Salzburg – Humanistische Botschaft atonal verpackt – Konzertante Aufführung von Hans Werner Henzes Oper „Prinz von Homburg“ in der Felsenreitschule
Es war ein Wagnis von Ex-Intendant Markus Hinterhäuser, die selten gespielte Oper von Hans Werner Henze, basierend auf Heinrich von Kleists Drama „Prinz Friedrich von Homburg“ (1810), auf den Spielplan der Salzburger Festspiele zu setzen. Ingeborg Bachmann (1926–1973) schrieb das Libretto der 1960 in Hamburg uraufgeführten Opernfassung von Henze (1926–2012). Somit war die Aufführung in der Salzburger Felsenreitschule eine Hommage zum 100. Geburtstag beider. Die atonale Komposition ist keine leichte Kost, und eine Reihe von Zuhörern verließen die Aufführung vorzeitig, andere gingen kurz vor Einsetzen des Schlussapplauses. Doch die meisten blieben über den Schlusston hinaus, zeigten sich begeistert und jubelten den Sängern und dem ORF-Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung des deutschen Dirigenten Ingo Metzmacher zu. Es war wohl das Gesamtkunstwerk, das das Publikum faszinierte.
Worum geht es?
Der schwedisch-preußische Krieg um 1675 ist im vollen Gange, und Friedrich Prinz von Homburg zieht zur Schlacht nach Fehrbellin (nordöstlich von Berlin). Doch zuvor träumt er, er habe von seiner Angebeteten, Prinzessin Natalie von Oranien, einen Handschuh bekommen, den er dann beim Aufwachen in der Hand hält. Auf dem Schlachtfeld denkt er hauptsächlich an seine Liebe und ignoriert dabei den Befehl des Kurfürsten. Trotz des Sieges seiner Armee in dieser Schlacht kommt er vor das Kriegsgericht, denn auf Befehlsverweigerung steht der Tod. Doch weil Natalie ihren Onkel, den Kurfürsten, davon überzeugen kann, dass der Prinz von Homburg patriotisch gehandelt hat, wird er begnadigt und bekommt nicht nur Natalie zur Frau, sondern auch einen Orden. Somit wird der Träumer Homburg rehabilitiert, und die Menschlichkeit hat gesiegt.
Georg Nigl als Prinz von Homburg ist, salopp gesagt, eine Wucht. So eindringlich und intensiv spielt er mit der Sprache und gleicht sie der jeweiligen Situation an (träumend, draufgängerisch, liebend, geständig, würdevoll), dass dies seinesgleichen sucht. Man versteht jedes Wort, und Nigls wandelbarer Bariton macht alle seelischen Zustände des jungen Prinzen nicht nur hör-, sondern erlebbar.
Beeindruckend ist vor allem die Szene, in der Friedrich von Homburg zum Tode verurteilt wird und Georg Nigl a capella, bis in den letzten Rang der Felsenreitschule hörbar, den Monolog haucht: „Ich will den Brief noch einmal lesen … als sprächst du nicht, wenn dich der Tod umschauerte wie mich.“ Fast quälend durchdringt diese Dramatik eines Liebes-Leidenden jede Faser, bevor das Orchester zögerlich diese Eindringlichkeit auffächert.
Henzes atonale Intensität eröffnet einen neuen Klangkosmos, wenn man sich darauf einlässt. Teilweise klingt es wie Filmmusik. Wenn es heißt: „Auf zu Pferden!“, erscheint das Reiten plastisch vor dem inneren Auge. Wenn der Kurfürst (überzeugend: Maximilian Schmitt) singt: „Folgt mir in den Garten!“, hört man die Militärkameraden mit ihm gehen. Sphärische Klänge, ausgedrückt in Zwölftontechnik – genial. Die Rolle der Geliebten, Natalie von Oranien, hat die Librettistin ausgebaut. Ohne ihr Plädoyer hätte Prinz von Homburg nicht überlebt. Sehr einfühlsam und mit geschmeidigem Sopran verkörpert Sopranistin Kathrin Zukowski diese starke Frau.
Ein Abend mit humanistischer Botschaft, als atonales Klangerlebnis verpackt – so geht gute Oper! Gewiss vermisste niemand bei dieser konzertanten Aufführung eine Inszenierung, denn Sänger, Musiker und Dirigent versprühten eine ungeheure Energie, und die Gesamtleistung war in jeder Hinsicht stringent (besonders die von Georg Nigl als Prinz von Homburg), wie die Bravo-Rufe von allen Rängen bestätigten.
Text: Daniella Rieger-Böhm – Fotos: Marco Borelli (Salzburger Festspiele)




