Wirtschaft

Rosenheim: Maßstäbe im Hochschulbau

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Mit dem neuen V-Bau eröffnet die Technische Hochschule Rosenheim ein hochmodernes Lehr- und Forschungsgebäude für den Studiengang Physiotherapie sowie für Forschung, Entwicklung und Transfer. Der Neubau schafft moderne Lehr-, Trainings- und Bewegungsflächen für die Physiotherapie und bündelt erstmals Theorie, Praxis und Forschung an einem Standort. Außerdem entstehen zusätzliche Räume für das Zentrum für Forschung, Entwicklung und Transfer.

Flexible Raumkonzepte, hybride Medientechnik und innovative digitale Lehrmittel schaffen neue Möglichkeiten für praxisnahe und interdisziplinäre Lehrformate. Mit dem neuen Gebäude erhält insbesondere der Bachelorstudiengang Physiotherapie moderne Rahmenbedingungen für Lehre, Training und Forschung.
Gleichzeitig setzt die Hochschule ein Zeichen für einen neuen Weg des Hochschulbaus in Bayern: Als eine der ersten Hochschulen im Freistaat trat die TH Rosenheim bei dem Projekt selbst als Bauherr auf – mit bemerkenswertem Ergebnis.

Mit Gesamtbaukosten von etwa 7,5 Millionen Euro entstand auf dem Campus Rosenheim in dreieinhalb Jahren Planungs- und Bauzeit ein nachhaltiges und hochflexibles Hochschulgebäude in modularer Hybridbauweise. Trotz hoher Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstandards blieb das Projekt knapp 20 Prozent unter den Regelkosten vergleichbarer staatlicher Hochschulbauten.

Konsequentes Kostenmanagement statt Sonderlösungen
Möglich wurde dies durch konsequentes Kostenmanagement, hohe Vorfertigung und einen strikt funktionalen Planungsansatz. Statt auf architektonische Sonderlösungen setzte das Projektteam auf effiziente Konstruktionen, intensive Vorplanung und die konsequente Hinterfragung etablierter Standards.

„Der V-Bau beweist eindrucksvoll, dass die TH Rosenheim sehr erfolgreich und vor allem kostenbewusst als Bauherr agieren kann“, sagt Prof. Dipl.-Ing. (FH) Andreas Betz, Professor für Innenausbau an der TH Rosenheim sowie Gesamtprojektleiter, Bauherrnvertreter und Planer des Projekts. „Es ging auch darum zu zeigen, dass wir nachhaltigen Hochschulbau nicht nur qualitativ hochwertig, sondern auch wirtschaftlich realisieren können.“
Zu Beginn des Projekts lagen erste Kostenberechnungen noch bei neun bis zehn Millionen Euro. Durch konsequente Optimierungsschritte gelang es dem hochschulinternen Team, die Kosten deutlich zu reduzieren. Von Beginn an wurde jede planerische Entscheidung auf ihre Funktionalität und Wirtschaftlichkeit überprüft.

Intelligente Gebäudestruktur senkt Baukosten
Eine entscheidende Rolle spielte dabei die sogenannte „statische Umdrehung“ des Gebäudes. Aufgrund schwieriger Bodenverhältnisse und hoher Grundwasserstände in Rosenheim hätte eine konventionelle Bauweise erhebliche Mehrkosten verursacht. Deshalb verlegte das Planungsteam große Lehr- und Bewegungsflächen mit hohen Spannweiten in die oberen Geschosse und kompaktere Büroflächen in die unteren Ebenen. Dadurch konnten Lasten reduziert, Konstruktionshöhen optimiert und Kosten beim Untergrund sowie bei der Gebäudekubatur eingespart werden.

Auch die modulare Bauweise trug wesentlich zur Effizienz des Projekts bei. Vorgefertigte 2D-Holzelemente mit bereits integrierten Fassaden, Fenstern und Verkleidungen ermöglichten eine außergewöhnlich kurze Montagezeit: Innerhalb von nur vier Wochen entstand der komplette Holzbau inklusive Dach – Geschoss für Geschoss wie in einem Baukastensystem.
„Wir haben das Gebäude konsequent von innen heraus mit Blick auf die Funktionen geplant“, so Betz. „Ich bin bekennender Innenarchitekt. Der Mensch hält sich zu 90 Prozent innen auf – deshalb müssen Räume funktionieren. Der V-Bau ist ein Nutzbau, aber gleichzeitig mit hoher gestalterischer und funktionaler Qualität.“

Nachhaltigkeit durch Suffizienz und flexible Nutzung
Das Gebäude erfüllt den KfW40-Standard und wird nach den Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) mit Silber zertifiziert. Grundlage dafür war ein konsequenter Suffizienzansatz: Wo immer möglich wurde Beton reduziert und Holz als CO₂-speichernder Baustoff eingesetzt. Flexible Grundrisse ermöglichen zudem eine langfristige Umnutzung der Räume. Das Planungsteam orientierte sich dabei an den drei Nachhaltigkeitsprinzipien Effizienz, Konsistenz und Suffizienz – also langlebigen Materialien, ressourcenschonender Konstruktion und dem bewussten Verzicht auf Überflüssiges.
„Normalerweise gilt nachhaltiges Bauen als teurer. Dieses Projekt zeigt, dass intelligente Planung und konsequentes Engineering genau das Gegenteil bewirken können“, betont Betz.

Fakultätsübergreifende Zusammenarbeit als Erfolgsfaktor
Möglich wurde das Projekt auch durch die enge Zusammenarbeit zahlreicher Fachbereiche innerhalb der Hochschule. Expertinnen und Experten aus den Fakultäten für Angewandte Natur- und Geisteswissenschaften (insbesondere aus dem Studiengang Energie- und Gebäudetechnik) und Holztechnik und Bau brachten ihre Kompetenzen direkt in die Planung ein. Dieses fakultätsübergreifende Zusammenwirken reduzierte nicht nur externe Kosten, sondern prägte auch die innovative Herangehensweise des Projekts.

Eine Schlüsselrolle bei Planung und Umsetzung spielte zudem der wissenschaftliche Mitarbeiter der TH Rosenheim Dipl. Ing. (FH) Wolfgang Schmidt als Planer und Bauleiter. Gemeinsam mit dem hochschulinternen Projektteam koordinierte er die komplexen Bauabläufe und trug maßgeblich zur erfolgreichen Realisierung des Gebäudes bei.

Hochschulpräsident Prof. Heinrich Köster sieht im V-Bau ein starkes Signal für die Zukunft des Hochschulbaus: „Dieses Projekt zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial entsteht, wenn Hochschulen Verantwortung übernehmen und ihre eigene Fachkompetenz bündeln. Der V-Bau steht für Innovationskraft, Teamarbeit und den Mut, neue Wege zu gehen.“

Modellcharakter für den Hochschulbau in Bayern
Auch Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume würdigt das Projekt bei der Eröffnung als wegweisend: „Bauen in Rekordzeit, sparen ohne Verzicht und nachhaltig obendrein – das klingt fast zu gut, um wahr zu sein, ist in Rosenheim aber Realität. Der neue V-Bau bündelt gleich mehrere Erfolgsgeschichten unter einem Dach: modernste Räume für die Physiotherapie, starke Impulse für Forschung und Transfer sowie neue Maßstäbe für wirtschaftliches und nachhaltiges Bauen. Mit dem Gebäude V zeigt die Technische Hochschule Rosenheim eindrucksvoll, wie innovative Hochschulentwicklung gelingt.“

Im Rahmen der Eröffnungsfeier verlieh Blume zudem die Auszeichnung „PRO MERITIS SCIENTIAE ET LITTERARUM“ des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst an Prof. Andreas Betz. Mit der Ehrung würdigt das Ministerium dessen besondere Verdienste um Wissenschaft und Kunst sowie dessen außergewöhnliches Engagement bei der Realisierung des Projekts.
Für Betz selbst steht am Ende jedoch vor allem die gemeinsame Leistung im Mittelpunkt: „Das Tüfteln und die Zusammenarbeit im Team haben unglaublich viel Spaß gemacht. Wir sind gemeinsam an diesem Projekt gewachsen.“

Bericht: Technische Hochschule Rosenheim

Bildnachweise siehe Bildunterschriften

 


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