Lokale Aktionsgruppen zwischen Inn und Salzach besichtigen Leader-Projekte in Chieming und Pittenhart
Chieming – Pittenhart. Die erste von drei Exkursionen im Rahmen des Austausches der drei Lokalen Aktionsgruppen (LAG) zwischen Inn und Salzach fand in den Gemeinden Chieming und Pittenhart statt. Die LAG-Vertreter der Chiemgauer Seenplatte, der Regionalinitiative Mangfalltal-Inntal und der LAG Traun-Alz-Salzach – bestehend aus etwa 40 Personen, darunter mehr als ein Dutzend Bürgermeister zwischen Brannenburg und Burgkirchen – trafen sich, um von Leader geförderte Projekte in den benachbarten LAG-Regionen kennenzulernen.
Den Anfang machte die LAG Chiemgauer Seenplatte. Begonnen hatte die Halbtages-Exkursion im Foyer des Chieminger Rathauses, weil zunächst Beispiele der Römerregion Chiemsee besichtigt werden sollten. Gastgeber und Bürgermeister Stefan Reichelt begrüßte die Gruppe und Ortsheimatpfleger Hubert Steiner erklärte sogleich den dort ausgestellten römischen Grabstein. Gefunden wurde das im Original erhaltene Relikt erst 2014 an der Laimgruber Straße bei der Versetzung der dort stehenden Lourdes-Kapelle in deren Fundament. Der auf das 2. Jahrhundert datierbare Stein wurde vermutlich von einem Aristokraten aus der Oberschicht Noricums – vergleichbar aus heutiger Sicht einem Stadtrat oder Bürgermeister – aus der Verwaltungsstadt Juvavum (Salzburg) gestiftet. Steiner führte anschließend in das Obergeschoss des Rathauses, wo eine Dauerausstellung die Bodenschichten von der Münchshöfener Kultur (etwa 3500 vor Christis) bis zur römischen Kaiserzeit bei Ausgrabungen in Stöttham aus dem Jahr 2007 zeigt. Auch auf die Bronzemaske eines römischen Soldaten, die 2008 in Stöttham gefunden wurde, ging Steiner ein. Im Eingangsbereich des Hauses des Gastes stellte Claudia Lorenz-Berthold, die vom Kreisbildungswerk zur Römerführerin ausgebildet wurde und Interessierten in und um Chieming Römerfunde zeigt, das Duplikat eines Weihesteins vor, der 1812 beim Abbruch der Peterskirche nahe der heutigen Markstatt gefunden wurde und im zweiten Weltkrieg in der archäologischen Staatssammlung in München verloren ging.
Die nächste Station war der Römerplatz in Stöttham, der vor fünf Jahren – aus Leadermitteln gesponsert – errichtet werden konnte. Mit dem Römerplatz in Stöttham wurde die letzte von insgesamt 27 frei zugänglichen Stationen rund um den Chiemsee errichtet, an dem sich im Rahmen des Leader Projekts Chiemgauer Seenplatte zum Thema „Römerregion Chiemsee“ elf Gemeinden rund um den Chiemsee beteiligt haben, erklärte Fechter. Ortsheimatpfleger Steiner erklärte, dass die in Stöttham aufgestellten Steine unter Vorgabe des Meilenstein-Fragments aus dem Traunsteiner Heimathaus rekonstruiert und im Falle des Weihesteins aus vorhandenen Zeichnungen gefertigt wurden, die in der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Brandenburg zu finden sind. Das Original-Fragment des Meilensteins wurde 1831 in Chieming gefunden und auf Geheiß des damaligen Ortspfarrers Korntheur 1891 aus dessen Privatsammlung an das Heimathaus nach Traunstein übergeben, wo es eingemauert zu sehen ist. Das Original des Weihesteins, das 1816 in der Stötthamer Kirche entdeckt wurde, hat seinen Ursprung im Jahr 226 nach Christus, wurde 1818 nach München gebracht, wo eine Antikensammlung in der Glyptothek aufgebaut werden sollte. Der Weihestein wurde aber durch einen Bombenangriff 1944 in München zerstört. Deshalb mussten für die Rekonstruktion Fotos aus Berlin angefordert werden. Die Arbeiten der nachgebildeten Römersteine erfolgte durch Steinmetz Fritz Seibold jun. aus Grassau, der mehrere Untersberger Kalksteinquader aus der Steinbruchfirma Kiefer in Oberalm so bearbeitete, wie es ihm Ortsheimatpfleger Steiner mit Längenmaßen „in Ellen und Schuhen“ vorgab. Claudia Lorenz-Berthold erläuterte die Inschrift des Weihesteins.
Anschließend setzte sich der Tross zum Hilgerhof in Niederbrunn in der Gemeinde Pittenhart in Bewegung. Der Vorsitzende der Lokalen Aktionsgruppe Chiemgauer Seenplatte und ehemalige Bürgermeister von Pittenhart, Sepp Reithmeier (CSU), stellte die Zusammenhänge rund um den Dreiseithof vor, der von Tosso Erwin Herz, einem Münchner Versicherungsdirektor,1962 erworben und damit vor dem Verfall gerettet und bis 1965 zu heimatkundlichen Ausstellungs- und Veranstaltungszwecken umgebaut wurde. Nach dem frühen Tod des Wahl-Niederbrunners Tosso Herz 1975 mit nur 54 Jahren ging der Hilgerhof in das Eigentum des Landkreises über. 2007 bis 2009 erfolgte die Erweiterung und Erneuerung durch die Gemeinde Pittenhart, den Landkreis Traunstein und den „Kulturverein Hilgerhof e.V.“ zur Dokumentations- und Begegnungsstätte. Damit entstand eine große kulturelle Bereicherung der heimatlichen Umgebung, so Reithmeier.
Reithmeier war als Imker auch Initiator, dass am Rand des Hilgerhofes ein Schaubienenstand erstellt wurde, an dem sich Interessierte über die wertvollen und lebensnötigen Insekten informieren können. Der Leader-Gruppe zeigte Reithmeier die Lebenswelt der Bienen von der Pollen- und Nektarsuche bis zur Honiggewinnung und -verarbeitung. Neben dem Bienenhaus liegt der Obstsorten-Erhaltungsgarten mit über 270 verschiedenen Sorten von Äpfeln und Birnen, die als Spindelbäume und mit Hochstämmen gepflanzt sind. Es werden vom Aussterben bedrohte Obstsorten gepflegt, die sich teilweise bis in die Keltenzeit zurückverfolgen lassen. Auf die römisch-keltische Geschichte lassen in der Umgebung des Hilgerhofes viele Details schließen, wie Reithmeier erklärte. Auf den Streuobstwiesen werden gerade bienenfreundliche Blühwiesen herangezogen, was zu einem hochwertigen Honigertrag führen soll. Unterstützt wird der besondere Obstgarten durch die Kreisfachberatung für Gartenkultur und Landespflege im Landratsamt Traunstein. Der Pomologe Georg Loferer ist im Auftrag der Regierung von Oberbayern für das Biodiversitätsprojekt „Apfel – Birne – Berge“ in Sortenerhaltungsgärten zwischen Weilheim-Schongau und Berchtesgaden für den Erhalt und die Nachzucht alter Obstbaumsorten zuständig. So auch am Hilgerhof. Loferer berichtete seine Arbeit zum Schutze bedrohter Obstbaumsorten. Auch Maximilian Rathmayer vom Landschaftspflegeverband Traunstein nahm bei der Führung durch den Obstgarten Bezug auf die Leader geförderten Projekte am Hilgerhof und im Landkreis.
Bei einer Brotzeit informierten im Kulturstadel des Hilgerhofes drei weitere Referenten über Leader-geförderte Projekte. Andreas Hiebl vom Amt für Öffentlichkeitsarbeit in Wasserburg berichtete über die Projekte des E-Bikesharings in der Innstadt, Thomas Schachner vom Theaterverein Schnaitsee stellte die mobile Bühne vor, von deren Gesamtkosten in Höhe von 45.000 Euro 18.000 Euro durch Leader-Mittel gefördert wurden. Tobias Trübenbach, Geschäftsführer des Kreisbildungswerks (KBW) Traunstein, ging auf das Projekt „Römerregion Chiemsee“ ein, das seit 2025 vom KBW koordiniert wird und 2021/22 zertifizierte Gästeführer ausgebildet hat. Sepp Reithmeier erinnerte daran, dass zwar jede Leader-Förderung „aufwendig und schwierig“ ist. Aber für viele Projekte seien Förderschienen zu finden: Vom Naturspielplatz über Pump-Track bis zum Leihinstrument für den Musikunterricht.
Bericht: Arno Zandl / Bilder: LAG Chiemgauer Seenplatte / Christian Fechter
Der Vorsitzende der LAG Chiemgauer Seenplatte, Sepp Reithmeier, bedankte sich mit selbst produziertem Honig vom Hilgerhof bei (von links) Bürgermeister Stefan Reichelt, Römer-Gästeführerin Claudia Lorenz-Berthold und Ortsheimatpfleger Hubert Steiner für deren Gastfreundschaft und Projektvorstellungen in Chieming.
Vorsitzender Sepp Reithmeier berichtete den interessierten Besuchern über die Historie des Hilgerhofs – vom drohenden Abriss bis zum heute lebendigen Ort für verschiedenste Vereinstreffen, Kulturveranstaltungen etc.
Claudia Lorenz-Berthold – Gästeführerin in der Römerregion Chiemsee, erläutertet den Gästen die Inschrift des römischen Weihesteins an der Römerstation nahe Stöttham.
Mit großem Interesse folgten die Besucherinnen und Besucher der Vorstellung des Obsterhaltungsgartens durch Maximilian Rathmayer vom Landschaftspflegeverband Traunstein und den Pomologen Georg Loferer.
Vorsitzender Sepp Reithmeier bedankte sich mit einem Glas Honig bei den Tobias Trübenbach, Andreas Hiebl und Thomas Schachner die am Hilgerhof die Projekte der Koordinationsstelle Römerregion Chiemsee, der E-Bikeverleihstation in Wasserburg und der Mobilen Bühne der Schnaitseer Theatergemeinschaft vorgestellt haben.









