Eine Carmen fern von spanischen Klischees – Neuinszenierung der Oper von Georges Bizet bei den Salzburger Festspiele – von Daniella Rieger-Böhm
Es sollte das Opernhighlight der diesjährigen Festspielsaison in Salzburg werden und war seit Monaten ausverkauft. Doch die Festspielbesucher kommen irritiert aus der Vorstellung mit der Frage: „Das soll Carmen sein?“
Grund dafür war, dass alles, was die Anziehung dieser freiheitsliebenden, lebhaften und leidenschaftlichen „Carmencita“ ausmacht, wegdekliniert wurde – darstellerisch und inszenatorisch. Übriggeblieben ist die wunderbare Musik von Georges Bizet (1838–1875), hervorragend gespielt vom Utopia Orchestra und seinem Dirigenten Teodor Currentzis. Bereits die Ouvertüre lässt aufhorchen. So hat man diese Musik noch nie gehört. Currentzis spielt mit den Tempi, verzögert, wo sonst durchgespielt wird und hebelt alte musikalische Traditionen aus. Das hat was und ist spannend vom ersten Moment an.
Dass das Konzept von Regisseurin und Choreografin Gabriela Carrizo (von der Tancompany Peeping Tom) dagegen nicht aufgeht, liegt an ihrer eigenwilligen Interpretation und dem Weglassen der Rezitative, die durch laute, stechend-tönende Pyrotechnik ersetzt wurden. Die Oper wirkt damit wie eine Revue, bei der die Arien zu bloßen Nummern, zu „Hits“ werden, die aus Zusammenhängen gerissen werden, welche die Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach Prosper Mérimées „Carmen“-Novelle meisterhaft zusammengefügt hatten. Aus der Opéra-comique in vier Akten (entstanden 1873–1875, uraufgeführt 1875) wurde der dunkle, zähe Alptraum einer defensiven Frau.
„Wir wollen das Innere der Figuren, ihre Psyche, ihre Gefühlszustände erforschen. Alles das, was man nach außen hin oft nicht sieht. Eine Art von Zoom in die Personen hinein,” sagt die Regisseurin. Dabei setzt sie Tänzer der von ihr mitbegründeten belgischen Tanzkompanie „Peeping Tom“ ein, was wenig Sinn auf der Bühne ergibt und die Szenerie eher verwirrt. Eine Besucherin meinte: „Ich wusste teilweise nicht, wer wer ist.“
Dabei helfen weder das düstere Bühnenbild (als „Landschaftsorganismus“ angedacht) noch die Kostüme von Christof Hetzer. In orangenen Bauarbeiter-Overalls und Alltagskleidung, alles mit Dreck beschmiert, mussten die Protagonisten auf den Hügeln der Kraterlandschaft laufen und liegen. Also das absolute Gegenteil vom sonnigen, bunten Sevilla, wo diese Oper ursprünglich stattfindet. Da wirkt Escamillo im bunten Torero-Kostüm wie ein Außerirdischer.
Mit großer Spannung wurde das Rollendebut von Asmik Grigorian als Carmen erwartet. Sie erscheint ganz unauffällig, singt ihre Auftrittsarie, die „Habanera“, an einem Pool liegend, umgeben von Kindern. Sie kokettiert, singt von freier Liebe und Erotik. Man wird Teil der Entwicklung von Carmen, bis hin zum gewaltsamen Tod, den sie freiwillig akzeptiert. Asmik Grigorian ist eine wunderbare Sopranistin und Sänger-Darstellerin, jedoch fehlen ihr für diese Partie, die ja für Mezzosopran komponiert wurde, die dunkle, satte Tiefe und das leidenschaftliche Feuer. Ihre Carmen scheint kühl, nicht berechnend und doch fordernd.
Jonathan Tetelman als Don José ist das ganze Gegenteil und überzeugt mit seinem strahlenden Tenor und seiner wachsenden Liebe zu Carmen. Kristina Mkhitaryan überzeugt als Micaëla, die Adoptivtochter von Josés Mutter und seine Sandkastenfreundin, die vergebens auf dessen Liebe hofft. Ihr Sopran ist warm und erfüllt das Große Festspielhaus mit Wohlklang. Auch der Bachchor Salzburg, der Utopia Choir und der Kinderchor der Salzburger Festspiele harmonierten wunderbar miteinander. Für die Musik gab es tosenden Beifall.
Bericht: Daniella Rieger-Böhm / Fotos: Salzburger Festspiele (Marco Borelli)
1) Schlussapplaus für alle Beteiligten
2) Asmik Grigorian als Carmen und Jonathan Tetelman als Don José


