Kultur

Jacob Grimms „Deutsche Mythologie“

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Jacob Grimm, einer der berühmten Brüder Grimm, legte mit seiner „Deutschen Mythologie“ im Jahr 1835 den Grundstein für die wissenschaftliche Erforschung der germanischen Religions- und Sagenwelt. Das Werk beeinflusste nicht nur Generationen von Forschern, sondern auch den Komponisten Richard Wagner bei der Entstehung seines Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“.

Über dieses bedeutende Buch und seine Wirkung sprach Dr. Frank Piontek aus Bayreuth beim Literarischen Abend der Evangelischen Öffentlichen Bücherei, der in Kooperation mit dem Richard-Wagner-Verband stattfand. Sein Vortrag stand unter dem Titel „Die Trümmer einer untergegangenen Welt“.

Wie Piontek erläuterte, stützte sich Grimm bei seiner Arbeit auf zahlreiche Quellen. Dazu gehörten unter anderem die Schriften des römischen Historikers Tacitus, Ovids „Metamorphosen“, sowie mittelalterliche Literatur. Tacitus hatte dem Glauben der Germanen bereits in der Antike ein eigenes Kapitel gewidmet. Im 18. Jahrhundert wuchs das Interesse an germanischen Sagen und Mythen stetig. Besonders die Wiederentdeckung der isländischen Heldensagen des 12. bis 14. Jahrhunderts trug dazu bei, neue Einblicke in die nordische und germanische Vorstellungswelt zu gewinnen. Vor Grimm hatten bereits andere Gelehrte versucht, die Religion der Germanen zu deuten. So verfasste Friedrich Creuzer ein Werk über die germanische Religion, das jedoch stark von romantischen und symbolistischen Vorstellungen geprägt war. Grimm lehnte diese Herangehensweise ab. Mit ihm begann eine neue, stärker quellenorientierte und wissenschaftliche Betrachtungsweise, die man heute als positivistisch bezeichnen würde.

Hinter den vielen Gottheiten verschiedener Kulturen stehe letztlich ein einziger göttlicher Ursprung. Monotheismus sei die vernünftigste Form der Gottesverehrung. Die Vorstellung von Göttertrilogien finde sich in zahlreichen Kulturen und sei über historische Kulturkontakte von Indien bis nach Europa gelangt. Auch die germanischen Götter seien nach seiner Auffassung keine eigenständigen Wesen, sondern unterschiedliche Erscheinungsformen eines einzigen Gottes.

In diesem Zusammenhang habe das Christentum zahlreiche heidnische Vorstellungen aufgenommen. Funktionen und Eigenschaften germanischer oder römischer Gottheiten seien später auf christliche Heilige übertragen worden. Wo einst Göttinnen verehrt wurden, entstanden Kapellen und Heiligenkulte. Piontek verwies darauf, dass sich solche Zusammenhänge auch in Richard Wagners Opern finden lassen. Weibliche Figuren könnten dort als Personifikationen von Maria oder Venus verstanden werden.

Auch die Theorie der Archetypen spielte im Vortrag eine Rolle. Der Psychologe Carl Gustav Jung sah in vielen Mythen und religiösen Figuren universelle Urbilder, die in unterschiedlichen Kulturen immer wieder auftreten. Die spannende Frage sei jedoch, so Piontek, ob diese Gemeinsamkeiten tatsächlich auf Archetypen zurückgehen oder vielmehr durch Kulturkontakte und den Austausch zwischen Völkern entstanden sind. Ein wiederkehrendes Motiv vieler Mythen sei der „auf Erden wandelnde Gott“, für den Grimm in seiner „Deutschen Mythologie“ zahlreiche vergleichende Beispiele zusammentrug. Dabei erinnerte Piontek daran, dass Grimm nicht der erste Mythologieforscher war. Bereits im 17. Jahrhundert hatte Gerardus Johannes Vossius mit seiner „De Theologia gentili“ eine Religionsgeschichte verfasst, in der er die antike Mythologie aus christlicher Sicht deutete und deren Aufbau Grimm später in wesentlichen Teilen übernahm.

Am Ende seines Vortrags zog Piontek eine differenzierte Bilanz. Jacob Grimm sei aus heutiger Sicht zwar kein wissenschaftliches Vorbild mehr, da viele seiner Thesen inzwischen überholt seien. Dennoch komme ihm als Begründer der germanischen Religionsgeschichte eine herausragende Bedeutung zu. Ohne sein Werk hätte sich die Religionswissenschaft nicht in der Form entwickeln können, wie wir sie heute kennen. Und so, schloss Piontek, leben Grimms Vorstellungen von Wotan und Fricka bis heute weiter – nicht zuletzt auf der Opernbühne in Wagners „Rheingold“ und im „Ring des Nibelungen“.

Bericht und Fotos: Brigitte Janoschka – Dr. Frank Piontek setzt sich mit der „Deutschen Mythologie“ von Jacob Grimm auseinander.

 


Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

Beiträge und Fotos sind urheberrechtlich geschützt!