Zwei Erntekronen, ein mächtiges Holzkreuz aus Tirol, zahlreiche Vereine und Musikkapellen sowie ein von beiden Kirchen gestalteter Gottesdienst: Am zweiten Sonntag des Rosenheimer Herbstfestes verband die Erntedankfeier Glauben, Brauchtum und Gemeinschaft zu einem eindrucksvollen Fest.

Rosenheim – Noch bevor sich am Sonntagmorgen der Kirchenzug in Bewegung setzte, bot der Max-Josefs-Platz ein farbenprächtiges Bild. Fahnen wurden entrollt, Trachten zurechtgerückt und letzte Absprachen getroffen. Die Stadtkapelle Rosenheim, mehrere Musikkapellen, der Spielmannszug, Trachtenvereine, Schützen, Landjugendgruppen, Innungen, Jungbauern, Imker und zahlreiche weitere Organisationen stellten sich in drei großen Blöcken auf. Rund 1000 Mitwirkende aus den Vereinen hatte der Veranstalter für den Festtag erwartet.

Der Blick vom Altar über die Festgemeinde im Mangfallpark Süd: In der ersten Reihe sitzt das Bauernehepaar Barbara und Martin Pichler vom Lainthalerhof in Oberaudorf. Hinter ihnen ragen die Erntekrone der Katholischen Landjugend Prutting und zahlreiche Vereinsfahnen aus der dicht besetzten Gottesdienstgemeinde empor.

Mitten in diesem geschäftigen Treiben standen jene Zeichen, die den Sinn des Tages besonders sichtbar machten: das Ehrenbrot, die Weintrauben, die beiden großen Erntekronen aus Prutting und Vogtareuth und das mächtige Erler Kreuz. Daneben wartete das frisch vermählte Bauernehepaar Barbara und Martin Pichler vom Lainthalerhof in Oberaudorf auf den Beginn des Kirchenzuges. Martin Pichler trug das reich verzierte Ehrenbrot, seine Frau Barbara eine große Schale mit Weintrauben. Gebacken worden war das Brot von der Rosenheimer Bäckerei Bergmeister.

Ein besonderer Moment gehörte den Männern aus Erl in Tirol. Mit vereinten Kräften richteten sie das zunächst waagerecht liegende Holzkreuz auf. Lange Stangen dienten dazu, das mächtige Kreuz zu führen und zu stabilisieren. Wenig später trugen die Männer es durch die Rosenheimer Straßen zum Mangfallpark Süd. Das Erler Kreuz war damit nicht nur eines der eindrucksvollsten Motive des Kirchenzuges, sondern zugleich ein sichtbares Zeichen der grenzüberschreitenden Verbundenheit zwischen dem Rosenheimer Land und den Tiroler Nachbarn.

Bei der Segnung inzensiert Hauptzelebrant Monsignore Thomas Schlichting die auf dem Altar niedergelegten Erntegaben mit Weihrauch. Darunter befinden sich das von der Rosenheimer Bäckerei Bergmeister gebackene Ehrenbrot und die Weintrauben des Bauernehepaars.

Zwei Erntekronen – und jede erzählt ihre eigene Geschichte

Auch die beiden Erntekronen unterschieden sich deutlich in Form und Ausgestaltung. Die hoch aufragende Pruttinger Krone besteht aus dicht gebundenen Getreideähren und wird von einem kunstvoll gearbeiteten Ährenkreuz geprägt. Seit mehr als 50 Jahren fertigt die Katholische Landjugend Prutting eine der beiden Kronen für das Rosenheimer Erntedankfest. Die Idee dazu geht auf die ehemalige Kreisbäuerin Burgl Gschwendner zurück. Balthasar Voggenauer baute den dazugehörigen Tisch, Franz Niedermayr schweißte das Gerüst der Krone.
Mehr als 27 Mitglieder der Pruttinger Landjugend hatten das Gebinde in Reischach innerhalb von drei Stunden angefertigt. Besonders viel Geschick erforderte das Binden des Ährenkreuzes. Während sich vor allem die jungen Frauen dieser anspruchsvollen Arbeit widmeten, stellten die Burschen die benötigten Getreidebüschel her. Beim Kirchen- und später beim Festzug wartete auf sie dann die körperlich schwerste Aufgabe: Auf langen Holzbalken trugen sie die mächtige Krone durch Rosenheim.

Bereit für den Kirchenzug: Die Mitglieder der Katholischen Landjugend Prutting präsentieren sich mit ihrer kunstvoll gebundenen Erntekrone auf dem Max-Josefs-Platz. Das Ährenkreuz bildet das Herzstück des traditionsreichen Gebindes.

Die Katholische Landjugend Vogtareuth versammelte sich mit ihrer Erntekrone auf dem Max-Josefs-Platz. Mehr als 30 Mitglieder hatten das kunstvolle Gebinde auf dem über 50 Jahre alten Eisenkreuz der Vorgängergruppe „Grüner Kreis“ angefertigt.

Die Vogtareuther Erntekrone wiederum entstand „beim Kaspern“. Mehr als 30 Mitglieder der Katholischen Landjugend waren daran beteiligt. Ihre Krone wird auf einem Eisenkreuz gebunden, das bereits vor mehr als 50 Jahren vom „Grünen Kreis“, der Vorgängergeneration der heutigen Landjugend, gefertigt wurde. Die Burschen schnitten den benötigten Weizen, die Mädchen banden die Krone. Nach dem Rosenheimer Fest findet sie ihren Platz in der Pfarrkirche St. Emmeram in Vogtareuth. Die Pruttinger Krone kehrt traditionell in die dortige Pfarrkirche zurück.
Um 9.15 Uhr setzte sich der Kirchenzug vom Max-Josefs-Platz aus in Bewegung. Vorbei an zahlreichen Zuschauern führte der Weg über die Rathausstraße zum Mangfallpark Süd. Die Musikkapellen begleiteten die einzelnen Blöcke mit dezenter Marschmusik. Zwischen Fahnen, Trachten und Standarten trugen die Pruttinger Burschen ihre Erntekrone, Barbara und Martin Pichler das Ehrenbrot und die Weintrauben. Ihnen folgten unter anderem ein Wagen mit Ährenfeld, ein Pflug der Landjugend Stephanskirchen, das Erler Kreuz sowie der liturgische Dienst.

Mit vereinten Kräften richten die Träger aus Erl in Tirol auf dem Max-Josefs-Platz das mächtige Erler Kreuz auf. Anschließend wurde es im Kirchenzug zum Erntedankgottesdienst in den Mangfallpark getragen.

Dankbarkeit als Leitgedanke

Bereits gegen 9.50 Uhr begann der Gottesdienst im sonnendurchfluteten Mangfallpark. Auf den Bänken und entlang der Böschung hatten sich zahlreiche Gläubige versammelt. Vereinsfahnen, Erntekronen, Blumen, Getreide und Früchte verwandelten den Platz vor dem Altar in ein großes Bild des Dankes.
„Dankbarkeit ist das Thema des Tages – Dank für Gemeinsamkeit, Miteinander, Familie und Gott“, sagte die evangelische Dekanin Dagmar Häfner-Becker zur Eröffnung. Ihr besonderer Gruß galt Rosenheims Oberbürgermeister Abuzar Erdogan, Landrat Otto Lederer, den anwesenden Mandatsträgern aus Bund, Land und Kommunen sowie dem Wirtschaftlichen Verband von Stadt und Landkreis Rosenheim als Gastgeber und Veranstalter des Herbstfestes.
Hauptzelebrant des Gottesdienstes war Stadtpfarrer, Dekan und Monsignore Thomas Schlichting. Mit dabei war außerdem Pfarrvikar Robert Baumgartner. Häfner-Becker und Schlichting gestalteten die Predigt als Dialog. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie der Mensch mit Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit und Neid umgeht.
Der Neid sei eine Falle, machte Schlichting deutlich. Als Gegenbild erinnerte er an den Zöllner Zachäus aus dem Evangelium. Dessen Sehnsucht nach Jesus und Gott habe ihm geholfen, sein bisheriges Leben zu verändern. Zachäus blieb nicht bei der Erkenntnis stehen, sondern wurde selbst tätig und übernahm Verantwortung. Schlichting verband diese biblische Geschichte mit einem klaren Aufruf an die Gegenwart: Dankbarkeit dürfe nicht passiv bleiben, sondern müsse Konsequenzen für das eigene Handeln haben. Seine abschließenden Worte fassten die Botschaft in bayerischer Kürze zusammen: „Pack ma o – mit Gottes Hilfe.“
Blas- und volksmusikalisch wurde die Feier von den Bläsern der Musikkapelle „Am Wasen“ und vom Hamberger Viergesang gestaltet. Die Lesung trug Kreisbäuerin Katharina Kern vor. Die Fürbitten übernahm ihre Stellvertreterin beim Bayerischen Bauernverband Rosenheim, Maria Fischbacher.

Zur Gabenbereitung bringen Barbara und Martin Pichler vom Lainthalerhof in Oberaudorf das Ehrenbrot und die Weintrauben zum Altar. Hauptzelebrant Monsignore Thomas Schlichting nimmt die Erntegaben entgegen. Das kunstvoll verzierte Brot wurde von der Rosenheimer Bäckerei Bergmeister gebacken.

Brot und Weintrauben vor dem Altar

Bei der Gabenbereitung traten Barbara und Martin Pichler vor den Altar. Monsignore Thomas Schlichting nahm das Ehrenbrot und die Weintrauben entgegen. Was zuvor durch die Straßen getragen worden war, wurde nun zum sichtbaren Mittelpunkt des Gottesdienstes: Brot als Grundnahrungsmittel und Frucht menschlicher Arbeit, die Trauben als Zeichen der Ernte und des Lebens.
Schlichting inzensierte die niedergelegten Gaben mit Weihrauch. Später wurden auch die von bäuerlichen Familien und Organisationen mitgebrachten Früchte und Erzeugnisse gesegnet. Ebenso erhielten die kleinen Brote den Segen, welche die Katholische Landjugend zugunsten sozialer Einrichtungen anbot. Der Erlös geht in diesem Jahr zu gleichen Teilen an das Café Aussergewöhnlich in Wien und an den Irmengard-Hof im Chiemgau.
Auf die Eucharistiefeier folgte das Gedenken an die Gefallenen, Vermissten und Verstorbenen. Dabei wurde auch daran erinnert, dass das gute Leben der heutigen Generation ohne die Arbeit und die Leistungen der Vorfahren nicht denkbar wäre. Zum Lied vom „Guten Kameraden“ spielten die Erler Bläser. Beim Wettersegen hielt Monsignore Schlichting das Kreuzreliquiar mit der Kreuzpartikel empor.
Ein besonderer Dank galt allen, die an der Vorbereitung und Gestaltung des Festtages beteiligt waren. Innerhalb des liturgischen Dienstes gab es zudem einen persönlichen Anlass zur Freude: Altardienerin Klara Fee feierte an diesem Sonntag ihren 18. Geburtstag. Vor der versammelten Gottesdienstgemeinde wurde ihr dazu herzlich gratuliert.
Mit dem Schlusslied „Großer Gott, wir loben dich“ und der Bayernhymne endete die Feier. Doch der Festtag war damit noch längst nicht abgeschlossen.

Mit ihrer kunstvoll gebundenen Erntekrone zieht die Katholische Landjugend Prutting nach dem Gottesdienst durch die Rosenheimer Innenstadt zur Wiesn. Die Burschen tragen das mächtige Gebinde, begleitet von Fahnenabordnungen und zahlreichen weiteren Mitgliedern der Landjugend.

29 Gruppen ziehen zur Wiesn

Nach dem Gottesdienst formierten sich die Mitwirkenden erneut. Angeführt von der Stadtkapelle Rosenheim setzte sich der große Festzug in Richtung Herbstfest in Bewegung. Die offizielle Aufstellung umfasste 29 Positionen: Ehrengäste, Musikkapellen, Landjugendgruppen, Jungbauern und Jungzüchter, Imker, Kleingärtner, Innungen, Schützen und Trachtenvereine bildeten einen langen und farbenprächtigen Zug.
Anders als bei früheren Festzügen führte die Strecke diesmal nicht über den Marktplatz, sondern über die Königsstraße. Ausschlaggebend waren Sicherheitsüberlegungen: Die Königsstraße besitzt deutlich weniger Zufahrtswege, die während des Zuges abgesichert werden mussten. Von der Rathausstraße ging es über Königsstraße, Ludwigsplatz und Kaiserstraße zur Festwiese.
Unterwegs waren erneut die beiden Erntekronen besondere Blickfänger. Vor allem die Pruttinger Burschen hatten unter der großen Krone sichtbar zu tragen. Barbara und Martin Pichler gingen nun Hand in Hand durch die Innenstadt. Hinter ihnen folgten Landjugendliche, Trachtler, Fahnenabordnungen und Gespanne. Zuschauer säumten die Straßen und begrüßten den Zug auf seinem Weg zur Wiesn.
Der Festzug führte durch die gesamte Festwiese und löste sich erst nach dem Ausgang beim Flötzinger-Bräu über Herbststraße und Kapuzinerweg auf. Zwischen Riesenrad, Fahrgeschäften und Festzelten erreichten die Gruppen ihr Ziel. Damit wechselte das Bild noch einmal: Aus dem feierlichen Kirchenzug und der stillen Aufmerksamkeit während des Gottesdienstes wurde ein heiterer Einzug auf die Rosenheimer Wiesn.
Ein kleiner Festzugteilnehmer lieferte dazu beinahe beiläufig ein passendes Schlussbild. Mit Strohhut und Tracht saß er in seinem Kinderwagen, einen ganzen Brotlaib auf dem Schoß, und biss herzhaft in ein Stück davon. Erntedank konnte an diesem Vormittag kaum anschaulicher sein.
Denn Dankbarkeit blieb in Rosenheim nicht nur ein Wort der Predigt. Sie wurde in den Erntekronen sichtbar, im Ehrenbrot zum Altar getragen, im Gottesdienst ausgesprochen, von den Vereinen durch die Stadt getragen – und am Ende miteinander geteilt.

Text und Fotos: Rainer Nitzsche


Redaktion

Rainer Nitzsche

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