Jedes Jahr am 5. Mai findet der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung statt. Anstelle von Diskriminierung und Ausgrenzung wird hier für Solidarität, Teilhabe und Inklusion geworben. Inklusion und Teilhabe ist ein Schwerpunktthema in Aschau im Chiemgau.
Inklusion wird hier nicht nur gefordert, sondern gelebt. Durch die vor über 100 Jahren als „Krüppelheim“ gegründete Orthopädische Kinderklinik sind Menschen mit Behinderungen seit vielen Generationen ganz normaler Teil des Lebens in Aschau geworden. Es gibt aber auch ein durchgehendes System an Angeboten. So werden betroffene Kinder in der heilpädagogischen Stätte in Aschau unterrichtet und können, bei Bedarf, auch vor Ort betreut wohnen. Mit dem Einstig ins Erwachsenenalter steht mit dem Benedetto-Menni-Nest eine Wohngemeinschaft für junge Menschen mit Behinderungen, die aufgrund ihrer Einschränkungen nicht eigenständig leben können und gerne mit Gleichgesinnten zusammen wohnen möchten, zur Verfügung. Bei Pflegebedarfen, auch im höheren Alter können die Leistungen der ambulanten Pflegedienste und die Tagespflege Aschau genutzt werden.
Trotz dieser perfekten Struktur in Aschau mit den vielen Angeboten und engagierten ehrenamtlichen Unterstützern sind in einigen Fällen auch in Aschau Wege für Menchen mit Behinderung erschwert. Beispiel ist hier der Bahnhof von Aschau mit einer nahezu unüberwindlichen Einstiegshöhe. 1. Bürgermeister Simon Frank ist hier glücklich, dass nach knapp 30 Jahren Verhandlungen eine Lösung in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn gefunden werden konnte. „Der geplante barrierefreie Ausbau unseres Bahnhofs ist ein entscheidender Schritt hin zu mehr Teilhabe und selbstbestimmter Mobilität für alle Bürgerinnen und Bürger. Es freut mich sehr, dass wir gemeinsam mit der Deutschen Bahn eine Lösung erreichen konnten und nun eine klare Perspektive für die Umsetzung im Jahr 2028 haben. Mit großem Engagement arbeiten wir weiter daran, dieses wichtige Projekt voranzubringen und Inklusion in Aschau noch stärker im Alltag zu verankern“.
Aber auch die Wege im Gesundheits- und Sozialsystem bleiben für Menschen mit Einschränkungen oft versperrt. Darum passt das diesjährige Motto des Europäischen Protesttags „Menschenrechte sind nicht verhandelbar“ besonders gut, so Elmar Stegmeier, Gesundheitswissenschaftler aus Aschau und Leiter der Fachgruppe Patientenlotsen der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC).
Deutschland verfügt über ein leistungsfähiges Gesundheits- und Sozialsystem. Tatsächlich ist es so, dass jeder Mensch, entsprechend seiner Bedarfslage (bspw. Gesundheitsbedarfe, Pflegebedarfe, Teilhabebedarfe) Anspruch auf Leistungen in dem dafür zuständigen Sozialgesetzbuch hat. Dennoch zeigt die Praxis: Viele Menschen in komplexen Lebens- und Versorgungssituationen – etwa Menschen mit Behinderungen, starker Pflegebedürftigkeit, psychischen Erkrankungen, chronischen Leiden oder ohne soziales Unterstützungsnetz – können ihre bestehenden Ansprüche nicht selbst wahrnehmen. „Ein Recht bzw. ein Anspruch, das nicht realisiert werden kann, bleibt wirkungslos.“ erläutert Stegmeier.
Damit ist klar: Es braucht ein Recht auf tatsächlichen Zugang zu notwendigen Gesundheits- und Sozialleistungen – insbesondere für Menschen, die ihre Rechte nicht eigenständig durchsetzen können. Ein zentrales Instrument hierfür ist ein flächendeckendes Care- und Case-Management. Speziell qualifizierte Patientenlotsinnen und -lotsen unterstützen Betroffene, koordinieren Leistungen und Hilfen, helfen bei Antragsstellungen um notwendige Hilfe tatsächlich zu erhalten. Über die Netzwerkarbeit wird die Vor-Ort-Versorgung koordiniert und verbessert.
Der Protesttag macht deutlich: Es geht nicht nur um formale Gleichstellung, sondern um gelebte Teilhabe und Inklusion, wie es in Aschau vorgelebt wird. Ohne wirksamen Zugang zu Versorgung bleiben grundlegende Rechte auf Gesundheit, Würde und soziale Sicherheit für viele Menschen dennoch unerreichbar. Ein erster Schritt ist die gesetzliche Verankerung eines Anspruchs auf Unterstützung durch Care- und Case-Management für besonders schutzbedürftige Personen. Diesem muss langfristig eine verfassungsrechtliche Klarstellung folgen, dass der Staat den Zugang zu notwendigen Gesundheits- und Sozialleistungen auch für diejenigen gewährleisten muss, die ihre Rechte nicht selbst wahrnehmen können.
In Aschau im Chiemgau wird auf allen Ebenen für ein besseres Miteinander und eine bessere Versorgung gearbeitet.
Vorbildliche Arbeit hat die Tourist Info Aschau bereits geleistet: Sie hat ein Faltblatt mit sechs Wandervorschlägen für barrierefreie Wege in Aschau im Chiemgau sowie im Bergsteigerdorf Sachrang erstellt. Dieses kostenlose Faltblatt mit Karte und Beschreibungen ist in den Tourist Infos in Aschau (Tel. 08052/90490) und Sachrang (Tel. 08057/909737) sowie online unter www.aschau.de erhältlich.
Bericht und Foto: Gemeinde/Tourist-Information Aschau i. Chiemgau – Elmar Stegmeier und Bgm. Simon Frank



