Buh-Konzert für das Regie-Team oder – Warum verbannte man Ariadne auf den Mars? – Regisseur Ersan Mondtag verhunzt „Ariadne auf Naxos“ bei den Salzburger Festspielen – von Daniella Rieger-Böhm
„Ariadne auf Naxos“ war die erste Oper von Festspielmitbegründer Richard Strauss und wurde vor exakt 100 Jahren bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Am 21. August 1926 dirigierte der Komponist selbst eine Vorstellung.
Innovativ wollte der 39-jährige Regisseur Ersan Mondtag (alias Ersan Aygün) sein und verlegt in seiner Neuinszenierung Richard Strauss‘ Oper „Ariadne auf Naxos“ (ursprünglich im Haus eines reichen Mannes in Paris, in der zweiten Fassung in einem Palais eines Wiener Neureichen) – in eine Raumstation auf dem Mars. Dorthin hätten ihn viele Premieren-Besucher im Haus für Mozart wohl gerne geschickt und ließen ihrem angestauten Frust in einem lautstarken Buh-Konzert beim Schluss-Vorhang freien Lauf.
Dabei gaben die Sänger und Sängerinnen sowie die Wiener Philharmoniker mit Dirigent Manfred Honeck ihr Bestes. Jedoch müssen sie sich den Regie-Anweisungen in diesem statischen Bühnenbild fügen. Das simple Konzept Ersan Mondtags hat nur eine einzige neue Idee: Er lässt Ariadne nicht auf der griechischen Insel Naxos ihrer Schwermut frönen, sondern beamt sie auf den Mars. Dabei bleibt es, und ansonsten findet sich zwei Stunden lang kein origineller Einfall mehr.
Ursprünglich sollte die lettische Star-Mezzosopranistin Elīna Garanča die Titelpartie singen, sagte jedoch vor einigen Monaten ab, mit der Begründung, dieses Frauenbild entspreche ihr nicht. Nach dem Premierenerlebnis kann man es ihr nicht verdenken, zumal der Regisseur auch bezüglich seines Arbeitsstils nicht als unumstritten gilt. Einspringerin Christina Nilsson als Ariadne überzeugt stimmlich und darstellerisch mit ihrem kraftvoll-fließenden Sopran. Im 2. Akt, mit Eric Cutler, dessen Outfit eher wie ein Lohengrin-Verschnitt denn wie ein rettender Bacchus wirkt, nimmt die Stehpartie szenisch kein Ende. Mondtag gingen wohl nach dem „Vorspiel“, die Ideen aus, woran die pantomimisch-groteske Sex-Orgie während der Zerbinetta-Arie (wunderbar mit perlenden Koloraturen: die chinesische Sopranistin Ziyi Dai) auch nichts ändern kann.
Die Story von Hugo von Hofmannsthal: Ein reicher Mann (in dieser Inszenierung denkt der Regisseur offenbar an Elon Musk) gibt ein Auftragswerk und möchte die Tragödie um Ariadne mit einer Komödie verwebt haben. Das bringt den Komponisten (dargestellt von Kate Lindsey mit stählernem Mezzosopran) in Bedrängnis. Die von Theseus verlassene Ariadne sollen Zerbinetta und ihre Kollegen von der Comedia dell‘arte (die der Regisseur entweder kopulieren oder am Computer spielen lässt) aufheitern. Das gelingt nur bedingt, denn Ariadne sehnt sich zutiefst nach dem Tod und sieht im plötzlich in einer Raumkapsel auftauchenden Bacchus zunächst einen Todesengel, mit dem sie davonfliegt, um in einem Feuerball ausgerechnet nach Salzburg gebeamt zu werden. Mehr Kitsch geht nicht. Man hofft dann nur, dass die riesigen Tierkadaver (Löwe, Elefant, Affe), die auf dem „Mars“ liegenbleiben, auch zum Leben erweckt werden.
Die Oper „Ariadne auf Naxos“ fiel 1912 in Stuttgart zwar durch, feierte jedoch mitten im 1. Weltkrieg in Wien ihren Erfolg. Die musikalischen Verwebungen bringen atmosphärische Klänge, die das Vordergründig-Visuelle auf der Bühne mehr konterkariert als kommentiert. Man fragt sich, welchen Zugang der Regisseur zur Text-Musik-Kombination hat, denn diese Inszenierung ergibt wenig Sinn.
Leider ist Mondtag nicht nur für Regie und Bühnenbild verantwortlich, sondern steckt seine Protagonisten im 2. Akt in einfallslose Kostüme und geschmacklose Perücken. Im 1. Akt zwängt er die Künstler in schwarze Bademäntel und Netzhauben, sodass man selbst mit dem Opernglas Schwierigkeiten hat, die Rollen auseinander zu halten.
Da helfen nur die Zauberklänge aus dem Orchestergraben und von der Bühnenrampe. Man hätte die Schönheit der Musik, mit hervorragenden Sängerinnen und Sängern, am liebsten mit geschlossenen Augen genossen oder, wie einige Tage vorher bei der exzellenten Darbietung von Massenets „Werther“, als konzertante Aufführung.
Text: Daniella Rieger-Böhm / Fotos: Salzburger Festspiele
1) Ein Buh-Konzert für den Regisseur Ersan Mondtag (3.v.r.)
2) Sopranistin Ziyi Dai: bejubelte Koloraturarie der Zerbinetta
3) Ariadne und Bacchus: Ihre Traumschiff-Reise endet in Salzburg




