Kardinal Reinhard Marx mahnt bei der 75. Gedenkmesse zu Dankbarkeit und Wachsamkeit – eindrucksvolle Jubiläumsfeier mit Fahnenabordnungen, Bundeswehr und Vereinen
Kampenwand/Chiemgau – Ein weiter Blick über den Chiemsee, ein nahezu wolkenloser Himmel und die mächtige Felskulisse der Kampenwand: Rund 2.000 Menschen kamen am Sonntag, 30. August, an der Gedächtniskapelle „Maria, Königin des Friedens“ zusammen. Die 75. Gedenkmesse für die Gefallenen und Vermissten des Chiemgaus wurde zu einem eindrucksvollen Bekenntnis gegen Krieg und Gewalt – und für Frieden, Verantwortung und Menschlichkeit.

Ungewöhnliche Begegnung beim Einzug: Wenige Meter vor der Kapelle tritt eine Kuh an Kardinal Marx heran – beinahe wie mit der Bitte um seinen Segen.
Zahlreiche Krieger- und Soldatenkameradschaften, Gebirgsschützen und Fahnenabordnungen verschiedener Vereine zogen von der Steinlingalm zur Kapelle. Mit dabei waren Soldaten des Gebirgsjägerbataillons 231 aus Bad Reichenhall, Musikanten sowie Vertreter aus Kirche, Politik und Gesellschaft.

Ein eindrucksvoller Zug: Zahlreiche Vereine und Kameradschaften ziehen mit ihren Fahnen von der Steinlingalm zur Gedächtniskapelle.
Den Prolog gestalteten Leonhard und Josefina Thaurer vom Trachtenverein „Edelweiß“ Niederaschau. Sie erinnerten an das zwölf Meter hohe Chiemgau-Kreuz, das sich seit 75 Jahren als weithin sichtbares Friedenszeichen bewährt habe. „Möge es auch in Zukunft zum Frieden mahnen“, gaben die beiden jungen Trachtler der Feier mit auf den Weg.

Leonhard und Josefina Thaurer vom Trachtenverein „Edelweiß“ Niederaschau gestalten den Prolog und erinnern an das Chiemgau-Kreuz als weithin sichtbares Friedenszeichen.
Keine „Schlafwandler“ an der Spitze
„Der Friede sei mit euch“ – mit diesem Gruß eröffnete Kardinal Reinhard Marx den Gottesdienst. Dass die Menschen an diesem Ort seit Jahrzehnten zusammenkämen, sei „eine eindrucksvolle Geschichte, die Gott sei Dank weitergeht“. Das Kreuz auf dem Ostgipfel bezeichnete der Erzbischof von München und Freising als Zeichen der Hoffnung und des Nicht-Vergessens.

Die Ehrenformation der Bundeswehr steht zum Gedenken bereit. Wegen der unmittelbar dahinter abgegebenen Salutschüsse der Aschauer Gebirgsschützen tragen die Soldaten Gehörschutz.
In seiner Predigt erinnerte Marx an die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs und an Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“. Daraus leitete er einen eindringlichen Appell an die politisch Verantwortlichen ab: „Wir brauchen keine Schlafwandler an der Spitze unseres Staates, sondern wir brauchen aufmerksame, wache Menschen, die Verantwortung auf allen Ebenen übernehmen.“

Kardinal Marx bereitet am Freiluftaltar die Eucharistie vor. Links steht der Ehrenposten der Bundeswehr am Kranz, dahinter Fahnen und die Chiemgauer Bergwelt.
Mit dem Buch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ von Götz Aly lenkte Marx den Blick zudem darauf, wie viele Menschen sich damals den Nationalsozialisten angepasst und wie wenige Widerstand geleistet hätten. Auch heute dürfe man gegenüber Nationalismus, Egoismus und der Ausgrenzung anderer nicht gleichgültig werden.

Ein Moment der Sammlung in der festlich geschmückten Gedächtniskapelle: Kardinal Reinhard Marx mit den mitfeiernden Geistlichen und Ministranten.
Krieg sei „ein großes Übel und ein Verbrechen, weil er die Moral zerstört und die Seelen der Menschen verwüstet“. Dabei sprach der Kardinal auch persönlich über seinen Vater, der erst nach vierjähriger Kriegsgefangenschaft heimgekehrt sei. Die Folgen eines Krieges wirkten häufig über Generationen fort. Umso wichtiger seien Dankbarkeit für den Frieden und Wachsamkeit gegenüber neuen Feindbildern.
Das Chiemgau-Kreuz nannte Marx „ein großes Zeichen des Mutes und des Lebens und ein Sinnbild dafür, dass wir alle etwas tun können“. Frieden dürfe nicht nur eine Forderung an andere sein, sondern müsse im eigenen Handeln beginnen.

Der Blick vom Altar über die versammelten Gläubigen und Fahnenabordnungen hinauf zum Kampenwandmassiv – ein starkes Bild der großen Gemeinschaft.
Frieden beginnt im Kleinen
Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber beschrieb die Kampenwand als einen Ort, der Menschen miteinander verbinde. Frieden und Versöhnung müssten immer wieder neu errungen werden. Dazu gehöre, im Alltag respektvoll miteinander umzugehen, füreinander einzustehen und wachsam zu bleiben.
Aschaus Bürgermeister Simon Frank erinnerte daran, wie zerbrechlich Frieden sei. Er lebe von gegenseitigem Respekt, von Verantwortung und von der Bereitschaft, Brücken zu bauen. Das Gedenken gelte nicht nur den Gefallenen, Vermissten und Vertriebenen der Vergangenheit, sondern ebenso allen Menschen, die heute unter Krieg, Terror und Verfolgung leiden.

Im Mittelpunkt der Eucharistiefeier: Kardinal Reinhard Marx erhebt die Hostie vor der Gedächtniskapelle „Maria, Königin des Friedens“.
Auch Höslwangs Bürgermeister Dr. Peter Mayer wandte sich mit einem Grußwort an die Teilnehmer. Im Namen der beiden ausrichtenden Gemeinden Höslwang und Aschau überreichte er Kardinal Marx einen Präsentkorb und einen Bergrucksack; der Rucksack war ein Geschenk der Gemeinde Aschau.

Zwei Landkreise, ein gemeinsames Gedenken: Traunsteins Landrat Andreas Danzer links und Rosenheims Landrat Otto Lederer rechts.
Ein besonderer Dank galt Baron Ludwig von Cramer-Klett, auf dessen Grund die Feier stattfinden konnte, sowie den zahlreichen Helferinnen und Helfern. Unter den Ehrengästen waren die Landräte Otto Lederer aus Rosenheim und Andreas Danzer aus Traunstein sowie Mandatsträger und Vertreter von Behörden und Verbänden. Mit Kardinal Marx konzelebrierten der Aschauer Pfarrer Paul Janßen und Pater Vasile Dior, Pfarradministrator in Höslwang.

Rund 2.000 Menschen versammeln sich zwischen Steinlingalm und Gedächtniskapelle – ein weiter Blick über die Feier und das Chiemgauer Land.
Aus Kriegsschrott wurde ein Friedenszeichen
Die Geschichte des Chiemgau-Kreuzes macht die Botschaft des Tages besonders anschaulich. Nachdem ein hölzernes Vorgängerkreuz durch Blitzschlag zerstört worden war, fassten der Höslwanger Zimmerer Franz Schaffner senior und der Schmied Josef Hell den Entschluss, ein dauerhaftes Kreuz aus Stahl zu schaffen.
Für die Konstruktion verwendeten sie unter anderem aufgeschnittene Sauerstoffflaschen; der massive Sockel entstand aus Stahlplatten eines alten Panzers. 1950 wurde das Kreuz auf dem Ostgipfel aufgerichtet, 1951 geweiht. Aus Hinterlassenschaften des Krieges war ein weithin sichtbares Zeichen für Frieden und Hoffnung geworden.

Ein Erinnerungsstück an den Jubiläumstag: Die eigens herausgegebene Anstecknadel „75. Gedenkmesse Kampenwand 2026“ zeigt Kapelle und Gipfelkreuz.
1976 kam die Gedächtniskapelle „Maria, Königin des Friedens“ hinzu. Bis heute kümmern sich Ehrenamtliche um Kreuz und Kapelle. Franz Schaffner, ein Enkel der Erbauer, pflegt und restauriert das Kreuz; zuletzt wurden auch dessen 13 Leuchten erneuert.
An den Jubiläumstag erinnert zudem eine eigens geschaffene Anstecknadel mit der Kapelle und dem Kampenwandkreuz. Sie ist für drei Euro an der Tal- und Bergstation der Kampenwandbahn erhältlich, solange der Vorrat reicht.

Die kunstvoll bestickten Fahnen der Vereine und Kameradschaften bilden während der Gedenkfeier ein farbenprächtiges Spalier.
Fahnen, Musik und stilles Gedenken
Musikalisch gestalteten die Musikkapelle Aschau, die Aschauer Alphornbläser und die Chiemgauer Sänger die Feier. Ein besonders eindrucksvolles Bild boten die dicht stehenden Fahnen vor dem Felsmassiv, während sich weitere Gottesdienstbesucher auf den umliegenden Hängen versammelt hatten.
Zum Abschluss wurden zwei Kränze niedergelegt: einer von der Bundeswehr, ein weiterer von den Veteranenverbänden. Der Ehrensalut der Gebirgsschützenkompanie Aschau, das von der Musikkapelle gespielte Lied „Ich hatt’ einen Kameraden“ und die gemeinsam gesungene Bayernhymne verliehen dem Gedenken einen würdevollen Abschluss.

Militärische Ehrenbezeigung vor dem Kranz der Bundeswehr – eingerahmt von Ministranten, Vereinsfahnen und der Chiemgauer Bergwelt.
Bei aller Feierlichkeit gab es auch einen heiteren Moment: Beim Einzug trat eine Kuh unmittelbar an Kardinal Marx heran – beinahe so, als wolle auch sie um seinen Segen bitten.

Öffentlicher Dank an Baron Ludwig von Cramer-Klett – in der Mitte mit dunkler Sonnenbrille –, auf dessen Grund die Gedenkmesse stattfinden konnte.
Nach dem Gottesdienst führte der Weg für Geistlichkeit, Ehrengäste und Besucher zurück zur Steinlingalm. Dort klang ein Tag aus, der am Morgen mit einem Regenbogen über dem Rosenheimer Land begonnen hatte. Seine Botschaft reichte weit über die Kampenwand hinaus: Frieden ist kostbar – und jeder kann etwas zu seinem Erhalt beitragen.

Nach der Gedenkmesse kehren Kardinal Reinhard Marx und die mitfeiernden Geistlichen in gelöster Stimmung zur Steinlingalm zurück.
Bericht & Fotos: Rainer Nitzsche


