Mezzosopranistin Kate Lindsey und Pianist Baptiste Trotignon bei den Salzburger Festspielen
Die politische Botschaft ist leider erst auf den zweiten Blick (ins Programmheft) ersichtlich. Im Großen Saal des Mozarteums erscheint der Liederabend von Mezzosopranistin Kate Lindsey und Pianist Baptiste Trotignon ein Sammelsurium von Liedern, die nicht in direktem Zusammenhang zu einander stehen, und die „man“ einfach gerne singen möchte. Leider nutzte keiner der beiden Künstler das bereitliegende Mikrofon, um diese Lieder zu erläutern, sodass Besucher ab den mittleren Parkett-Plätzen und auf den Rängen akustisch im Nachteil waren. Sängerin und Pianist moderierten ausschließlich auf Englisch, in der Annahme, alle würden sie verstehen. Eine Begrüßung in der Muttersprache der ins Exil geflüchteten Komponisten, deren Werke sie in den folgenden zwei Stunden interpretierten, wäre ein aufmerksames Zeichen der Wertschätzung gewesen.
Kurt Weill, Erich Wolfgang Korngold, Alexander Zemlinsky und Alma Mahler-Werfel mussten ab 1933 ins amerikanische Exil gehen, weil sie den nationalsozialistischen Machthabern als „undeutsch“, „jüdisch“ und „kulturbolschewistisch“ galten. In Anbetracht dessen, dass die AfD bei eventueller politischer Übernahme in Sachsen-Anhalt das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“ in Dessau, Weimar und Berlin schließen will, ist das Thema hochaktuell. Kurt Weill stand im Zentrum des Liederabends, was in schroffem Kontrast zu den spätromantischen Klängen der anderen Komponisten stand. So wurden die Zuhörer immer wieder aus der gerade sich aufbauenden Stimmung hochgeschreckt. Zusammenhängende Lieder-Blöcke der einzelnen Komponisten wären angenehmer (und sinnvoller) gewesen.
Dabei wechselt die versierte Mezzosopranistin Lindsey zwischen Chanson- und Opernstimme. Überzeugend schön singt sie Erich Wolfgang Korngolds „Schneeglöckchen“, das er mit nur 14 Jahren in Wien komponiert hatte. Zemlinskys „Und hat der Tag all seine Qual“ wird mit Lindseys gefühlvoller Interpretation ein musikalischer Höhepunkt des Abends. Man hätte von ihr gerne mehr Lieder dieser beiden Komponisten der Wiener Moderne, mit den Ineinander-Verwebungen von Gesangsmelodien und Klavierlinien gehört.
Doch ohne Nachklingen oder Verweilen steuern beide direkt zu auf Kurt Weills „Buddy on the Nightshift“, „Berlin im Licht“, mit dem saloppen Text „Na wat denn? Was is das für ´ne Stadt denn?“. Ein deftiger Bruch. „Nannas Lied“, „Denn wie man sich bettet, so liegt man“ (aus der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny), „Seeräuberjenny“ und „Barbarasong“ (beides aus „Die Dreigroschenoper“) dürfen im Kurt-Weill-Repertoire nicht fehlen. Diese Songs wären, wie in der Bühnenfassung üblich, mit Mikrofon verständlicher gewesen. Zumal Pianist Baptiste Trotignon die Sängerin leider ständig übertönte.
Lindsey erklärte, dass sich der Pianist ursprünglich mit Klassik beschäftigte und später zum Jazz kam. Sie kennen sich seit zehn Jahren und haben dieses Programm („Thousands of Miles“) gemeinsam zusammengestellt. Bei ihr sei es umgekehrt gewesen, so Lindsey: Sie sang zuerst Lieder aus dem „American Songbook“, bevor sie die Welt der Oper (letztes Jahr als Elisabetta in „Maria Stuarda“ und dieses Jahr als Komponist in der umstrittenen Festspiel-Inszenierung von „Ariadne aus Naxos“ – wir berichteten) eroberte.
Pianist Baptiste Trotignon fügte auch seine eigenen Jazz-Improvisationen ein, etwa über Weills „September Song“, und dominierte hauptsächlich die Bühne. Kate Lindsey setzte ihren gutturalen Mezzosopran dynamisch sehr vielseitig ein – von lauten Spitzentönen bis zum gehauchten, fast unhörbaren Pianissimo. Leider blieb die Textverständlichkeit größtenteils auf der Strecke, wofür aber die Klangsprache der Kompositionen entschädigte.
Dazu gehörten auch zwei Lieder von Alma Mahler-Werfel: „Die stille Stadt“ und „Hymne“. Als Schülerin von Zemlinsky sowie Ehefrau von Gustav Mahler und später Franz Werfel, war sie vor 100 Jahren eine schillernde Figur und eine hervorragende Komponistin. Bedauerlicherweise sind von ihren einhundert Liedern nur noch um die 20 erhalten. Vor der Hochzeit machte Gustav Mahler ihr klar, dass es nur einen Komponisten in der Familie geben könne. Man hätte an diesem Abend gerne mehr von der Ausnahmekomponistin durch die Mezzosopranistin Kate Lindsey gehört.
Das Publikum war begeistert, und mit zwei Zugaben rundeten die beiden Künstler den Abend ab.
Bericht: Daniella Rieger-Böhm Foto: Salzburger Festspiele (Marc Borelli)





