Vielfalt des Sehens, der Blick durch das Kaleidoskop – in der Vernissage zur Fotoausstellung zum 80. Geburtstag von Gisela Brechenmacher ging es nicht nur um Fotografien, die Geschichten erzählen, sondern auch um sprachliche Bilder. Ergänzt wurde dieses ganzheitliche Fest mit einem Büffet, das keine Wünsche offen ließ.
Bis zum 19. Juli täglich von 14 bis 18 Uhr können sich die Besucher von der Kunst des Fotografierens, wie Gisela Brechenmacher sie ausübt, überzeugen. Es ist auch die Kunst des Inszenierens und Darstellens. Denn diese Fotos zeigen nicht nur Momente, die die Fotografin aufs Geratewohl eingefangen hat, sondern Bildwelten, die wirken wie Puzzleteile ihres Lebens. Dazu gehören Kinder, Tiere oder Farbspiele und Spiegelungen ebenso wie Erotik. Vor allem jedoch gehören dazu Fantasie, das aufmerksame Wahrnehmen der Umwelt und die Fähigkeit, den entscheidenden Augenblick im Bruchteil einer Sekunde zu erkennen. Ein junger Mann vor einem Poster zur „vergessenen Generation“, der Kontrast zwischen einer vom Leben gebeugten Sandlerin und einem Model mit wertvollem Schmuck in einem Schaufenster oder Details aus einer größeren Ansicht wie der Teil eines Stacheldrahts und der Mittelpunkt einer zersplitterten Glasscheibe – dafür braucht man ein besonderes Auge, ebenso wie für die Parallelität zwischen der Schönheit eines weiblichen Körpers und einem Apfel mit der Assoziation zur antiken Sagenwelt.
Doch die Fotografien leben nicht allein vom festgehaltenen Motiv. Es sind Lichtführung, Perspektive, Komposition und das feine Gespür für Symbolik, die ihnen ihre besondere Ausdruckskraft verleihen. Brechenmacher arbeitet mit Spiegelungen, Linien, Kontrasten und Farben wie eine Malerin mit dem Pinsel. Ihre Bilder eröffnen Assoziationsräume, laden zum Verweilen ein und erzählen oft weit mehr, als auf den ersten Blick sichtbar ist. Zwischen Dokumentation und Inszenierung entstehen Fotografien, die den Betrachter zum Mitdenken anregen und Emotionen wecken. Brechenmacher ist auch offen für Experimente und stellt Fragen dazu, ob und wie sich ein Foto unter bestimmten Einflüssen verändert. Auch das zeigt sie anhand eines Mädchenporträts mit und ohne Einfluss von Wind und Wetter.
Die eindrucksvolle Fotoserie „Boléro“ mit „Sandra“ zeigt deren Weg in die Emanzipation. Sie geht in eine Felsenhöhle im Steintheater Hellbrunn (Salzburg) – wie ins Unbekannte – hinein und kommt lachend und befreit wieder heraus, tanzt, bewegt sich, bis sie auf einer Wiese als Symbol der absoluten Freiheit und gespiegelt in Seifenblasen nackte Freude ausstrahlt. Wie das musikalische Motiv in Maurice Ravels „Boléro“ wiederholt sich hier der Kontrast zwischen Freiheit und gesellschaftsbedingter Unfreiheit, der sich – wie das Crescendo in der Musik – immer weiter steigert, bis schließlich nur noch das Gefühl von „Freisein“ bleibt. Die sorgfältig komponierte Bildfolge entwickelt dabei eine fast filmische Dramaturgie und macht sichtbar, wie Fotografie Bewegung, Zeit und Gefühle in einer einzigen visuellen Erzählung verdichten kann.
Zur Vernissage kamen viele Gratulanten, Künstler-Freundinnen und -Freunde und schossen unzählige Fotos, auch von der mehrstöckigen Geburtstagstorte mit Filmstreifen und Rosen, die zwar wegen der warmen Temperaturen verrutschte, aber gerade dadurch ebenfalls eine denkwürdige Geschichte erzählen wird.
Gildemeister und Karikaturist Paul Seifert lobte in seiner Laudatio die Fotografien als Kunstwerke. „80 Jahre und immer umtriebig, kein bisschen müde, ständig unter Dampf“, beschrieb er seine Künstlerkollegin. Martina Riedner aus dem Vorstand gratulierte mit 13 Rosen – eine für jedes Gildemitglied. Zweite Bürgermeisterin Bettina Oestreich überbrachte die Glückwünsche der Stadt und freute sich über Gisela Brechenmachers Liebe zu ihrem Beruf. Die Jubilarin bedankte sich bei allen Gästen und sprach von Fotografie als kreativer Selbstwirksamkeit. Denn eine aktuelle Studie lege den Zusammenhang zwischen künstlerisch-kultureller Aktivität und gesundem Altern erstmals auf molekularer Ebene nahe. Wer fotografiert, altere langsamer. Daher sehe sie bestimmt nur aus wie 79, schmunzelte sie.
Gisela Brechenmacher schenkt mit ihren Fotos sich selbst und den Betrachtern Freude. Sie macht das Unsichtbare sichtbar und gibt dem Alltäglichen eine symbolisch-poetische Bedeutung.
Bericht und Bilder: Brigitte Janoschka










