Berchtesgaden. Wer letztes Wochenende am höchsten Punkt der Rossfeld Panoramastraße unterwegs war, dürfte überrascht innegehalten haben: Ein Wegweiser mit zwei gelben Schildern stand an einem Spazierweg. Ein Schild zeigte in Richtung „Freedom“, das andere in die entgegengesetzte Richtung „Freedoom“. Nur ein zusätzliches „o“ trennt Freiheit vom Untergang – und genau dieses Wortspiel machte die Kunstintervention „FREE Was?“ des international tätigen Künstlers Manaf Halbouni so eindringlich.
Die Installation war im Rahmen der Projektreihe „dream illegal – Kunst als Widerstand“ des Konzeptkünstlers Peter Kees für wenige Stunden an der Panoramastraße zu sehen. Vor der beeindruckenden 360-Grad-Kulisse der Berchtesgadener Alpen entwickelte das Werk eine besondere Wirkung. Denn der Mast mit den beiden Schildern war beweglich montiert und drehte sich wie ein Wetterhahn im Wind. So änderte sich ständig die Richtung, in die „Freedom“ oder „Freedoom“ zeigte.
Halbouni macht damit die Ambivalenz der Gegenwart sichtbar: Dieselben Kräfte, die Freiheit ermöglichen, können ebenso in Zerstörung und gesellschaftlichen Untergang führen. Welche Richtung eingeschlagen wird, hängt von politischen, gesellschaftlichen und medialen Strömungen ab. Die Installation wird so zu einer poetischen Metapher für eine Zeit voller Unsicherheiten und Spannungen.
Die Aktion ist Teil eines größeren Kunstprojekts, das aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst gefördert wird. „Dream illegal“ versteht Kunst als gesellschaftliche Intervention und möchte Denk- und Handlungsräume öffnen. Initiator Peter Kees sieht im künstlerischen Handeln die Möglichkeit, bestehenden Begrenzungen etwas entgegenzusetzen. Träumen bedeute für ihn, den Status quo infrage zu stellen, Zweifel zuzulassen und den Mut zu haben, Veränderungen überhaupt erst zu denken.
Die Reihe begann mit der Projektion des Schriftzuges „DREAM ILLEGAL“ über München. Seitdem finden an verschiedenen Orten in Bayern künstlerische Interventionen statt, die Diskussionen anstoßen und gesellschaftliche Aufmerksamkeit schaffen sollen. Nach der Station am Rossfeld wird das Projekt noch bis 31. Juli unter anderem in Ebersberg, München, Nürnberg, Passau, Regensburg, Landshut und am Schloss Neuschwanstein fortgesetzt. Auch wenn an diesem Nachmittag nur rund 20 bis 30 Besucher direkt mit den Künstlern ins Gespräch kamen, hinterließ die Aktion Eindruck. Denn zwischen „Freedom“ und „Freedoom“ liegt manchmal nur ein kleiner Schritt – und die Frage, wohin sich unsere Gesellschaft bewegt.
Die Künstler
Manaf Halbouni, geboren 1984 in Damaskus/Syrien, lebt und arbeitet in Berlin, Dresden und Zagreb. Er studierte 2005 – 2008 an der University of Fine Art Damaskus, 2009 – 2014 an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Manaf Halbouni wagt mit seiner Kunst den „Ausbruch aus dem goldenen Käfig“ und greift in seinem Werk aktuelle gesellschaftspolitische Themen auf, eine künstlerische Auseinandersetzung, die häufig biografisch motiviert ist und mit der er eine gesellschaftliche Debatte anstoßen und Menschen miteinander ins Gespräch bringen möchte. (www.manaf-halbouni.com) – Peter Kees gründete 2006 in Berlin die Arkadische Botschaft. Es gibt Ableger in Havanna, Neapel, Rostock oder Weimar (www.embassy-of-arcadia.eu). Peter Kees befasst sich als Künstler mit Sehnsüchten, Idealen und Visionen. Seit der Biennale von Havanna 2006 hat er mehrfach einzelne Quadratmeter in europäischen Ländern annektiert und zu arkadischem Staatsgebiet erklärt.
Der Künstler nennt sich „Arkadischer Botschafter S.E. Peter Kees“ der von ihm gegründeten Embassy of Arcadia (Botschaft von Arkadien). Die Symbolik: Das antike Arkadien gilt kulturhistorisch als ein Sehnsuchtsort des Friedens und der Idylle. Durch die Vergabe von arkadischen Visa und Pässen sowie das Führen des offiziellen Botschaftertitels „S.E.“ persifliert der Künstler bürokratische, staatliche und diplomatische Strukturen.
Bericht und Foto: Brigitte Janoschka – Manaf Halbouni (links) und Peter Kees wollen durch Kunstinterventionen gesellschaftliche Aufmerksamkeit schaffen.



