Erst abgesagt, dann gefeiert: Immlinger Chor triumphiert in Tiflis – Standing Ovations und langanhaltender Applaus für den Festivalchor Immling in Tiflis:
Mit Giuseppe Verdis Requiem unter der Leitung von Cornelia von Kerssenbrock eroberten die Sängerinnen und Sänger, zusammen mit zwei georgischen Chören, die Herzen des Publikums im Sturm. Kaum eine Aufführung ließ die Zuhörer so bewegt zurück. Dabei stand das Gastspiel unter schwierigen Vorzeichen – unvorhersehbare Ereignisse drohten die Reise zu überschatten.
Am 16. März waren rund 40 Choristen und 20 Gäste nach Georgien aufgebrochen. Seit dem Herbst des Vorjahres hatten sie sich intensiv auf diesen besonderen Auftritt vorbereitet. Viele nahmen eigens Urlaub, um an der Reise teilnehmen zu können. Kaum angekommen, begannen die ersten Proben gemeinsam mit dem Philharmonischen Chor Tiflis und dem Batumi Chor. Kein Wunder – Verdis Requiem zählt zu den monumentalsten Chorwerken überhaupt.
Doch dann die erschütternde Nachricht: Der Patriarch Ilia II., seit fast fünf Jahrzehnten geistliches Oberhaupt Georgiens und eine der prägendsten Persönlichkeiten des Landes, war verstorben. Die Regierung ordnete Staatstrauer an, sämtliche Konzerte wurden abgesagt – auch das geplante Requiem. Der Schock saß tief, die Enttäuschung war groß. Und doch blieb ein Funken Hoffnung: Vielleicht würde sich doch noch eine Möglichkeit ergeben.
Da Proben vorerst nicht stattfinden konnten, nutzte die Gruppe die Zeit für Ausflüge. Archil Ushveridze, musikalischer Leiter des Internationalen Chorfestivals Tiflis, wollte den Gästen seine Heimat näherbringen. Ziel war die Swetizchoweli-Kathedrale im Herzen von Mzcheta, ein UNESCO-Weltkulturerbe und Meisterwerk georgischer Baukunst, reich geschmückt mit Fresken und Ikonen. Cornelia von Kerssenbrock zeigte sich tief beeindruckt – und kam dort sogar mit einem Priester ins Gespräch. Als dieser hörte, dass sie aus Deutschland stammt, begann er begeistert Fußballvereine und Spieler aufzuzählen: „Union Berlin, Dynamo Dresden, Beckenbauer“. Die Dirigentin konterte schlagfertig mit „Mozart, Beethoven!“ – woraufhin der Priester nach kurzem Überlegen erwiderte: „Ah, Beethoven, Schostakowitsch.“ Ein heiterer Moment, der zeigte: Musik und Sport verbinden über alle Grenzen hinweg.
Gesang ist im Leben der Georgier fest verankert. Bei einem Workshop in georgischer Vokalmusik, unter der Leitung von Archil Ushveridze, konnten die Choristen in die Jahrtausende alte Tradition hineinschnuppern. Ergreifend und unglaublich schön. Dann schließlich die erlösende Nachricht: Das Konzert durfte stattfinden – allerdings erst zwei Tage später, nach Abschluss der Trauerfeierlichkeiten. Ein organisatorischer Kraftakt begann. Flüge mussten umgebucht, Aufenthalte verlängert und Entscheidungen getroffen werden: Wer konnte bleiben, wer musste abreisen?
Auch die Probenbedingungen waren alles andere als ideal. Die gemeinsame Vorbereitung aller Beteiligten – der drei Chöre, der Solisten, der Georgian Sinfonietta und des Staatsorchester Tiflis– blieb auf ein Minimum beschränkt. Doch bei der Aufführung war davon nichts zu spüren. Cornelia von Kerssenbrock gelang ein kleines Wunder: Mit großer Intensität brachte sie die emotionalen Facetten des Werks zur Geltung – Angst, Trauer, Zorn und Trost. Ein Requiem wie ein Operndrama, das das Publikum tief berührte und für Gänsehautmomente sorgte.
Wer dieses eindrucksvolle Erlebnis noch einmal miterleben möchte, hat dazu beim Immling Festival am 2. August Gelegenheit.
Bericht und Bilder: Immling Festival / David Goldberg (Konzert) / Mariella Weiss.






