übernahmen sie im Lauf der Jahrzehnte aber immer wieder unterschiedliche Tätigkeiten und Arbeitsfelder. Unter anderem gehörte über lange Zeit auch die Ausbildung junger Frauen im Bereich Hauswirtschaft dazu. Besondere Bedeutung erlangte im Laufe der Jahre die Paramenten- und Fahnenstickerei. Sie wurde weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt und bildet heute gemeinsam mit dem Gästehaus die wichtigste Einnahmequelle des Klosters. Angefertigt werden dort nicht nur Paramente und liturgische Gewänder für den kirchlichen Gebrauch, sondern ebenso Fahnen, Fahnenbänder, Wimpel und Standarten für Vereine.
Gerade im Bereich der Trachten-, Veteranen-, Schützen- und kirchlichen Vereine besteht weiterhin Bedarf an handwerklich gefertigten Arbeiten dieser Art. In Thyrnau wird dabei bewusst an der traditionellen Handstickerei festgehalten. Maschinen kommen lediglich bei klassischen Näharbeiten oder zur Stabilisierung älterer Stoffe zum Einsatz. Vor dem eigentlichen Stickvorgang steht jeweils der Entwurf. Ideen und Vorstellungen der Auftraggeber werden zeichnerisch ausgearbeitet, ehe anschließend mit Nadel und Faden gestickt wird. Verwendet werden dabei häufig Leinengarne und Japangold. Erst nach Abschluss der Stickarbeiten erfolgt in der Schneiderei das Zusammensetzen der einzelnen Teile. Schwester Lucia betont, dass man neben neuen Aufträgen auch Restaurierungen und Aufarbeitungen älterer Fahnen oder Gewänder übernehme. Viele Stücke könnten auf diese Weise wieder in neuem Glanz erscheinen. „Sprechen Sie uns an: gerne arbeiten wir neue Entwürfe nach Ihren Vorstellungen aus“, heißt es dazu aus dem Kloster.
Der Alltag der Gemeinschaft habe sich durch die neue Verantwortung allerdings deutlich verändert. Neben Kundengesprächen, Materialbeschaffung und Rechnungsstellung gelte es nun auch, den gesamten Betrieb organisatorisch neu aufzustellen. Schwester Lucia schildert die derzeitige Situation mit einem gewissen Humor, wenn sie davon spricht, dass ihr „neues Dasein als Chefin des Hauses“ oftmals das gleichzeitige Zusammentreffen von Telefonaten, Besuchern und verschiedensten Anliegen mit sich bringe. Gleichzeitig zeigt sich aber auch die Zuversicht der Gemeinschaft. Die langjährigen Mitarbeiterinnen verfügten über große Erfahrung und hohe fachliche Kompetenz. Gemeinsam wolle man die bisherigen Kunden weiter betreuen und zugleich neue Auftraggeber gewinnen. „So hoffen wir, dass wir jede Menge neue und alte Kunden begrüßen dürfen und dass wir unseren Betrieb in eine gute Zukunft führen“, erklärt Schwester Lucia. Gerade für Vereine dürfte die Arbeit der Thyrnauer Stickerei weiterhin von Interesse sein. Fahnen und Fahnenbänder besitzen vielerorts nach wie vor einen hohen ideellen Wert und begleiten oft über Generationen hinweg das Vereinsleben. Entsprechend groß ist die Bedeutung fachgerechter Herstellung ebenso wie sorgfältiger Restaurierung.
Auch deshalb wünschen sich die Verantwortlichen des Klosters, dass die traditionsreiche Werkstätte weiterhin stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt. Die Verbindung von klösterlicher Tradition, handwerklicher Qualität und persönlicher Betreuung soll dabei auch künftig das besondere Kennzeichen der Thyrnauer Stickerei bleiben.
Weitere Informationen zur Geschichte des Klosters sowie zur Paramenten- und Fahnenstickerei sind auf der Internetseite des Klosters unter www.kloster-thyrnau.de zu finden. Grundlage des Berichtes sind die Mitteilungen von Schwester Lucia Kienzler sowie die Angaben des Klosters.
Fotos: Eindrücke von den Fertigkeiten im Kloster Thyrnau
- Thyrnauer Konvent im Kapitelsaal
- Kloster Thyrnau
- Gestickte Osterstola
- Fahnensticken v.l.: Sr. Josefa, Chef-Schneiderin Sonja Knon, Sr. Lucia und Stickerin Doina Hinterreiter
- Stickerin Doina Hinterreiter








