„Alles hat seine Zeit.“
Es ist ein Satz, den wir so oft gehört haben, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Er klingt nach Lebensweisheit, vielleicht sogar ein wenig nach Kalenderblatt. Nach Trost für Dinge, die wir nicht ändern können. Nach einer freundlichen Aufforderung, geduldig zu sein.
Dabei steckt in diesen wenigen Worten eine Vorstellung vom Leben, die unserer heutigen Zeit beinahe fremd geworden ist.
Denn wenn alles seine Zeit hat, dann bedeutet das auch: Nicht jede Zeit ist für alles geeignet.
Es gibt einen Augenblick, in dem etwas beginnen sollte. Einen anderen, in dem es wachsen darf. Es gibt Zeiten des Handelns und Zeiten des Wartens. Zeiten, in denen wir festhalten müssen – und solche, in denen gerade das Loslassen die richtige Bewegung wäre.
Schon im biblischen Buch Kohelet findet sich diese Erfahrung:
Alles hat seine Stunde. Geborenwerden und Sterben. Pflanzen und Ausreißen. Weinen und Lachen. Schweigen und Reden.
Dahinter steht keine komplizierte Philosophie. Es ist zunächst nur die Beobachtung, dass Leben Rhythmus besitzt.
Und vielleicht ist gerade diese einfache Erkenntnis schwieriger geworden.
Denn wir leben in einer Welt, in der immer weniger seine Zeit haben soll.
Alles soll jederzeit möglich sein.
Wir arbeiten nachts, kaufen sonntags, kommunizieren rund um die Uhr. Erdbeeren gibt es im Winter, künstliches Licht verlängert den Tag, Flugzeuge überwinden innerhalb weniger Stunden Kontinente. Medizin und Technik verschieben Grenzen, die über Jahrtausende unverrückbar erschienen.
Das alles hat unser Leben auf eine Weise erleichtert und bereichert, die kaum jemand ernsthaft zurückdrehen möchte.
Aber vielleicht hat sich mit diesen Möglichkeiten auch etwas in unserem Verhältnis zur Welt verändert.
Aus der Erfahrung, dass immer mehr möglich ist, entsteht beinahe unmerklich die Vorstellung, alles müsse möglich sein.
Und wenn etwas nicht möglich ist, suchen wir nach einer Technik, einem Medikament, einer Methode oder einer Organisation, die es möglich macht.
Wir haben uns daran gewöhnt, Widerstände nicht mehr als Bestandteil des Lebens zu betrachten, sondern als Probleme, die beseitigt werden müssen.
Vielleicht liegt darin eine der großen Versuchungen unserer Zeit: die Vorstellung, dass der Mensch nicht mehr Teil einer Ordnung ist, sondern ihr Konstrukteur.
Es gibt ein altes Sprichwort:
„Täten wir, was wir sollten, täte Gott auch, was wir wollten.“
Auf den ersten Blick klingt es beinahe kindlich. Als würde Gott Wünsche erfüllen, wenn der Mensch sich nur ordentlich benimmt.
Man kann diesen Satz aber auch völlig anders verstehen.
Vielleicht bedeutet er gar nicht, dass sich die Welt unseren Wünschen anpassen würde, wenn wir nur gut genug wären.
Vielleicht verändert sich vielmehr unser Wollen, wenn wir selbst „in Ordnung“ sind.
Dann wünschen wir möglicherweise nicht mehr dasselbe.
Vielleicht liegt genau darin ein Zustand, den viele Menschen zumindest für Augenblicke kennen.
Es gibt Phasen im Leben, in denen Dinge auf eigentümliche Weise zusammenpassen.
Man trifft zur richtigen Zeit einen Menschen. Eine Tür öffnet sich, ohne dass man sie gewaltsam aufstoßen musste. Ein Gedanke, der lange unklar war, bekommt plötzlich Gestalt. Eine Entscheidung, um die man monatelang gerungen hat, wird auf einmal selbstverständlich.
Man arbeitet viel, vielleicht sogar sehr viel – und trotzdem fühlt es sich nicht nach Kampf an.
Die Dinge fließen.
Und es gibt das Gegenteil.
Zeiten, in denen jeder Schritt Kraft kostet. Kaum ist ein Problem gelöst, entsteht das nächste. Man organisiert, korrigiert, telefoniert, plant und arbeitet – und trotzdem scheint alles gegen die eigene Richtung zu laufen.
Vielleicht ist das nur Zufall.
Vielleicht treffen wir in manchen Lebensphasen bessere Entscheidungen als in anderen.
Vielleicht nehmen wir Möglichkeiten stärker wahr, wenn wir innerlich ruhig und klar sind.
Das alles sind vernünftige Erklärungen.
Und doch kennen viele Menschen dieses schwer beschreibbare Gefühl, dass es Zeiten gibt, in denen sie mit ihrem Leben gehen, und andere, in denen sie beständig gegen etwas anlaufen.
Carl Gustav Jung erzählte in diesem Zusammenhang gern eine Geschichte, die der Sinologe Richard Wilhelm aus China mitgebracht hatte.
In einer Gegend herrschte eine schwere Dürre. Wochenlang fiel kein Regen. Felder vertrockneten, Menschen und Tiere litten, und schließlich wurde ein Regenmacher aus einer anderen Provinz geholt.
Als der alte Mann das Dorf erreichte, bemerkte er offenbar sofort, dass etwas nicht stimmte.
Er verlangte eine kleine Hütte außerhalb des Dorfes, etwas zu essen und zu trinken – und wollte allein gelassen werden.
Drei Tage blieb er dort.
Am dritten Tag begann es zu regnen.
Natürlich wollten die Menschen wissen, wie er das vollbracht habe.
Doch der Regenmacher bestritt, irgendetwas getan zu haben.
Er erklärte sinngemäß: Als er in die Gegend gekommen sei, habe er gespürt, dass hier die Dinge nicht in Ordnung seien. Dadurch sei auch er selbst aus seiner Ordnung geraten. Deshalb habe er sich zurückgezogen, bis er wieder im Tao gewesen sei.
Und als er selbst wieder in Ordnung gewesen sei, sei natürlich auch der Regen gekommen.
Man muss diese Geschichte nicht wörtlich glauben.
Man muss auch nicht annehmen, dass ein Mensch durch innere Sammlung meteorologische Vorgänge beeinflussen könne.
Ihre Kraft liegt woanders.
Der Regenmacher kommt in eine gestörte Welt – und sein erster Gedanke lautet nicht:
Was muss ich draußen verändern?
Sondern:
Was muss in mir wieder stimmen?
Das steht fast quer zu unserer Vorstellung vom Handeln.
Wir hätten vermutlich Brunnen gebohrt, Pumpen installiert, Wasserleitungen verlegt, Wetterdaten ausgewertet und einen Krisenstab einberufen.
Und wahrscheinlich wäre vieles davon notwendig und richtig gewesen.
Der Regenmacher aber stellt eine andere Frage.
Er fragt nach dem Verhältnis zwischen sich und der Welt.
Nicht: Wie kann ich die Wirklichkeit meinem Willen unterwerfen?
Sondern: Bin ich selbst noch in der richtigen Beziehung zu ihr?
Vielleicht ist uns gerade diese Frage fremd geworden.
Wir sind ausgezeichnet darin geworden, die Welt zu verändern.
Aber weniger geübt darin, wahrzunehmen, wann wir selbst aus dem Gleichgewicht geraten.
Wir beschleunigen, wenn etwas nicht schnell genug geht.
Wir erhöhen den Einsatz, wenn der Erfolg ausbleibt.
Wir arbeiten länger, wenn die Arbeit nicht reicht.
Wir organisieren genauer, wenn das Leben unübersichtlich wird.
Wir kontrollieren mehr, wenn wir unsicher werden.
Und manchmal funktioniert das.
Manche Widerstände müssen überwunden werden. Manche Ziele verlangen Disziplin. Wer bei jedem Problem auf ein geheimnisvolles Zeichen des Universums wartet, wird sein Leben ebenfalls nicht bewältigen.
Aber es gibt vielleicht auch Widerstände, die etwas anderes verlangen als noch größere Anstrengung.
Vielleicht gibt es Situationen, in denen wir nicht stärker drücken sollten.
Sondern genauer hinschauen.
Das Schwierige ist die Unterscheidung.
Wann verlangt das Leben von uns Beharrlichkeit?
Und wann verlangt es, dass wir aufhören?
Wann müssen wir gegen Widerstände ankämpfen?
Und wann zeigen die Widerstände, dass wir in die falsche Richtung laufen?
Darauf gibt es keine allgemeine Antwort.
Das Leben liefert keine Gebrauchsanweisung.
Vielleicht ist genau deshalb jenes innere Gespür so wichtig, das frühere Kulturen in sehr unterschiedlichen Bildern beschrieben haben: als Maß, als Mitte, als Tao, als innere Ordnung.
Nicht im Sinne einer geheimnisvollen Kraft, die uns unfehlbar den richtigen Weg weist.
Sondern als Fähigkeit, wahrzunehmen, ob unser Tun noch mit unserem Leben übereinstimmt.
Es gibt Menschen, die jahrelang eine Arbeit fortsetzen, von der sie längst wissen, dass ihre Zeit vorbei ist.
Andere halten an Beziehungen fest, die nur noch aus Erinnerung bestehen.
Wir bewahren Aufgaben, Verpflichtungen und Gewohnheiten, weil sie einmal richtig waren.
Was lange Teil unseres Lebens war, bekommt allein dadurch ein Recht auf Fortsetzung.
Dabei kann etwas richtig gewesen sein und trotzdem irgendwann nicht mehr richtig sein.
Ein Ende widerlegt nicht das Vorausgegangene.
Der Sommer wird nicht dadurch bedeutungslos, dass Herbst wird.
Vielleicht liegt darin eine Bedeutung des Satzes „Alles hat seine Zeit“, die wir gern übersehen.
Er sagt nicht nur:
Für alles kommt irgendwann der richtige Augenblick.
Er sagt ebenso:
Für vieles geht der richtige Augenblick auch wieder vorbei.
Das gilt für Tätigkeiten.
Für Beziehungen.
Für Entscheidungen.
Für Möglichkeiten.
Und sogar für Wünsche.
Wir leben häufig so, als könnten wir unser Leben aufbewahren.
Diese Reise machen wir später.
Diesen Menschen besuchen wir irgendwann.
Mehr Zeit für Freunde nehmen wir uns, wenn die Arbeit ruhiger wird.
Wir kümmern uns um uns selbst, sobald die nächsten Projekte abgeschlossen sind.
Wir sprechen das aus, was wir schon lange sagen wollten, wenn der richtige Moment gekommen ist.
Doch manche Möglichkeiten besitzen keine unbegrenzte Haltbarkeit.
Eltern werden älter.
Kinder werden groß.
Freundschaften verändern sich.
Der Körper verändert sich.
Menschen sterben.
Und eines Tages entdecken wir, dass aus unserem „später“ ein „damals“ geworden ist.
Nicht alles, was wir heute aufschieben können, können wir morgen noch nachholen.
Gleichzeitig versucht der moderne Mensch immer stärker, gerade diese Begrenzungen zu überwinden.
Das beginnt bei sehr sinnvollen Dingen. Moderne Medizin verhindert Leid, verlängert Leben und ermöglicht etwas, das frühere Generationen für Wunder gehalten hätten.
Doch dieselbe technische Macht stellt uns vor neue Fragen.
Denn irgendwann verschiebt sich die Frage von:
Was können wir tun?
zu:
Was sollten wir tun?
Und das sind zwei völlig verschiedene Fragen.
Wir können heute tief in Prozesse eingreifen, die früher weitgehend der Natur überlassen waren. Fortpflanzungsmedizin ist dafür nur eines von vielen Beispielen. Selbst Schwangerschaft, genetische Abstammung, Geburt und Elternschaft können heute teilweise voneinander getrennt und technisch organisiert werden.
Man kann darüber sehr unterschiedlich urteilen.
Aber unabhängig davon zeigt sich daran eine grundsätzliche Entwicklung:
Etwas, das über Jahrtausende an körperliche, biologische und zeitliche Grenzen gebunden war, wird zunehmend zu einem gestaltbaren Prozess.
Damit entsteht eine neue Verantwortung.
Denn technische Möglichkeit beantwortet noch nicht die Frage nach dem richtigen Maß.
„Natürlich“ bedeutet keineswegs automatisch „gut“. Krankheiten sind natürlich. Schmerzen sind natürlich. Der Tod ist natürlich. Niemand käme deshalb vernünftigerweise auf die Idee, Medizin grundsätzlich abzulehnen.
Aber ebenso wenig bedeutet „machbar“ automatisch „richtig“.
Vielleicht benötigen wir gerade in einer Zeit immer größerer Möglichkeiten umso dringender ein Bewusstsein für Grenzen.
Nicht aus Technikfeindlichkeit.
Sondern aus Demut gegenüber einer Wirklichkeit, die größer ist als unser Wille.
Vielleicht ist Omnipotenz deshalb eine der großen Illusionen moderner Gesellschaften.
Wir glauben, immer mehr herstellen zu können.
Gesundheit.
Glück.
Erfolg.
Kinder.
Jugendlichkeit.
Sicherheit.
Man müsse nur das richtige Verfahren finden.
Doch Leben lässt sich nicht vollständig herstellen.
Es lässt sich gestalten, beeinflussen, schützen, verlängern, verbessern.
Aber es bleibt unverfügbar.
Liebe kann man nicht erzwingen.
Vertrauen nicht kaufen.
Gesundheit nicht garantieren.
Lebenszeit nicht zurückholen.
Und auch der richtige Augenblick lässt sich nicht produzieren.
Man kann ihn nur erkennen.
Bis hierher könnte man all das als eine Frage des persönlichen Lebens betrachten.
Doch vielleicht reicht der Gedanke weiter.
Vielleicht können nicht nur einzelne Menschen aus ihrem Rhythmus geraten.
Vielleicht können es auch Gesellschaften.
Vielleicht sogar ganze Zivilisationen.
Manchmal entsteht beim Blick auf unsere Gegenwart das eigentümliche Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten.
Das Klima verändert sich. Dürren, Hitzewellen, Starkregen und Überschwemmungen werden für viele Regionen zu einer immer größeren Herausforderung. Gleichzeitig erleben wir Kriege, von denen manche kein Ende zu finden scheinen. Millionen Menschen verlassen ihre Heimat wegen Gewalt, Armut, Verfolgung oder zerstörter Lebensgrundlagen. Staaten rüsten auf. Gesellschaften polarisieren sich. Das Misstrauen wächst.
Natürlich haben all diese Entwicklungen unterschiedliche Ursachen.
Es wäre zu einfach und auch falsch, sie zu einer einzigen großen Erzählung vom moralischen Versagen der Menschheit zusammenzufügen.
Kriege hat es immer gegeben.
Menschen sind schon immer geflohen.
Naturkatastrophen gehören zur Geschichte unseres Planeten.
Und frühere Generationen haben Zeiten erlebt, die ungleich grausamer waren als unsere eigene.
Aber etwas hat sich verändert.
Noch nie verfügte die Menschheit über so große Möglichkeiten, die Bedingungen des Lebens auf der Erde selbst zu verändern.
Wir können Landschaften umgestalten, Flüsse umlenken, Wälder innerhalb weniger Jahrzehnte verschwinden lassen, Gene verändern, globale Warenströme organisieren und binnen Sekunden Milliarden Menschen mit Informationen erreichen.
Wir besitzen Waffen, deren Zerstörungskraft frühere Generationen sich nicht einmal vorstellen konnten.
Wir beeinflussen mittlerweile sogar das Klima unseres Planeten.
Unsere Fähigkeiten sind gewaltig geworden.
Doch vielleicht ist unsere Weisheit im Umgang mit ihnen nicht im gleichen Maß gewachsen.
Unsere Macht wächst möglicherweise schneller als unsere Fähigkeit, mit ihr verantwortlich umzugehen.
Vielleicht liegt darin eine der großen Spannungen unserer Zeit.
Denn auch gesellschaftlich kennen wir kaum noch ein „genug“.
Wirtschaft soll wachsen.
Produktion soll wachsen.
Konsum soll wachsen.
Reichweite soll wachsen.
Leistung soll steigen.
Technische Möglichkeiten sollen erweitert werden.
Das Neue besitzt schon deshalb einen Wert, weil es neu ist.
Wir fragen ständig, was als Nächstes möglich sein wird.
Seltener fragen wir, ob alles, was möglich wird, auch getan werden muss.
Vielleicht ist der Verlust des Maßes also nicht nur ein individuelles Problem.
Vielleicht ist er zu einem kulturellen Prinzip geworden.
Die Menschheitsgeschichte ist in vieler Hinsicht die Geschichte einer Befreiung von natürlichen Zwängen.
Und das war ein ungeheurer Fortschritt.
Eine schlechte Ernte muss heute in einem wohlhabenden Land keine Hungersnot mehr bedeuten.
Infektionen, an denen früher Menschen starben, lassen sich behandeln.
Kinder überleben Krankheiten, die noch vor wenigen Generationen tödlich waren.
Kälte, Dunkelheit, Entfernung und körperliche Arbeit bestimmen unser Leben weit weniger als früher.
Niemand sollte diese Errungenschaften romantisch kleinreden.
Doch vielleicht geschah unterwegs etwas Merkwürdiges.
Aus dem berechtigten Wunsch, der Natur nicht hilflos ausgeliefert zu sein, wurde gelegentlich die Vorstellung, wir stünden außerhalb der Natur.
Aber wir stehen nicht außerhalb.
Wir können einen Fluss begradigen.
Wir können seine physikalischen Gesetze nicht abschaffen.
Wir können Wälder roden.
Wir können nicht dauerhaft ohne funktionierende Ökosysteme leben.
Wir können Treibhausgase in ungeheuren Mengen freisetzen.
Wir können aber nicht anschließend bestimmen, welche Folgen ein komplexes Klimasystem daraus zieht.
Wir können in biologische Prozesse eingreifen.
Doch jede neue Möglichkeit stellt uns erneut vor die Frage, ob unser Können und unsere Verantwortung noch miteinander Schritt halten.
Vielleicht sind wir an einem Punkt angelangt, an dem Fortschritt nicht mehr allein bedeutet, noch mehr zu können.
Vielleicht bedeutet Fortschritt irgendwann auch, nicht alles tun zu müssen, was wir können.
Und damit bekommt die alte Geschichte vom Regenmacher plötzlich eine erstaunliche Aktualität.
Denn was tun wir, wenn die Welt aus dem Gleichgewicht gerät?
Wir entwickeln neue Technologien.
Wir beschließen neue Programme.
Wir bauen neue Anlagen.
Wir schaffen neue Gesetze.
Wir schließen neue Verträge.
Wir gründen neue Institutionen.
Wir investieren Milliarden.
Vieles davon ist notwendig.
Eine moderne Gesellschaft kann ihre Probleme nicht dadurch lösen, dass sie sich drei Tage in eine Hütte zurückzieht.
Aber vielleicht fehlt manchmal der zweite Schritt.
Die Frage, die der Regenmacher stellte:
Was ist eigentlich mit uns selbst?
Was, wenn manche unserer Krisen nicht nur deshalb bestehen, weil unsere Lösungen noch nicht gut genug sind?
Was, wenn einige unserer Vorstellungen selbst Teil des Problems geworden sind?
Was, wenn grenzenloses Wachstum nicht durch effizienteres grenzenloses Wachstum geheilt werden kann?
Was, wenn die Antwort auf Unsicherheit nicht immer mehr Kontrolle ist?
Was, wenn die Antwort auf technische Probleme nicht zwangsläufig noch mehr Technik sein kann?
Was, wenn manche Konflikte nicht deshalb eskalieren, weil eine Seite noch nicht genügend Macht besitzt, sondern weil alle Beteiligten überzeugt sind, ihren Willen durchsetzen zu müssen?
Dann wäre die entscheidende Frage nicht mehr nur:
Wie verändern wir die Welt?
Sondern:
Welche Haltung gegenüber der Welt hat uns überhaupt an diesen Punkt geführt?
Vielleicht ist das zu groß gedacht.
Vielleicht ist die Vorstellung von einer „Ordnung“ des Lebens auch nur ein Bild.
Aber Bilder können etwas sichtbar machen, für das uns ansonsten die Worte fehlen.
Vielleicht beschreibt die Geschichte vom Regenmacher deshalb weniger eine geheimnisvolle kosmische Gesetzmäßigkeit als eine Haltung.
Der Mensch steht nicht über der Welt.
Er steht in ihr.
Er kann handeln, aber nicht alles bestimmen.
Er kann gestalten, aber nicht über sämtliche Folgen verfügen.
Er kann vieles wissen und trotzdem irren.
Er kann ungeheure Macht besitzen und dennoch Teil eines größeren Zusammenhangs bleiben.
Vielleicht beginnt Weisheit dort, wo wir diese Grenze nicht als Kränkung empfinden.
Und vielleicht erklärt das auch jene eigentümlichen Phasen im persönlichen Leben, in denen plötzlich vieles zu fließen scheint.
Nicht unbedingt, weil irgendeine geheimnisvolle Macht unsere Wünsche erfüllt.
Vielleicht geschieht etwas viel Einfacheres.
Wenn wir innerlich klarer sind, wollen wir weniger Widersprüchliches.
Wir erkennen eher, was möglich ist.
Wir nehmen Chancen wahr, die wir vorher übersehen hätten.
Wir kämpfen weniger gegen Dinge, die sich nicht ändern lassen.
Und wir setzen unsere Kraft dort ein, wo sie tatsächlich etwas bewirken kann.
Vielleicht fühlt sich das wie Synchronizität an.
Innen und außen scheinen plötzlich zusammenzupassen.
Ein Mensch begegnet uns, als wir gerade bereit für diese Begegnung sind.
Eine Aufgabe findet uns, für die wir inzwischen die Erfahrung besitzen.
Eine Veränderung wird möglich, weil wir endlich bereit sind, etwas anderes loszulassen.
Nicht alles daran muss geheimnisvoll sein.
Aber vielleicht muss auch nicht alles erklärt werden.
Es genügt manchmal festzustellen:
Jetzt stimmt etwas.
Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Weisheit des Regenmachers.
Nicht darin, dass er Regen machen konnte.
Sondern darin, dass er wusste, dass er nicht der Herr des Regens war.
Er unterschied zwischen dem, was er beeinflussen konnte, und dem, was außerhalb seiner Macht lag.
Seine Aufgabe bestand darin, sich selbst wieder in Ordnung zu bringen.
Den Rest überließ er der Welt.
Wie anders klingt das gegenüber unserem Reflex, bei jedem Problem sofort zu fragen, welche Maßnahme noch ergriffen werden könnte.
Vielleicht wäre gelegentlich eine andere Frage wichtiger:
Sind wir selbst noch in Ordnung?
Nicht moralisch.
Nicht im Sinne von Schuld.
Sondern in unserem Verhältnis zu dem, was wir tun.
Passt das Leben, das wir führen, noch zu dem Menschen, der wir geworden sind?
Sind unsere Ziele noch unsere Ziele?
Oder verfolgen wir sie nur weiter, weil wir sie einmal hatten?
Tun wir etwas aus Überzeugung – oder aus Gewohnheit?
Halten wir fest, weil etwas wertvoll ist – oder weil wir Angst vor dem Ende haben?
Und im größeren Maßstab:
Passt die Welt, die wir schaffen, eigentlich noch zu dem Leben, das wir auf ihr führen wollen?
Was genügt uns?
Welche Grenzen akzeptieren wir?
Welche Verantwortung tragen wir für Menschen, die nach uns leben?
Und gibt es etwas, das wichtiger ist als die sofortige Durchsetzung unserer eigenen Wünsche und Interessen?
Vielleicht ist es das, was mit dem „Fluss des Lebens“ gemeint sein könnte.
Nicht ein Zustand dauerhafter Harmonie.
Das wäre eine romantische Vorstellung.
Auch ein stimmiges Leben kennt Krankheit, Verlust, Konflikt und Scheitern.
Auch eine Gesellschaft, die nach Maß und Verantwortung sucht, wird Katastrophen, Ungerechtigkeit und Widersprüche nicht abschaffen.
„Im Fluss“ zu sein bedeutet nicht, dass nichts Schweres geschieht.
Vielleicht bedeutet es nur, nicht zusätzlich gegen jede Wirklichkeit anzukämpfen.
Zu wissen, wann man handeln muss.
Und wann warten.
Wann sprechen.
Und wann schweigen.
Wann etwas wachsen lassen.
Und wann aufhören, etwas künstlich am Leben zu erhalten.
Es bedeutet vielleicht, den Unterschied zwischen Beharrlichkeit und Verkrampfung zu erkennen.
Zwischen Hoffnung und Verdrängung.
Zwischen Gestalten und Erzwingen.
Zwischen Macht und Maß.
„Täten wir, was wir sollten, täte Gott auch, was wir wollten.“
Vielleicht liegt die Schönheit dieses alten Satzes gerade darin, dass er sich am Ende selbst aufhebt.
Denn wenn wir wirklich wären, was wir sein sollten – wenn wir also in einer tiefen Übereinstimmung mit uns selbst und dem Leben wären –, dann würden wir möglicherweise gar nicht mehr verlangen, dass die Welt unserem Willen folgt.
Unser Wollen hätte sich verändert.
Wir würden nicht mehr alles haben wollen.
Nicht mehr alles festhalten.
Nicht mehr alles kontrollieren.
Vielleicht würden wir manches geschehen lassen.
Manches annehmen.
Und manches zur rechten Zeit tun.
Das wäre keine Passivität.
Es wäre Aufmerksamkeit.
Denn vielleicht besteht die schwierigste Kunst des Lebens nicht darin, möglichst viel aus seiner Zeit herauszuholen.
Sondern ihren Rhythmus wahrzunehmen.
Zu erkennen, wann etwas beginnt.
Zu spüren, wann etwas reif ist.
Und den Mut zu haben, auch wahrzunehmen, wenn etwas endet.
Was für den einzelnen Menschen gilt, könnte vielleicht auch für uns als Gesellschaft gelten:
Man kann so lange versuchen, die Welt den eigenen Vorstellungen anzupassen, bis man eines Tages bemerkt, dass nicht mehr nur die Welt aus dem Gleichgewicht geraten ist – sondern das Verhältnis, das man zu ihr hat.
Wir können den Regen nicht machen.
Aber vielleicht können wir immer wieder überprüfen, ob wir selbst noch in Ordnung sind.
Und manchmal geschieht dann etwas Merkwürdiges:
Die Dinge beginnen wieder zu fließen.
Nicht weil die Welt endlich tut, was wir wollen.
Sondern weil wir aufgehört haben, von ihr zu verlangen, dass sie es tun muss.
Vielleicht bedeutet „Alles hat seine Zeit“ am Ende genau das:
Nicht über die Zeit zu herrschen.
Nicht über das Leben.
Nicht über die Welt.
Sondern aufmerksam genug zu bleiben, um zu erkennen, in welcher Zeit wir gerade leben – und was diese Zeit von uns verlangt.


