Am Sonntag, 23. August, feierte die Familie Ackermann das 90-jährige Jubiläum „bio-dynamische Landwirtschaft auf Hof Kasten – ältester Demeter-Hof in Bayern“ mit einem bayerischen Frühschoppen; rund 250 Gäste nahmen daran teil. Im Mittelpunkt standen die Geschichte des Hofes, die Entwicklung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise über drei Generationen und der Blick auf ihre Bedeutung für die Zukunft von Landwirtschaft und Molkerei. Zu den Gästen und Rednern gehörten Ute Rönnebeck, Bundesvorständin des Demeter-Verbandes e. V., sowie Bernhard Pointner, Geschäftsführer der Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land.
Hof Kasten wurde erstmals 1395 urkundlich erwähnt; die Geschichte des Hofes reicht damit mehr als sechs Jahrhunderte zurück. Der Hof gehörte anfangs zum Augustinerchorherrenstift Kloster Gars, ab 1758 zum Bistum Salzburg. Im Rahmen der Säkularisierung 1803 wurde das Kloster aufgelöst und der Lehenshof ging als Viertelhof in Privatbesitz über. Die Verbindung zur biologisch-dynamischen Landwirtschaft entstand in den 1920er-Jahren: Die Großeltern von Michael Ackermann, Gertrud und Adolf Stickforth, erwarben den Hof. Über die Verbindung zu Graf Keyserlingk, auf dessen Gut der Landwirtschaftliche Kurs von Rudolf Steiner zur biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise im schlesischen Koberwitz stattgefunden hatte, kam der biologisch-dynamische Impuls nach Kasten. Seit 1936 bewirtschaftet die Familie den Hof nach den biologisch-dynamischen Richtlinien. Heute wird der Hof von Michael und Annette Ackermann bewirtschaftet.
„Wir haben einzig und allein die Verantwortung, den Hof so zu erhalten, dass er weiterhin lebensfähig ist. Nichts anderes ist unsere Aufgabe“, betonte Michael Ackermann in seiner Begrüßung. Ein wichtiger Bestandteil dieser Verantwortung sei die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Ehrfurcht, Demut und Dankbarkeit seien dabei für ihn zentrale Werte: gegenüber der Schöpfung, gegenüber dem Hof und gegenüber den Generationen, die ihn vor ihnen bewirtschaftet und erhalten haben.
Ute Rönnebeck würdigte die Geschichte von Hof Kasten als Teil der Geschichte der biologisch-dynamischen Bewegung. „90 Jahre von insgesamt gut 100 Jahren biologisch-dynamischer Geschichte – das ist eine kaum vorstellbare Kontinuität“, sagte Rönnebeck. Hof Kasten sei der älteste durchgehend biologisch-dynamisch bewirtschaftete Betrieb Bayerns. Das Besondere liege dabei nicht allein in der historischen Dauer, sondern darin, dass mehrere Generationen sich immer wieder dafür entschieden hätten, diesen Weg weiterzugehen. Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise betrachte Boden, Pflanzen, Tiere, Menschen und Landschaft als zusammenhängenden Hoforganismus. Bodenfruchtbarkeit, Humusaufbau, geschlossene Kreisläufe, standortangepasste Tierhaltung, Vielfalt und langfristiges Denken seien Grundgedanken, die heute aktueller denn je seien. „Tradition bedeutet: Zu wissen, aus welchem Impuls man kommt – und aus diesem Impuls heraus immer wieder neu zu entscheiden, was jetzt notwendig ist.“, so Rönnebeck.
In der Ansprache wurde die Rolle der Kuh im Hofkreislauf hervorgehoben. Auf Hof Kasten gehören Grünland, Kühe, Milch, Acker und Wald zusammen. Die Kühe verwerten Gras und Klee, geben mit ihrem Mist Fruchtbarkeit an den Boden zurück und tragen durch die Beweidung zum Erhalt der Kulturlandschaft bei. „Kühe sind coole Viecher“, sagt Michael Ackermann gerne. Für Rönnebeck steckt hinter diesem Satz eine grundsätzliche Haltung: Kühe verbinden Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen in einem landwirtschaftlichen Kreislauf und geben dem bäuerlichen Alltag einen Rhythmus, der sich nicht beliebig beschleunigen lässt.
Bernhard Pointner gratulierte der Familie zum Jubiläum und stellte die langjährige Verbindung zwischen Hof Kasten und der Molkerei heraus. „Bio ist unser 7er BMW, wir verkaufen zwar mengenmäßig mehr Dreier und Fünfer, imageprägend ist aber der 7er – auf den wir sehr stolz sind.“ Bereits 1973 wurde erstmals Biomilch in der damaligen Chiemgau-Molkerei in Truchtlaching verarbeitet; die damals erfassten 200 Liter Milch stammten von drei Betrieben, darunter der Hof von Lilly und Reinhard Ackermann. 1974 trat die Molkerei dem Demeter-Verband bei und fusionierte 1976 mit der Molkereigenossenschaft in Piding. Heute ist Bio ein fester Bestandteil der Molkerei Berchtesgadener Land: Mehr als ein Drittel der Milch wird in Demeter- und Naturland-Qualität verarbeitet. Pointner verwies auf gemeinsame Grundsätze wie gentechnikfreie Fütterung, Nachhaltigkeit, den Verzicht auf Totalherbizide, den Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen und die Förderung des Tierwohls. Diese Grundsätze gelten heute nicht nur für die rund 500 Biobetriebe, sondern für alle 1.500 Mitglieder der Genossenschaft. „Nicht auf Verschleiß fahren, sondern Substanz bewahren und in Generationen denken“, formulierte Pointner.
Die Geschichte von Hof Kasten ist eng mit dem Engagement der Familie für die biologisch-dynamische Bewegung verbunden. Der ältere Bruder Jochen Ackermann hatte in Verbandsgremien und Arbeitsgruppen bei Demeter, aber auch im Vorstand und Aufsichtsrat der Molkerei wichtige Ehrenämter bekleidet. Er verstarb 2009 bei einem tragischen Bergunglück gemeinsam mit Demeterberater Andreas Amberger am Hochkalter. Seither engagiert sich Michael Ackermann in verschiedenen Gremien, unter anderem in der Arbeitsgemeinschaft Chiemgau, im Erzeugerring, in der Biodynamischen Vereinigung und im Landesverband Bayern. Rönnebeck würdigte ihn als Brückenbauer zwischen dem praktischen Blick des Bauern und den Aufgaben des Verbandes. Zugleich hob sie die Rolle von Annette Ackermann hervor, die als Quereinsteigerin in die Landwirtschaft gekommen ist und heute in zahlreichen Bereichen des Hoflebens Verantwortung übernimmt.
Nach dem Frühschoppen konnten die Gäste den Hof und seine Landwirtschaft aus nächster Nähe erleben. Besichtigt wurden die Stallungen, die Kühe auf der Weide und der Bauernhof. In der historischen Tenne präsentierte Cousin Prof. Dr. Clemens Albrecht eine Ausstellung mit historischen Daten, Fakten und Bildern zur Hofgeschichte. Michael Ackermann informierte an der hofeigenen Urnenkapelle über weitere Anekdoten und Hintergründe aus der Familiengeschichte. Damit wurde das Jubiläum nicht nur zu einem Rückblick auf 90 Jahre biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, sondern auch zu einer Begegnung mit einem Hof, dessen Geschichte über Generationen hinweg von Landwirtschaft, Familie, Verantwortung und Verbundenheit geprägt ist.
Die Familie Ackermann gehört zu den Bio-Pionieren der Molkerei Berchtesgadener Land: Mit fünf engagierten Landwirtefamilien begann die Molkerei 1973 als erste Molkerei Deutschlands, Bio-Milch separat zu erfassen. Reinhard Ackermann war einer dieser Bio-Landwirte der ersten Stunde. „Bio ist für mich Lebensart. Das ist so tief drin, das bin einfach ich“, sagt der Demeter-Landwirt Michael Ackermann. Auf seinem Demeter-Hof in Kasten leben Michael und seine Frau Annette; ein respektvoller Umgang mit Tieren ist für beide selbstverständlich: „Wir mögen unsere Kühe, da kümmern wir uns einfach gut drum.“ Gemüse, Gewürze und Obst kommen aus dem Nutzgarten; das Schweinefleisch stammt von den zwei Schweinen, die die Ackermanns jährlich halten, um den eigenen Bedarf zu decken. Annette bäckt das Brot selbst, angeheizt wird der alte Brotbackofen mit Holz aus dem eigenen Wald. Die Milch am Frühstückstisch kommt von ihren 50 Kühen, die die beiden jeden Morgen um 5 Uhr von der Weide zum Melken holen. Wissen, wo etwas herkommt und was drinsteckt – das gehört zur Lebensart Bio.
Annette Ackermann backt ihr Bio-Brot im heimischen Brot-Ofen selbst. Michael Ackermann ist fünfter Bayerischer Fingerhakl-Meister und begeisterter Anhänger dieses Traditionssports; dafür hat er sich eine eigene Trainingsmaschine gebaut. In der von der Molkerei Berchtesgadener Land produzierten Filmreihe „Der Kuah auf der Spur“ besucht Kabarettist Stefan Schimmel die beiden und nimmt die Zuschauenden mit auf eine Reise hinter die Kulissen der Berchtesgadener Land Milch.
Text: Barbara Steiner-Hainz – Fotos: Molkerei Berchtesgadener Land





