Leitartikel

Werner-Herzog-Kino im Bergsteigerdorf

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Trotz großer Hitze, Fußball-WM und Sonnenwendfeuer kamen insgesamt rund 250 Zuschauer am 19. und 20. Juni zur zweiten Auflage des Werner Herzog Open Air-Kinos nach Sachrang. Sie erlebten bei bestem Sommerwetter in einer einzigartigen Umgebung zwei großartige Filmabende – und noch mehr.

Ein Open Air-Kino an einem Kinderskilift? Dazu muss man schon etwas „speziell“ sein. Speziell ist sicherlich das Bergsteigerdorf Sachrang am Ende des Prientals: abgelegen, unmittelbar an der Grenze nach Österreich, von herrlicher Berglandschaft und Natur umgeben, geprägt von Landwirtschaft und Tradition. Und genau dies nahm auch maßgeblich Einfluss auf einen weltweit renommierten Filmemacher: Werner Herzog verbrachte prägende Jahre seiner Kindheit und Jugend in Sachrang, in den vierziger Jahren ein bettelarmes Bauerndorf. Nicht minder speziell sind ein gutes Dutzend Bürger und Bürgerinnen aus Sachrang und Aschau. Allesamt ehrenamtlich aktiv, wollen sie unter dem Schirm der Vereine „Lebendiges Sachrang e.V.“ und „Heimat- und Geschichtsverein Aschau im Chiemgau e. V.“ mit diesem Freilichtkino Werner Herzog und dessen einzigartiges Schaffen würdigen.

Dazu reisten diverse Ehrengäste an, allen voran Werner Herzogs Bruder Lucki Stipetić. Er war Produzent vieler Herzog-Filme und sieht sich eher als Mann im Hintergrund – kann jedoch ganz wunderbar erzählen. Aus Berlin kam Gisela Storch-Pestalozza. Sie arbeitete bei acht Herzog-Filmen als Kostümbildnerin. Vom letzten Jahr bekannt, waren auch der Regisseur Thomas von Steinaecker und der Cutter Volker Schaner angereist. Von Steinaecker drehte u. a. „Radical Dreamer“, das bislang einzige offizielle filmische Portrait über Werner Herzog. Neu an Bord waren der Schauspieler Andreas Schwankl aus Prien und der preisgekrönte Regisseur Hans Steinbichler. Steinbichler wuchs ebenfalls im Chiemgau auf und hat bis heute ein sehr enges und besonderes Verhältnis zum Geigelstein. Sein Vater gehörte zu den engagierten Personen, die einst die Seilbahn-Erschließung des Geigelstein verhinderten und die Weichen für das heutige Naturschutzgebiet stellten. Derzeit arbeitet Steinbichler an einem Film über Mare, die Sennerin vom Geigelstein.

Mit einem neuen Programmpunkt sorgten die Organisatoren für ein weiteres Highlight: Ein „Literarischer Spaziergang“ führte an beiden Nachmittagen zu „Werner-Herzog-Orten“ in Sachrang, z. B. zur Alten Schule, zur ehemaligen Skisprungschanze oder zum Wasserfall in Berg. Dort wurden die dazu passenden Passagen aus Herzogs Memoiren „Jeder für sich und Gott gegen alle“ – Erinnerungen“ gelesen. Am Freitag durften die Mitwanderer Andreas Schwankl lauschen, am Samstag Hans Steinbichler. Bei den Lesungen konnten sie noch tiefer in das Verhältnis von Herzog zum Priental eintauchen.

Bevor die Filme begannen, fanden Live-Bühnengespräche statt. Am Freitag moderierte Mitveranstalter Georg Antretter, Bayerischer Rundfunk, den Talk mit Thomas von Steinaecker und Volker Schaner. Die beiden berichteten mit großer Begeisterung von ihrer Arbeit an „Herzog dahoam“, einem 30 Minuten langen Film, der im direkten Anschluss seine Welturaufführung fand. Er entstand aus bislang unveröffentlichtem Drehmaterial vom Werner Herzog-Portrait „Radical Dreamer“. Regisseur von Steinaecker sagte: „Es ist eher selten, dass man in altes Archivmaterial eintaucht, und noch seltener, dass man daraus etwas Neues macht. Aber wir haben unglaublich viel Spaß dabei gehabt, vielleicht wird daraus noch mehr…“

Am Samstag sprach dann ein bestens vorbereiteter Hans Steinbichler mit den beiden blendend aufgelegten Protagonisten Lucki Stipetić und Gisela Storch-Pestalozza. Sie gaben interessante, teils überraschende Einblicke in ihre Arbeit mit Werner Herzog und in dessen Leben. Auch die Episoden aus der Welt des Films begeisterten die Zuschauer.

Als Hauptfilm am Freitag lief „Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner“, ein Film, den Herzog selbst zu seinen wichtigsten zählt. In dieser Dokumentation über den Schweizer Bildschnitzer und Skispringer Walter Steiner geht es um das Skifliegen und um die Grenze des für Menschen Machbaren, ein Motiv, das bei Werner Herzog immer wieder, aber in unterschiedlichem Kontext auftaucht. Herzog selbst war in seiner Jugend übrigens auch Skispringer und träumte davon, eines Tages zu fliegen und Weltmeister zu werden – bis sein bester Skisprungfreund, Reiner Stekowski, vor seinen Augen lebensgefährlich verunglückte. Genau dieser Freund war ebenfalls zu Gast in Sachrang und berichtete aus erster Hand über das gemeinsame Springen mit Herzog. Wie dieser kam Stekowski während des Kriegs mit Mutter und Geschwistern als Flüchtling ins damals bettelarme Bauerndorf.

Als Hauptfilm wurde dann am Samstag „Nosferatu – Phantom der Nacht“ gezeigt. In seiner ersten großen Kinoproduktion greift Werner Herzog das Sujet „Graf Dracula“ auf: Jonathan Harker (Bruno Ganz) reist im 19. Jahrhundert von Wismar nach Transsilvanien, um mit Dracula (Klaus Kinski) einen Hausverkauf zu verhandeln, wird dort jedoch von ihm gebissen. Dracula reist daraufhin versteckt in einem Sarg per Schiff nach Wismar. Dort bricht nach seiner Ankunft die Pest aus. Harkers Frau Lucy (Isabelle Adjani) erkennt, dass Dracula die Ursache der Seuche ist. Um dessen Treiben zu beenden, opfert sie sich selbst…

Lilo Trappmann, 1. Vorsitzende des Vereins „Lebendiges Sachrang e.V.“, zog ein sehr positives Resümee: „Eine solche Veranstaltung auf die Beine zu stellen, erfordert Mut und macht sehr viel Arbeit. Aber das positive Feedback seitens unserer Protagonisten ebenso wie von den Besuchern zeigt uns, warum wir das machen. Überlegungen für 2027 gibt es bereits.“

Hans Steinbichler ermunterte nach dem Aufräumen das Veranstaltungsteam: „Was ihr hier macht, ist einzigartig, ihr müsst unbedingt weitermachen! Und es wäre mir eine Freude, nächstes Jahr wieder dabei zu sein.“

Weitere Informationen: www.lebendiges-sachrang.de

Zusatz-Information  – Werner Herzog – weltberühmt und heimatverbunden

Der weltbekannte Filmregisseur und Autor Werner Herzog verbrachte seine Kindheit und frühe Jugend in heutigen Bergsteigerdorf Sachrang. Während der Kriegsjahre hatte sich seine Mutter aus München mit ihm und seinen beiden Brüdern in den Ortsteil Berg zurückgezogen. Aus dem engen Priental zog es Herzog in die Welt. Seit über 50 Jahren sucht er sich seine Themen in den abgelegensten Winkeln der Erde. Über 80 Filme hat er bislang fertiggestellt, zuletzt den Dokumentarfilm „Ghost Elephants” in Afrika und in Irland den Spielfilm „Bucking Fastard”. Werner Herzogs Bedeutung reicht weit über die Welt des Films hinaus. Die Zeitschrift „Time“ zählte ihn im Jahr 2009 zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt. Im September 2025 erhielt der bis heute unermüdliche Regisseur bei den Filmfestspielen von Venedig den „Goldenen Löwen” für sein Lebenswerk. Obwohl er seit langem in Los Angeles lebt, fehlt Sachrang in keinem biografischen Interview Herzogs. Für das Master-Interview zum Filmporträt „Radical Dreamer” anlässlich seines 80. Geburtstags im Jahr 2022 wünschte sich Werner Herzog die Oberkaseralm im Geigelsteingebiet.

Über: Lebendiges Sachrang e.V.

Den Verein „Lebendiges Sachrang e. V“. gibt es seit 2009. Er sieht sich als „Zukunftsverein“ und will Impulse für eine lebendige Dorfkultur geben. Das Bewusstsein für das Naturschutzgebiet Geigelstein sowie die Inhalte des Bergsteigerdorfs Sachrang zu stärken, sind ihm ein großes Anliegen. www.lebendiges-sachrang.de

Über: Heimat- und Geschichtsverein Aschau i.Ch. e.V.

Der HGV Aschau wurde schon 1984 gegründet und gehört mit fast 500 Mitgliedern zu den größten Vereinen von Aschau im Chiemgau. Er hat in seiner Arbeit wichtige Meilensteine in der regionalen Kulturarbeit gesetzt, mit Projekten vom Auferstehungsspiel über die Bayerische Landesausstellung bis zur einzigartigen 25-bändigen Ortschronik. www.geschichtsverein-aschau.de, www.facebook.com/profile.php?id=100068832828223

Bericht und Bilder: Till Gottbrath, Text & Photography

 


Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

Beiträge und Fotos sind urheberrechtlich geschützt!