Monitoring und Forschung liefern neue Zahlen – Podcast-Folge zum Ökosystemingenieur
Seit gut einem Jahrzehnt hat der Nationalpark Bayerischer Wald zahlreiche freie Mitarbeiter, die für ihre Renaturierungsmaßnahmen keinen Cent verlangen. Die Rede ist vom Eurasischen Biber. Der Ökosystemingenieur hat innerhalb weniger Jahre nahezu alle geeigneten Gewässersysteme des Schutzgebietes besiedelt. Grund genug für die Nationalparkverwaltung, diese Art in Forschungs- und Monitorings-Projekten genau unter die Lupe zu nehmen und die jeweiligen Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.
„Der Biber ist ein Schlüsselakteur unserer Gewässer“, sagt Nationalparkleiterin Ursula Schuster. „Durch systematisches Monitoring erhalten wir nicht nur Infos zum Bestand, zu Reproduktionsraten sowie zur Ausbreitungsdynamik. Wir erfahren auch, welchen Einfluss der Biber auf verschiedene Artengruppen hat und wie durch seine Bautätigkeit die Biodiversität gefördert wird.“ Um genaue Daten zu erhalten, wird im Nationalpark zum einen jährlich ein Bibermonitoring von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Nationalparkwacht durchgeführt. „Die aktuellen Daten aus 2025 bestätigen den Trend der vergangenen Jahre, dass wir bei den Revieren einen leichten Rückgang zu verzeichnen haben“, berichtet Schuster. Zum dritten Mal in Folge verringerte sich die Zahl der aktiven Biberreviere auf nunmehr 25. 2024 wurden noch 27 aktive Reviere gezählt.

Die Zahl der aktiven Biberreviere im Nationalpark, wie hier bei Riedlhütte, ist 2025 erneut leicht gesunken. (Foto: Julia Reihofer/Nationalpark Bayerischer Wald).
Auch der Biberbestand hat sich erneut leicht verringert. So wird die Population im Nationalpark auf aktuell 125 Individuen geschätzt, 2022 ging man noch von 175 Tieren aus. „Der Rückgang kann von mehreren Faktoren abhängen, wie etwa von der Nahrungsverfügbarkeit. Aber auch der Wolf spielt eine Rolle “, so Prof. Marco Heurich, Leiter des Sachgebietes Nationalparkmonitoring. „In rund 25 Prozent aller im Nationalpark gesammelten Wolfs-Losungen konnte Biber nachgewiesen werden.“ Auf welchem Niveau sich die Biberpopulation künftig einpendeln wird, bleibe abzuwarten.

Projektmitarbeiterin Lucia Jobst untersucht bei dem grenzüberschreitenden Forschungsprojekt unter anderem die Artenvielfalt in den Biberrevieren. (Foto: Julia Reihofer/Nationalpark Bayerischer Wald)
Welche Auswirkungen der Biber hingegen auf die Artenvielfalt und das Ökosystem selbst hat, wird derzeit bei einem grenzüberschreitenden Forschungsprojekt untersucht, das wiederum Thema der aktuellen Podcast-Folge „Wildnis schafft Wissen“ ist. Nationalpark-Podcasterin Julia Reihofer und Forscherin Lucia Jobst sind dabei in einem der größten Biber-Reviere im Nationalpark am Ölbach bei Riedlhütte unterwegs. Hier errichteten Biber sieben Dämme mit einer Länge von 90 Metern. Schon von der angrenzenden Forststraße aus sind große Wasserflächen zu erkennen, aus denen teilweise abgenagte oder abgestorbene Bäume ragen, sowie eine große Biberburg. „Hier im Tal können sich Biber räumlich besser ausbreiten als in den Hochlagen oder in steilerem Gelände. So entstehen dann solch beeindruckende Bauwerke“, erklärt Lucia Jobst neben einer Malaise-Falle stehend, die ausschaut wie ein kleines Zelt aus einem Netz. „Damit fangen wir Insekten, die dann per Gen-Analyse im Labor unserer Partner-Uni in Prag bestimmt werden.“ Erste Ergebnisse von Untersuchungen weisen auf eine große Artenvielfalt hin. So finden sich neben zahlreichen Fliegenarten auch Käfer, Libellen und Falter darin. Auch eine gelb leuchtende Krabbenspinne ist der Forscherin ins Netz gegangen. Die Vielzahl an Insekten lockt natürlich auch viele andere Arten an. „Es gibt nicht nur Amphibien und einige Reptilien, auch zahlreiche Vögel leben hier.“ In den vergangenen Jahren hätten die Biber sogar dafür gesorgt, dass sich am Ölbach zwischenzeitlich Kraniche niederließen.
Ein bereits deutlicheres Bild ergibt sich aus Daten des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Projekts „Rangersound“. Im vergangenen Jahr wurden am Ölbach zwischen Ende April und Herbst autonome, mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet Horchboxen installiert. Mit dieser Methode haben die Forscher Brutnachweise von Bekassine, Teichhuhn und Krickente sowie die ersten Brutweise von Wasserralle und Waldwasserläufer im Nationalparkgebiet erhalten. „Auch Sperlingskauz, Raufußkauz, Waldkauz und Waldohreule konnten bestätigt werden“, erklärt Prof. Jörg Müller, Leiter des Sachgebietes Naturschutz und Forschung. Von den Strukturen am Biberteich profitieren ebenfalls Rast- und Durchzugsarten, wie Nachtschwalbe, Wachtel und Bruchwasserläufer. „Insgesamt konnten 99 Vogelarten sicher dokumentiert werden“, so Müller. 55 Arten wurden als Brutvögel eingestuft, 16 als Nahrungsgäste aus dem Umfeld und 28 als Durchzügler.
Das Beispiel am Ölbach zeige, dass die Aktivität des Bibers nicht nur große Bedeutung für den Wasserhaushalt hat, sondern auch für die Artenvielfalt. Es entstehen neue Laichhabitate für Amphibien, wovon Kreuzottern oder der Neuntöter profitieren. Der Blütenreichtum in den aufgelichteten Biberflächen zieht Hochmoorgelblinge an, das vom Biber geschaffene Totholz fördert Klein- und Grauspecht. „In Kombination mit den großflächigen Borkenkäferdynamiken ergeben sich im Nationalpark so neuartige, kleinräumig hochdiverse Habitat-Mosaike.“
Weitere Informationen über das aktuelle von der Europäischen Union geförderte Projekt BioBeaver, das Projekt Rangersound, die Ergebnisse des aktuellen Biber-Monitorings und die neuste Folge des Podcasts „Wildnis schafft Wissen“ gibt es auf der Nationalpark-Homepage und überall dort, wo es Podcasts gibt.



