Unsere Fotoreportage vom Festsonntag:
Im ersten Teil berichten wir vom traditionellen Aufwecken am frühen Morgen. Der zweite Teil zeigt den Kirchenzug und den Festgottesdienst im Nußdorfer Waldpark. Der große Festzug am Nachmittag ist in diesem Beitrag vorgestellt.
5.300 Trachtler, 25 Musikkapellen und 42 Festwagen machten Nußdorf zur großen Bühne des Bayerischen Inngaus
Es gibt Feste, die ein Ort ausrichtet. Und es gibt Feste, die ein ganzer Ort trägt. Das 106. Gaufest des Bayerischen Inngau-Trachtenverbandes in Nußdorf gehörte ohne Zweifel zur zweiten Kategorie. Anlässlich des 130-jährigen Bestehens des GTEV „Alpenrose“ Nußdorf verwandelte sich die Gemeinde für einen Tag in einen eindrucksvollen Mittelpunkt von Tracht, Volksmusik, Glaube und gelebter Gemeinschaft.

Schon am frühen Vormittag zeigte sich, dass dieser Gaufestsonntag weit mehr werden sollte als ein großer Festtag im Kalender. Fahnen wehten an den Häusern, die Straßen waren geschmückt, auf Balkonen und an Gartenzäunen warteten die ersten Zuschauer. Überall im Ort sammelten sich Trachtler, Musikanten und Fahnenabordnungen. Hüte wurden gerichtet, Instrumente gestimmt und die schweren Vereinsfahnen für den Kirchenzug vorbereitet.

Kurz nach 9 Uhr setzte sich der Zug zum Festgottesdienst in Bewegung. Voran gingen die Fahnenabordnungen, die Trachtler des gastgebenden Vereins und die Musikkapelle Nußdorf. Es folgten die Vereine des Bayerischen Inngaus sowie die Musikkapellen aus Raubling und Rohrdorf. Der Weg führte durch den Ort zum Waldpark, dessen hohe Bäume an diesem heißen Sommertag willkommenen Schatten spendeten.
Festgottesdienst unter den Bäumen
Der Waldpark bot eine Kulisse, wie sie für diesen Anlass kaum passender hätte sein können. Unter dem dichten Blätterdach versammelten sich Hunderte Trachtler in ihren unterschiedlichen Vereinstrachten. Fahnen und Standarten ragten zwischen den mächtigen Baumstämmen empor, während sich vor dem Freialtar eine große, festlich gekleidete Gemeinschaft formierte.
Pfarrer Christoph Rudolph und Pfarrer Dr. Darius Magunda zelebrierten den Festgottesdienst unter freiem Himmel. Hinter dem Altar erhob sich ein großes, aus gelben und weißen Blumen gestaltetes Kreuz. Kinder und Jugendliche des Festvereins standen an der Seite der Geistlichen, Fahnen flankierten den Altarraum. Die Musik, das gemeinsame Gebet und die zahlreichen Trachtler unter den Bäumen verliehen dem Gottesdienst eine besondere Würde.

Dieser Gottesdienst war kein lediglich vorgeschriebener Programmpunkt vor dem großen Festzug. Er machte sichtbar, aus welchen Wurzeln das Trachtenwesen entstanden ist und bis heute lebt: aus der Verbindung von Glaube, Heimat, Brauchtum und Verantwortung für die Gemeinschaft. Gerade in der Ruhe des Waldparks wurde deutlich, dass ein Gaufest nicht allein aus Musik, Tanz und prächtigen Gewändern besteht. Es ist auch eine Vergewisserung dessen, was Menschen über Generationen hinweg miteinander verbindet.

Nach dem Gottesdienst zogen die Vereine wieder zurück in Richtung Festzelt. Musikkapellen spielten auf, Fahnen wurden durch die Straßen getragen, Kinder und Jugendliche marschierten in langen Reihen durch das sommerliche Nußdorf. Schon dieser Rückweg vermittelte einen ersten Eindruck von der Größe des Festes. Doch der eigentliche Höhepunkt stand noch bevor.
Ein Festzug von eindrucksvoller Größe
Am Nachmittag wurde das ganze Dorf zur Festzugstrecke. Entlang der Straßen standen die Zuschauer dicht an dicht. Sie warteten vor den Häusern, auf Balkonen, hinter Gartenzäunen und auf schattigen Plätzen unter den Bäumen. Viele waren selbst in Tracht gekommen. Aus den geöffneten Fenstern und von den Balkonen wurde gewunken, fotografiert und applaudiert.

Dann kündigte Blasmusik den ersten Zug an. Was folgte, war ein farbenprächtiges Bild, das sich über Stunden durch Nußdorf bewegte.
Nach den offiziellen Zahlen nahmen 5.300 Trachtlerinnen und Trachtler aus 43 Vereinen am Festzug teil. Begleitet wurden sie von 25 Musikkapellen. Der Zug war in fünf Abteilungen gegliedert. Hinzu kamen 42 Motivwagen, Festwagen und Kutschen, gezogen von prächtig herausgebrachten Pferdegespannen und geführt von erfahrenen Rosserern.

Diese Zahlen vermitteln die Dimension des Festzuges. Seine eigentliche Wirkung entstand jedoch aus den vielen einzelnen Bildern: aus den Kindern, die ernst und konzentriert in ihren Reihen marschierten; aus jungen Frauen mit kunstvoll geflochtenen Haaren, silbernem Miederbesatz und leuchtendem Blumenschmuck; aus den langen Reihen der Buam und Männer mit grauen Joppen, bestickten Lederhosen und mächtigen Gamsbärten.

Dazwischen erklangen Märsche aus allen Richtungen. Tuben und Hörner glänzten in der Sonne, Trommeln gaben den Schritt vor, Klarinetten und Flöten setzten die Melodien darüber. Wenn eine Kapelle vorbeigezogen war, kündigte sich bereits die nächste an. Dazu kamen das Klappern der Pferdehufe, das Knarren der Wagenräder und der Applaus der Zuschauer.
Tracht in ihrer ganzen Vielfalt
Der Festzug wurde auch zu einer eindrucksvollen Schau der unterschiedlichen Trachten des Inngaus und der benachbarten Regionen. Von Verein zu Verein wechselten Farben, Schnitte, Schürzen, Tücher, Mieder und Hutformen. Blaue, grüne, rote, rosafarbene und silbrig schimmernde Stoffe prägten das Bild. Jede Tracht erzählte etwas über ihren Herkunftsort, über örtliche Traditionen und über die Geschichte des jeweiligen Vereins.
Der größte teilnehmende Verein außerhalb des gastgebenden GTEV „Alpenrose“ Nußdorf war der Trachtenverein Altenbeuern. Er trat mit 170 Trachtlern und weiteren 46 Musikanten an und stellte damit eine besonders eindrucksvolle Formation.

Auch die Trachtler vom Samerberg waren im Festzug vertreten. Der GTEV „Hochries-Samerberg“ aus Grainbach zog mit seiner Fahne, den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durch den Ort. Die Grainbacher Kutsche mit älteren Vereinsmitgliedern zeigte dabei besonders schön, dass ein Trachtenverein mehrere Generationen zusammenführt: jene, die heute Verantwortung tragen, jene, die erst in die Gemeinschaft hineinwachsen, und jene, die den Verein über viele Jahrzehnte geprägt haben.
Überhaupt gehörten die Wagen und Kutschen zu den eindrucksvollsten Teilen des Zuges. Manche waren aufwendig mit Blumen, Girlanden und Tannengrün geschmückt, andere griffen historische oder handwerkliche Themen auf. Auf den Wagen saßen Kinder, verdiente Vereinsmitglieder und ältere Trachtler, für die sich damit die Möglichkeit bot, weiterhin sichtbar Teil des großen Festes zu sein.
Die Menschen machen den Festzug
Unter den Gästen und Ehrengästen befanden sich zahlreiche Vertreter aus Politik, Kirche, Verbänden und Kommunen, darunter Daniela Ludwig und Rosenheims Oberbürgermeister Abuzar Erdogan. Auch sie reihten sich in den Festzug ein.
Doch die eigentliche Stärke dieses Tages lag nicht in prominenten Namen. Sie lag in den Tausenden Menschen, die gemeinsam ein Bild von außergewöhnlicher Geschlossenheit entstehen ließen.
Da waren die kleinen Buam mit ihren Strohhüten, die sich lachend in den Armen lagen. Mädchen, die trotz der Hitze diszipliniert in langen Reihen marschierten. Junge Fahnenbegleiter, die ihre Aufgabe mit sichtbarem Stolz erfüllten. Ältere Frauen in festlicher Tracht, die auf den Wagen den Zuschauern zuwinkten. Musikanten, denen die Anstrengung des langen Weges anzusehen war und die dennoch weiterspielten. Rosserer, die ihre Pferde aufmerksam durch die dicht gesäumten Straßen führten.

Auch am Straßenrand zeigte sich die Verbundenheit der Region. Familien warteten gemeinsam auf den Zug, Kinder saßen auf Mauern und Zäunen, ältere Zuschauer suchten sich einen Platz im Schatten. Unter ihnen verfolgten auch der Samerberger Diakon Günter Schmitzberger und seine Frau das Geschehen.
Diese Begegnungen zwischen den Menschen im Zug und den Zuschauern machten den Festzug lebendig. Es war kein Vorbeimarsch vor einem anonymen Publikum. Viele kannten einander, riefen sich Namen zu, winkten Freunden und Verwandten oder entdeckten bekannte Gesichter in den Reihen.
Eine Leistung des ganzen Ortes
Es wäre zu wenig, bei diesem Gaufest ausschließlich von der Leistung des Festvereins zu sprechen. Ohne den GTEV „Alpenrose“ Nußdorf, seine Verantwortlichen und seine unzähligen Helfer wäre ein solches Fest selbstverständlich nicht denkbar gewesen. Doch ebenso sichtbar wurde die Gesamtleistung der Gemeinde und ihrer Bevölkerung.

Ein Fest mit 5.300 Trachtlern, 25 Musikkapellen, 42 Wagen und Kutschen sowie Tausenden Zuschauern lässt sich nicht improvisieren. Dafür braucht es eine präzise Organisation, abgestimmte Zugwege, Verkehrslenkung, Sicherheitskonzepte, Verpflegung, Parkmöglichkeiten, Sanitätsdienste, Ordner, Einsatzkräfte und eine Vielzahl von Helferinnen und Helfern, die schon lange vor dem ersten Festtag tätig sind.
Hinzu kamen die vielen Bewohner, die ihre Häuser schmückten, Fahnen anbrachten, Gärten und Grundstücke zur Verfügung stellten, Einschränkungen in Kauf nahmen und den Gästen mit großer Offenheit begegneten. Gastwirte, Geschäfte, Vereine, Einsatzorganisationen und private Helfer wirkten zusammen. Während vorne der Festzug vorbeizog, sorgten im Hintergrund unzählige Menschen dafür, dass alles funktionierte.

Nußdorf stellte an diesem Tag nicht nur Straßen und Plätze für eine Großveranstaltung bereit. Die Gemeinde erwies sich als wirkliche Gastgeberin. Das Dorf präsentierte sich gepflegt, festlich und gleichzeitig bodenständig. Trotz der enormen Zahl an Teilnehmern und Besuchern blieb die Atmosphäre freundlich und persönlich.
Gerade darin lag eine besondere Qualität dieses Gaufestes: Es wirkte groß, ohne seine Nähe zu verlieren. Der Festzug hatte die Dimension eines überregionalen Großereignisses, blieb aber dennoch ein Fest, bei dem Kinder am Gartenzaun winkten, Bekannte einander zuriefen und die Musik zwischen Bauernhäusern, Gasthöfen und dem Nußdorfer Maibaum erklang.
Brauchtum, das gelebt wird
Ein Festzug dieser Größe ist zweifellos ein prächtiges Schauspiel. Doch würde man ihn allein als farbenfrohe Vorführung betrachten, hätte man seinen Kern nicht verstanden.
Die Trachten, Fahnen und Musikstücke sind nicht für einen einzigen Festtag geschaffen worden. Hinter ihnen stehen Probenabende, Jugendstunden, Vereinsarbeit, handwerkliches Können, Familiengeschichten und jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement. Die Kinder, die heute in den ersten Reihen marschieren, werden vielleicht später selbst Gruppen leiten, Instrumente spielen, Fahnen tragen oder Verantwortung im Verein übernehmen.

Ein Gaufest macht diese Weitergabe sichtbar. Es zeigt nicht nur, was aus der Vergangenheit bewahrt wurde. Es zeigt, ob eine Tradition noch Zukunft besitzt. Angesichts der vielen Kinder und Jugendlichen im Nußdorfer Festzug kann die Antwort nur lauten: Dieses Brauchtum lebt.
Am Ende dieses langen Tages blieben Bilder von wehenden Fahnen, glänzenden Instrumenten, festlich geschmückten Pferden und nicht enden wollenden Reihen von Trachtlern. Vor allem aber blieb das Bild einer Gemeinde, die gemeinsam Außergewöhnliches geleistet hat.
Der GTEV „Alpenrose“ Nußdorf hat sein 130-jähriges Bestehen mit einem Gaufest gefeiert, das seiner langen Geschichte würdig war. Und Nußdorf hat gezeigt, was möglich ist, wenn ein Verein, eine Gemeinde und ihre Bevölkerung nicht nebeneinander, sondern miteinander arbeiten.
So wurde dieser Gaufestsonntag mehr als eine große Veranstaltung. Er wurde zu einem sichtbaren Zeichen dafür, dass Heimat dort lebendig bleibt, wo Menschen bereit sind, sie gemeinsam zu tragen.
Beitrag & Fotos: Rainer Nitzsche








