Leitartikel

Übersee: 100 Jahre Chiemgauer Tracht

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Am kommenden Samstag ist in der Dorfmitte von Übersee ein großes Jubiläumsfest zum 100-jährigen Bestehen der Chiemgauer Tracht geplant.

Vor 100 Jahren war noch nicht absehbar, dass aus einem anfangs kleinen Kramerladen in Grabenstätt einmal ein weltweit exportierendes Unternehmen werden würde. Josef Ehrenleitner, Jahrgang 1926, der Vater des heutigen Seniorchefs, und seine Frau Maria betrieben die Hammerschmiede in Marwang, wo viele Leute einkauften. Da die Schmiedewaren für den Lebensunterhalt lange nicht ausgereicht hätten, verkauften sie sehr erfolgreich auch Lebensmittel, Kurzwaren oder Werkzeuge aller Art. 1923 wurde die älteste Tochter geboren, 1936 Sohn Rudolf und später weitere zwei Kinder.

1938 zog die Familie samt Laden in die Ortsmitte von Übersee gegenüber der Kirche, wo nach Neubau und mehreren Erweiterungen noch heute der Sitz des Unternehmens „Chiemseer Dirndl & Tracht“ ist. Die logistischen Voraussetzungen sind dank Autobahn und Bahnhof auch für den Versandhandel sehr gut. Großmutter Maria hängte irgendwann um 1960 selbst geschneiderte Dirndl oder Trachtenhosen für Kinder ins Schaufenster, die eigentlich für den eigenen Gebrauch gedacht waren. Die Nachfrage war sofort überraschend stark. Damals war es noch keineswegs üblich, fertige Trachtenmode zu kaufen. Die meisten Frauen besaßen ein Dirndl – nach Maß geschneidert, eine kostspielige Anschaffung fürs Leben, das sie zu Festtagen, Hochzeiten, Weihnachten etc. trugen und worin sie schließlich auch begraben wurden. Das ist bei Ausstellungen, zum Beispiel im Holzknechtmuseum in Ruhpolding oder im Bauernhausmuseum Amerang, anschaulich zu sehen.

Die Stücke der Ehrenleitners stießen auf so viel Interesse, dass bald nicht nur im Haus Dirndl, Blusen und Schürzen genäht wurden. In den 1950er Jahren arbeiteten so genannte Störnäherinnen, die traditionell in die Häuser kamen, für das Unternehmen. Später entwickelte sich daraus ein System der Heimarbeit, bei dem die Zuschnitte im Haus vorbereitet und bei den Näherinnen in der Region genäht wurden.

Beim Neubau des Hauses 1975/76 gab es außerhalb des Kolonialwarenhandels schon eine „Dirndlstube“ – ein ausgesprochenes Novum. Um 1985 herum gab Rudolf Ehrenleitner, der von seinem Vater die Führung des Geschäfts übernommen hatte, die Kolonialwaren ganz auf und konzentrierte sich ganz auf die Tracht, denn nun begann auch der Versandhandel zu blühen.

Rudolf Ehrenleitner fuhr auf viele Messen in München, Frankfurt und Düsseldorf, kaufte Stoffe, Borten und Spitzen ein und machte bei großen Veranstaltungen, wie dem Oktoberfest in München, in Schloss Nymphenburg, Schleißheim, Salzburg oder Reit im Winkl tatkräftig und mit viel Freude Werbung für sein aufstrebendes Unternehmen. Immer war seine Frau mit dabei und sie fotografierten gerne selbst die Models in ihren selbst entworfenen Dirndln und Stoffdesigns. Bis heute blüht der Versandhandel in viele Länder der Welt unter dem von Rudolf Ehrenleitner erfundenen Slogan „Auf nach Übersee, nicht nach Amerika, nach Übersee am schönen Chiemsee, zu Chiemseer Dirndl & Tracht“. Es folgten bundesweite Anzeigen in Zeitungen und der erste Versandkatalog. Exportiert wird auf Bestellung in viele Länder der Welt bis Kanada und Südamerika.

Wichtiger Bestandteil der Unternehmensphilosophie ist bis heute die Herkunft der Materialien. Die traditionellen Stoffe wie Walk, Loden und edler Jacquard stammen ausschließlich aus Europa. Stoffe, Bordüren etc. werden direkt aus Bayern oder Österreich bezogen. Marco Ehrenleitner, der Enkel von Rudolf, der das Unternehmen heute hauptsächlich leitet, ist stolz auf die Tradition der Familie. „Wir sind klassisch geblieben, aber mit modischen Einflüssen“. Es handle sich nicht um Vereinstracht, die bis heute von den Trachtenvereinen in Auftrag gegeben und maßgerecht geschneidert wird, sondern – je nach Trend um modische Dirndl und Blusen, die lang oder kurz, mal mit mehr oder weniger Verzierungen versehen sind.

Das Unternehmen beschäftigt durchgehend 28 fest angestellte Personen für Zuschnitt, Näherei, Verwaltung, Versand und Verkauf. Viele sind seit Jahrzehnten im Betrieb und keineswegs nur Frauen aus Bayern. „Wir haben auch Leute aus Russland, der Ukraine und von Ungarn in der Fertigung“ erzählt der Seniorchef. Natürlich liege das Saisongeschäft im Sommer mit Schwerpunkt in den Wochen vor und während des Oktoberfests in München, aber auch in den Wintermonaten gibt es genug für die kommende Saison vorzubereiten. Seine größte Freude wäre es, wenn das Geschäft auch in fernerer Zukunft so gut weiterlaufen würde wie bisher. Aber da sieht es gut aus – die beiden Söhne von Marco, der achtjährige Fabian freut sich schon über sein Foto in Tracht im neuen Katalog und der zweijährige Sebastian wird sich all den Trachten um ihn herum kaum verweigern wollen.

Text und Bildmaterial: Christiane Giesen


Redaktion

Toni Hötzelsperger

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