Besondere Ernte: Bayerische Staatsforsten sammeln Samen der seltenen Flatterulme – Grund gehört dem Wasserwirtschaftsamt Traunstein
Bernhard Felber wartet auf den richtigen Moment. Er sitzt auf einem Traktor in der Salzachau bei Surheim. Ganz ruhig. Hin und wieder schaut er nach oben, manchmal über die Schulter nach hinten. Minuten vergehen. Plötzlich geht es schnell: Felber schaltet den Baumrüttler ein, die Zange umfasst den Stamm einer Flatterulme. Ein sanfter Ruck geht durch den Baum. Zeit für den Goldregen.
Mit dem Gespür für den richtigen Wind
Felber arbeitet als Maschinenführer im Pflanzgarten Lebenau der Bayerischen Staatsforsten in Laufen. Sein Chef, Stützpunktleiter Andreas Ludwig, sagt, Felber sei ein „Spezialist“. Er habe das Gespür für den richtigen Moment: Wenn der Wind den Stamm umspielt und oben an der Krone die Samen der Flatterurne in Bewegung bringt. Nur ein bisschen, nicht zu viel, denn sonst segeln die federleichten Samen zu weit davon. Verpassen die am Boden ausgebreitete, weiße Plane, auf der sie eigentlich landen sollen. Und tatsächlich: Dank des feinen Impulses, den der Baumrüttler mit hoher Frequenz aussendet, lässt der Baum seine Samen ziehen. Ohne jedes Geräusch gleiten sie wie Goldregen hinab, auf der Plane bilden sich Häufchen. Die Samen verfügen über Flügel, die nicht nur für die Samenverbreitung durch den Wind wichtig sind, sondern auch als Schwimmreifen dienen. So können sie schwimmen, wenn der Wind sie in die Salzach getragen hat. Im Wasser gleiten sie dahin, landen irgendwann an einem Ufer an. Dort, mit viel Glück, keimen sie aus. Setzen sie sich gegen Unkraut durch, können sie innerhalb eines Jahres 50 bis 80 Zentimeter groß werden. Ausgewachsen erreichen Flatterulmen eine Höhe von bis zu 35 Metern.
100.000 Samen ergeben ein Kilogramm
Die gesammelten Samen kippen Stützpunktleiter Andreas Ludwig und seine Helfer vorsichtig in große, graue Kisten. Ein Kilogramm Erntegut entspricht bis zu 100.000 Samen, aus ihnen wachsen 15.000 bis 20.000 Pflänzchen. Ein Teil der Samen wird im Pflanzgarten ausgesät, ein anderer an Baumschulen verkauft.
Das Traunsteiner Wasserwirtschaftsamt erhält – in Vertretung für den Freistaat Bayern – aus einer früheren Ernte im kommenden Herbst Bäumchen aus dem Pflanzgarten. „Sie sind schon aus dem Gröbsten raus, wir können sie sehr gut verwenden für Nachpflanzungen und um mit ihnen Ausgleichsflächen zu bepflanzen“, sagt Hubert Mösenlechner, Leiter der Flussmeisterstelle Salzach, die zur Behörde gehört. Dabei eignen sich Flatterulmen dank ihrer Brettwurzeln insbesondere auch für Standorte, die von Wasser geflutet werden.
Bernhard Felber hat inzwischen den Traktor ein Stück vorausgefahren. Die Helfer tragen die Plane hinterher. Rund 20 Flatterulmen wird das Team der Bayerischen Staatsforsten heute beernten. Von Baum zu Baum warten, bis Felber den Baumrüttler anstellt, der Goldregen beginnt. Ein besonderes Ereignis: Denn die Flatterulmen hier gelten als der einzig bekannte Bestand entlang der Salzach zwischen Freilassing und Tittmoning auf bayerischer Seite.
Bericht und Bilder: Wasserwirtschaftsamt Traunstein
Baumbeschau: Andreas Schauer, Stützpunktleiter im Pflanzgarten der Bayerischen Staatsforsten, und seine Kollegin Susanne Schauer kümmern sich nicht nur um die Samenernte. Sie nehmen von jeder Flatterulme einen Zweig mit. Diese werden eingefroren und dienen als genetischer Beweis. Jeder Waldbesitzer beispielsweise, der Pflanzen kaufen möchte, erhält so den Beleg, dass die Pflanze tatsächlich von einer Flatterulme im Bereich der Salzach stammt.
Gesammelte Samen: In einer Kiste werden die geernteten Samen aufbewahrt. Tobias Berger, Ausbildungsleiter für die Azubis der Forstbetriebe Berchtesgaden und Ruhpolding der Bayerischen Staatsforsten, Hubert Mösenlechner, Leiter der Flussmeisterstelle Salzach, und Max Wachinger, Lehrling bei den Bayerischen Staatsforsten, (v.l.) sind zufrieden mit der Ernte.
Samen: Die Samen der Flatterulme (unten) sind klein, federleicht und verfügen über winzige Flügel. Flatterulmen sind selten. Häufiger sind die Vorkommen der Bergulme, deren Samen deutlich größer sind (oben).
Traktor mit Plane: Bernhard Felber weiß genau, wann es Zeit ist für die Ernte der Flatterulmen-Samen. Im Traktor wartet er auf den richtigen Moment, um den Greifer am Fahrzeug in Bewegung zu setzen.







