„Der Mensch muss im Mittelpunkt bleiben“ – Am 13. September 2026 begeht die Katholische Kirche in Deutschland den 60. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, der auch als Mediensonntag bekannt ist. Papst Leo XIV. stellt in seiner diesjährigen Botschaft das Thema „Menschliche Stimmen und Gesichter bewahren“ ins Zentrum. Anlässlich des Mediensonntags greift Kardinal Reinhard Marx (München und Freising), Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, die Botschaft auf und erklärt:
„Künstliche Intelligenz (KI) verändert unsere Gesellschaft in einem unvorstellbaren Tempo: wie wir arbeiten, wie wir miteinander kommunizieren und ganz besonders, wie wir uns informieren. Und sie beeinflusst zunehmend, welche Informationen uns erreichen. Im medialen Raum prägen diese Informationen erheblich unsere Wahrnehmung der Welt. Nicht nur deshalb wird der wachsende Einfluss von KI von großer Sorge begleitet. Sie eröffnet aber auch große Chancen. KI kann Menschen den Zugang zu Wissen erleichtern und aufwendige Tätigkeiten vereinfachen. Sie kann auch Medienschaffende bei ihrer Arbeit unterstützen. Zugleich stellt KI uns wegen ihres großen Potenzials vor grundlegende Fragen: Was können wir Maschinen überlassen? Was müssen wir selbst verantworten? Aber vor allem: Wer entscheidet darüber und wie sorgen wir dafür, dass der Mensch nicht aus dem Blick gerät?
Papst Leo XIV. hat diese Fragen in seiner Botschaft zum diesjährigen Welttag der sozialen Kommunikationsmittel und in seiner wegweisenden Enzyklika Magnifica humanitas mit großer Dringlichkeit aufgegriffen. Seine Haltung ist dabei weder von Technikfeindlichkeit noch von Technikbegeisterung geprägt. Es geht um die zentrale Frage nach Gestaltung. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist deshalb schon gesellschaftlich wünschenswert. Und nicht alles, was effizienter ist, macht unser Leben besser. KI muss dem Menschen dienen – nicht der Mensch der KI. Der Mensch muss Subjekt des technischen Fortschritts bleiben. Er trägt Verantwortung. Er hat ein Gewissen und formt lebenslang seine Urteilskraft. Menschen leben in Beziehungen, gestalten und sind kreativ. Und ein Mensch kann Verantwortung für das übernehmen, was er sagt und tut. Eine von Menschen gemachte Maschine kann das unterstützen – diese Hilfe sollten wir uns zunutze machen. Sie kann uns die Verantwortung aber nicht abnehmen.
Das gilt in besonderer Weise für Kommunikation und Medien. Journalismus ist mehr als die Produktion von Text, Bild und Ton. Er bedeutet Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und unserer Wahrnehmung von ihr. Er lebt von Recherche, Erfahrung und Urteilskraft. Er lebt von Menschen, die hinterfragen, vor Ort gehen, Quellen prüfen und Verantwortung für ihre Veröffentlichungen übernehmen. In einer demokratischen Gesellschaft ist es unverzichtbar, dass dieser Prozess frei und transparent abläuft. Es darf nicht gleichgültig sein, ob ein Text, ein Bild oder ein Musikstück von einem Menschen geschaffen oder von einer Maschine erzeugt wurde. Es braucht Transparenz darüber, wo KI-generierte Inhalte eingesetzt und auf welcher Grundlage sie erzeugt werden.
Gleichzeitig wirft der Einsatz von KI auch Fragen der Gerechtigkeit auf: Menschliche Kreativität und menschliche Arbeit haben nicht nur einen intrinsischen, sondern auch einen ökonomischen Wert. Wer mit ihnen Gewinn erzielt, muss diesen Wert anerkennen und diejenigen daran teilhaben lassen, die mit ihrer Arbeit dazu beigetragen haben. Journalistinnen und Journalisten, Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstler müssen wirksam davor geschützt werden, dass ihre Werke ohne angemessene Beteiligung zur Ressource für die Geschäftsmodelle großer Technologieunternehmen werden. Dafür braucht es faire Regeln und, wo nötig, politische und gesetzliche Antworten. Die Gestaltung der digitalen Welt darf nicht allein denjenigen überlassen werden, die über die größte technologische und wirtschaftliche Macht verfügen.
Neue Medien und Technologien erfordern entsprechende Bildung. Menschen müssen verstehen können, wie Algorithmen funktionieren, warum ihnen bestimmte Inhalte angezeigt werden und andere nicht, wie KI-generierte Informationen zustande kommen und wie deren Verlässlichkeit überprüft werden kann. Nur dann werden sie auch zu verantwortungsvollen Mediennutzern. Medienkompetenz wird damit zu einer Schlüsselkompetenz unserer Demokratie. Wer nicht versteht, wie Informationen ausgewählt, erzeugt und verbreitet werden, läuft Gefahr, anderen die eigene Weltdeutung zu überlassen. Deshalb müssen Schulen und andere Bildungseinrichtungen, Politik, Medien, Wissenschaft, Kirchen und Zivilgesellschaft gemeinsam daran arbeiten, diese Kompetenz zu stärken. Das kommt sowohl Kindern und Jugendlichen als auch Erwachsenen jeden Alters zugute.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir KI einsetzen wollen. Sie lautet: Welche Gesellschaft wollen und können wir auch mit dem Einsatz von KI gestalten? Wenn der Mensch im Mittelpunkt bleibt, wenn wir Verantwortung nicht an Maschinen delegieren und wenn technischer Fortschritt von sozialem und moralischem Fortschritt begleitet wird, kann KI ein wertvolles Werkzeug sein. Und auch künftig ein immer besseres Werkzeug des Menschen werden, das neuen gesellschaftlichen Fortschritt mit schafft.“
Bericht: Pressestelle Erzbistum München /Archiv-Foto: Hötzelsperger (Deckengemälde in der Pfarrkirche “Mariä Himmelfahrt” in Törwang)


