Ganz im Zeichen des 185. Geburtstags von Antonín Dvořák stand die Klassik-Soirée der Kulturinitiative Ruhpolding in der Pfarrkirche St. Georg. Das Salzburg Ensemble widmete den Abend ausschließlich Werken des böhmischen Komponisten und begeisterte das Publikum mit kammermusikalischer Klangkultur auf höchstem Niveau.
Im ersten Programmpunkt – dem Konzert-Walzer A-Dur, op. 54 Nr. 1 in der Version für Streichquintett mit einer leicht melancholischen Verneigung des Tschechen Dvorak vor der Donaumetropole Wien – sorgten zwei Violoncelli für das solide Bassfundament, zum einen Simon Nagl, der auch die Werke anmoderierte und die knapp 13-jährige Magdalena Beer, Tochter von Daniela und Florian Beer, die auf Violine und Viola musizierten. Sophia Nagl, die sich mit Daniela Beer in der ersten Geige abwechselte, ist die Tochter von Simon Nagl.
Zusammen waren sie ein eingespieltes Team, wo jeder dem anderen aufmerksam zuhörte und auch die Jüngste sich mit bemerkenswerter Musikalität und klangschöner Gestaltung in das Ensemble einfügte.
Ob als Quartett oder Quintett – das Ensemble musizierte in hervorragender Abstimmung, so auch im folgenden Streichquartett Nr. 12 in F-Dur, das auch als Amerikanisches Quartett bezeichnet wird. Seine Opus-Zahl 96 weist es als seelenverwandt mit der Sinfonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“ in e-Moll, op. 95 aus. Denn beide Werke entstanden 1893 während seines Aufenthalts in den USA. Und obwohl die Sinfonie für Orchesterbesetzung komponiert wurde, brachte die Streichquintett-Version in der Transparenz der kammermusikalischen Besetzung manchmal sowohl den orchestralen Glanz zum Strahlen, als es auch einen intimen Blick auf den Melodienreichtum in der neunten Sinfonie und die rhythmisch-harmonische Verbindung zweier Kulturen erlaubte. Diese fanden ihren Ausdruck in Dvoráks böhmischer Klangsprache und seiner Inspiration durch afroamerikanische Spirituals.
In seiner Begrüßung sagte Simon Nagl, die Kirche „sei der beste Ort, an dem man bei diesen Temperaturen sein kann“. Tatsächlich war sie nicht nur deswegen der beste Ort, sondern vor allem wegen der dargebotenen Musik. Im „Amerikanischen Quartett“ zum Beispiel, das manchmal als Dvoráks Pastorale bezeichnet wird, ließen die ätherischen „Klang-Farben“ im wörtlichen Sinn die Musik hören und zugleich farbenreich vor dem geistigen Auge aufscheinen. Der erste Satz „Allegro man non troppo“ erinnerte mit seinen Natureindrücken an eine Ode an die Natur. Der zweite Satz „Lento“ mit seiner weitgespannten, melancholischen Kantilene bereitete den Kontrast zum dritten mit der Tempoangabe „Molto vivace“ vor, der eine burschikose Volksszene assoziierte und das Rondofinale im „Vivace ma non troppo“ beschloss rhythmisch-vital mit Anklängen an afroamerikanische Tanzrhythmen sowie an Volkstänze aus Dvořáks böhmischer Heimat in einem fröhlichen Kehraus – mit einem kurzen Innehalten durch das feierliche Choral-Intermezzo im Mittelteil, ob als Assoziation an sein Orgelspiel in Spillville oder an wehmütige Gedanken an Böhmen.
Für die Sinfonie Nr. 9 machte Simon Nagl mit seinem Kontrabass das Quartett zum Quintett. Eindringlich erklangen die charakteristischen Melodien. Das elegische Largo vermittelte eine schier heilige Atmosphäre – auch hier der Kontrast zum folgenden Scherzo im „Molto vivace“, das von der Szene eines indianischen Festes inspiriert ist. Im dynamischen Finale erzählte das Ensemble gemeinsam mit Dvorák einerseits von der „Neuen Welt“ und drückte andererseits dessen Sehnsucht nach seinem Vaterland aus. Die Musikerinnen und Musiker fühlten sich gut sichtbar in Dvoraks musikalische Gefühls- und Klangwelt ein und ließen kongenial seine Botschaft hören.
Puristen mögen Bearbeitungen dieser Art als Grenzüberschreitung bezeichnen, für die zahlreichen Zuhörer jedoch war es eine bereichernde und wertvolle musikalische Erfahrung, die sie mit Jubel und Bravos bedachten.
Mit dem Tango „Por una cabeza” von Carlos Gardel bedankte sich das Ensemble für den begeisterten Applaus und setzte einen beschwingten Schlusspunkt unter ein rundum gelungenes Konzert.
Bericht und Foto: Brigitte Janoschka – Musizieren kongenial miteinander (von links): Daniela Beer, Sophia Nagl, Florian Beer, Magdalena Beer und Simon Nagl.



