Noch bevor der Schlussapplaus einsetzte, war an diesem Abend bereits klar, dass sich das Volkstheater Flintsbach mit Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“ nicht auf bloße Gefälligkeit verlassen würde. Viel wurde gelacht im Theaterstadl, und doch war diese Premiere mehr als eine verlässlich funktionierende Komödie. Die Inszenierung zeigte, wie präzise und gegenwärtig Nestroy klingen kann, wenn man den Witz nicht forciert, sondern aus Figuren, Tempo und Haltung entwickelt. Genau darin lag die Qualität dieses Abends: Er nahm die Leichtigkeit ernst.
Das ist bei diesem Stück keine Kleinigkeit. Denn „Einen Jux will er sich machen“ wirkt nur dann wirklich, wenn die Mechanik der Posse funktioniert und zugleich etwas Menschliches durchscheint. Im Mittelpunkt steht Weinberl, Handlungsdiener im Hause Zangler, der einmal dem geregelten, engen Alltag entkommen möchte. Zusammen mit Christopherl, seinem Gehilfen und Begleiter, zieht es ihn hinaus in die Stadt. Was als kleiner Ausbruch beginnt, wächst sich rasch zu einem dichten Geflecht aus Verwechslungen, Behauptungen, Ausflüchten und unerquicklich komischen Verwicklungen aus. Das Stück lebt von dieser Bewegung, von der Lust am Durcheinander – aber eben auch von dem genauen Blick darauf, wie schnell Übermut in Unsicherheit umschlagen kann. Gerade deshalb verlangt Nestroy einer Bühne einiges ab. Die Sprache braucht Rhythmus, ohne geschniegelt zu wirken. Die Pointen müssen präzise kommen, dürfen aber nie als bloße Nummern ausgestellt werden. Und die Figuren dürfen nicht in Typen erstarren, weil sonst aus Komik allzu schnell Klamauk wird. Dass die Flintsbacher diese Fallhöhe so sicher beherrschten, war das eigentliche Verdienst des Premierenabends.
Florian Wilhelm trug den Weinberl mit einer Präsenz, die der Figur Beweglichkeit und innere Spannung zugleich gab. Er spielte ihn nicht als leichten Hallodri, sondern als jemanden, der tatsächlich hinauswill aus seinem vorgezeichneten Leben und gerade deshalb immer wieder mit sich selbst in Konflikt gerät. Seine Komik entstand nicht aus Übertreibung, sondern aus Haltung, Reaktion, Blick und einer sehr genauen Dosierung. Besonders stark waren die musikalischen Momente der Figur. Die Couplets, von Wilhelm mit großer Sicherheit getragen, öffneten jene zweite Ebene, die Nestroy so reizvoll macht: Für Augenblicke trat Weinberl aus dem unmittelbaren Handlungslauf heraus, kommentierte die eigene Lage und die Welt mit Witz, Schärfe und Selbstironie. Das war nicht bloß musikalische Garnitur, sondern Teil der Figurenzeichnung.
Matthias Obermair gab Christopherl genau jene Mischung aus Bodenhaftung, Wärme und unangestrengter Lebendigkeit, die diese Rolle braucht. So wurde aus dem Begleiter kein bloßer Mitläufer, sondern ein ruhiger Gegenpol inmitten des immer turbulenteren Geschehens. Dass die Verwechslungspartien so gut griffen, hatte auch mit Christine Wilhelm als Frau von Fischer zu tun. Sie trug das Spiel Weinberls glaubhaft mit und machte dadurch jene Konstellation plausibel, ohne die dieser Teil des Stücks so nicht funktionieren würde. Gerade an solchen Stellen zeigte sich die Sorgfalt der Inszenierung bis in die Nebenrollen hinein.
Toni Obermair wiederum fand für Zangler einen überzeugenden Ton zwischen Selbstbewusstsein, Geschäftssinn und verletzter Eitelkeit. Die Figur wirkte nie wie eine bloße Karikatur, sondern wie ein Mensch, dessen Lächerlichkeit gerade aus dem übergroßen Ernst erwächst, mit dem er sich selbst begegnet. Wenn Kränkung in Empörung umschlug und Kontrolle in hektisches Reagieren, entstand daraus eine sehr eigenständige Komik. Martin Obermair war dabei nicht nur als Regisseur prägend, sondern setzte auch als Hausknecht Melchior eigene Akzente. Mit vorwitzigen, spitzen Dialogen und trocken platzierten Repliken sorgte er für einige besonders treffsichere Lacher. Dass dies alles nicht auseinanderfiel, lag an einer Ensemblearbeit, die bemerkenswert geschlossen wirkte. In einem Stück wie diesem ist das entscheidend. Die vielen Auftritte, Wechsel und Verknüpfungen müssen so ineinandergreifen, dass aus Bewegtheit nicht Unordnung wird. Genau das gelang hier. Die Bühne blieb selbst in dichten Szenen übersichtlich, die Übergänge waren sauber gesetzt, das Tempo hoch, ohne nervös zu werden.
Die Regie von Martin Obermair setzte dafür auf Klarheit. Sie versuchte nicht, Nestroy mit Gewalt zu modernisieren, und verfiel ebenso wenig in ehrfürchtige Starre. Stattdessen entwickelte sie den Abend aus der Szene selbst: aus Bewegungen, Konstellationen, Blickachsen und einem genauen Gespür dafür, wann eine Pointe Raum braucht und wann gerade nicht. So wurde sichtbar, dass dieser „Jux“ eben nicht nur eine flüchtige Posse ist, sondern auch von Sehnsucht, vom Wunsch nach einem anderen Leben und von der Irritation erzählt, die entsteht, wenn man plötzlich aus der gewohnten Ordnung heraustritt. Viel zum Gelingen trug auch die Ausstattung bei. Das Bühnenbild war mit großer Liebe zum Detail gebaut und schuf eine Welt, die den Komödienraum nicht bloß schmückte, sondern trug. Selbst in kurzen Momenten zeigte sich dieser Aufwand: Für eine Szene, in der im Hintergrund nur wenige Sekunden lang eine Kutsche auftauchte, war eigens ein passendes Requisit geschaffen worden. Solche Einzelheiten blieben keine Spielerei, sondern verdichteten die Atmosphäre. Dazu kam eine Bühnenmalerei, die stellenweise kleinen Kunstwerken glich und dem Raum Tiefe und Glanz verlieh. Kostüme und Lichtführung ergänzten dieses Bild präzise und charakterisierend.
Auch musikalisch hatte der Abend Format. Die instrumentale Begleitung war eng mit dem Spiel verzahnt und verlieh dem Geschehen Farbe, Schwung und Rhythmus. Gerade weil nur Weinberl sang, bekamen die Couplets ein besonderes Gewicht: Sie wirkten wie kommentierende Inseln innerhalb des Trubels und gaben der Figur eine zusätzliche Schärfe. So stand die Musik nicht neben dem Spiel, sondern ging mit ihm eine produktive Verbindung ein. Das Publikum reagierte entsprechend. Es wurde viel und hörbar gelacht, mehrfach gab es Szenenapplaus, und am Ende fiel der Beifall lang und kräftig aus. Man spürte, dass hier nicht nur eine Premiere absolviert worden war, sondern ein Abend gelungen war, der im Gedächtnis bleiben dürfte.
So zeigte Flintsbach Nestroys „Einen Jux will er sich machen“ nicht als museales Lustspiel, sondern als lebendige Komödie, sorgfältig gebaut, klug geführt und mit spürbarer Spielfreude getragen. Gerade darin lag die Stärke dieser Premiere: dass sie Vergnügen bereitete und zugleich zeigte, wie viel Genauigkeit, Kunst und Menschenkenntnis in dieser scheinbar leichten Form steckt.
Weitere Aufführungen folgen bis Mitte August; Termine und Hinweise zum Kartenverkauf finden sich unter www.volkstheater-flintsbach.de. Karten gibt es online, zudem ist die Theaterkasse montags bis freitags von 11 bis 13 Uhr unter 08034 / 8333 erreichbar.
Bericht und Fotos: Volkstheater Flintsbach / Premiere von “Einen Jux will er sich machen”












