Zwischen Absturz und Anstoßen
Der 17. Weltrekord bleibt aus. Doch nach einem Sturz steigt der Slackliner zurück auf das Band, schenkt in rund 30 Metern Höhe alkoholfreies Bier ein und bringt die Gläser bis zum Balkon von St. Oswald. Mehr als tausend Zuschauer erleben beim Straßenkunstfestival „Buntes Pflaster“ einen Nachmittag zwischen Anspannung, Jubel und Leichtigkeit.

Traunstein – Für einen Moment ist der Weltrekord nur noch eine Nebensache. Etwa auf halber Strecke kommt Friedi Kühne von der Highline ab. Das Band schnellt nach oben, der 36-Jährige fällt zur Seite und wird von seinem Sicherungssystem aufgefangen. Weit unter ihm ist der Traunsteiner Stadtplatz voller Menschen. Applaus brandet auf – und wird noch lauter, als Kühne sich aus eigener Kraft zurück auf das nur zweieinhalb Zentimeter breite Gurtband zieht.

Der Sturz bedeutet das Aus für den geplanten 17. Weltrekord, nicht aber das Ende dieses Weges. Kühne richtet sich wieder auf, findet seine Balance und setzt Schritt für Schritt seinen Weg vom Jacklturm zum Balkon der Stadtpfarrkirche St. Oswald fort. Was als Rekordversuch begonnen hat, wird nun zu einer eindrucksvollen Geschichte über Konzentration, Improvisation und den Willen, nach einem Fehler weiterzumachen.

Etwa auf halber Strecke kommt Friedi Kühne vom Band ab. Das Sicherungssystem fängt ihn auf. Kurz darauf zieht er sich aus eigener Kraft zurück auf die Highline.
Der Rekord ist verloren
Die Aufgabe klingt zunächst fast heiter: Kühne will den wohl höchsten Bier-Lieferservice der Welt vollbringen. In rund 30 Metern Höhe trägt er alkoholfreie Biere der drei Traunsteiner Brauereien über den Stadtplatz, öffnet die Flaschen auf der Highline und schenkt das Bier in Gläser ein. Die ungewöhnliche Fracht ist in einer Tasche vor seiner Brust befestigt, sämtliche Flaschen hängen zusätzlich an dünnen Sicherungsschnüren.

Mit gefülltem Glas in der Hand gerät Friedi Kühne erneut ins Wanken. Eine Bierflasche entgleitet ihm, bleibt jedoch an ihrer Sicherungsschnur hängen.
Gerade diese Last macht ihm stärker zu schaffen als erwartet. Nach der Überquerung erklärt Kühne, das Bierpaket sei an seiner Brust in zusätzliche Schwingungen geraten und habe ihn irritiert. Dazu seien Nervosität angesichts der vielen Menschen unter ihm und eine gewisse Erschöpfung gekommen. Die Highline reagiert auf jede Bewegung. Was vom Boden aus wie ein schmaler Strich am Himmel wirkt, schwingt und arbeitet unter seinen Füßen.

Flasche, Glas, Schaumkrone – und unter Friedi Kühnes Füßen nur das schmale Gurtband. Auf der Highline schenkt er alkoholfreies Bier ein.
Nach dem Sturz nimmt sich Kühne Zeit. Deutlich vor dem Kirchenbalkon bleibt er auf dem Band stehen, holt eine Flasche hervor und füllt das erste Glas. Schaum steigt auf, während er Flasche und Glas mit beiden Händen hält und sein Gleichgewicht allein über Beine und Körperhaltung kontrolliert. Den ersten Schluck nimmt er selbst. Später betont er, dass ausschließlich alkoholfreies Bier im Gepäck gewesen sei.
Beim nächsten Glas folgt eine weitere Schrecksekunde. Kühne gerät ins Wanken, eine Flasche entgleitet ihm und baumelt unter der Highline. Die Sicherung erfüllt ihren Zweck: Er zieht die Flasche an der Schnur wieder nach oben, stabilisiert sich und schenkt weiter ein. Schließlich stehen die gefüllten Gläser in seiner Brusttasche.

Nichts fällt auf den Stadtplatz: Während er auf dem Band steht, zieht Friedi Kühne die entglittene Bierflasche an ihrer Sicherungsschnur wieder zu sich herauf.
Jetzt fehlen nur noch die letzten Meter bis zum Ziel.

Die Gläser sind gefüllt, der Balkon ist nah: Auf den letzten Metern der Highline zeigt sich bei Friedi Kühne erstmals ein Lächeln.
Je näher Kühne der Kirche kommt, desto deutlicher weicht die Anspannung aus seinem Gesicht. Auf dem Balkon warten Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer, Stadtrat Konrad Baur und Pfarrer Konrad Roider. Kühne überreicht die Gläser, dann wird über den Dächern der Stadt gemeinsam angestoßen. Der Rekord ist gescheitert – die Bierlieferung aber geglückt.

Kein Weltrekord, aber die Bierlieferung ist geglückt: Auf dem Balkon von St. Oswald stößt Friedi Kühne mit Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer im weißen Hemd und Stadtrat Konrad Baur im grauen Polohemd an.
Luise Kühne auf der Highline
Dass die Leidenschaft für das schmale Band in der Familie liegt, hatte sich bereits rund zwei Stunden zuvor gezeigt. Friedis Schwester Luise Kühne balanciert im Dirndl in umgekehrter Richtung vom Balkon von St. Oswald zum Jacklturm. Die 33-Jährige ist selbst eine ausgewiesene Slackline-Expertin und deutsche Rekordhalterin.

Barfuß setzt sie einen Fuß vor den anderen, das farbenfrohe Dirndl hebt sich gegen den Himmel ab. Besonders eindrucksvoll ist der Moment, in dem sie beinahe auf Augenhöhe an den geschnitzten Figuren des Traunsteiner Maibaums vorbeizugehen scheint. Ihr Auftritt wirkt ruhig und leicht, verlangt jedoch bei jedem Schritt dieselbe Präzision und Körperspannung wie der spätere Rekordversuch ihres Bruders.


Beinahe auf Augenhöhe mit den geschnitzten Figuren des Traunsteiner Maibaums: Luise Kühne balanciert im Dirndl und barfuß über die in rund 30 Metern Höhe gespannte Highline. Die 33-jährige Slackline-Expertin und deutsche Rekordhalterin ist vom Balkon der Stadtpfarrkirche St. Oswald in Richtung Jacklturm unterwegs. Rund zwei Stunden vor dem Weltrekordversuch ihres Bruders Friedi verbindet sie über dem Stadtplatz sportliche Präzision mit bayerischer Tradition – während das schmale orangefarbene Band wie eine Linie durch den Wolkenhimmel führt.
Vom Stubenhocker zum Weltrekordler
Friedi Kühnes Weg in die Höhe war keineswegs vorgezeichnet. In seinem 2023 erschienenen Buch „Über dem Abgrund: Slacklinen am Limit“ beschreibt er sich als schüchternen Jungen, der Comics, Fernsehen und Lego zunächst jeder körperlichen Anstrengung vorzog. Seine Eltern nahmen ihn dennoch mit auf Berg- und Skitouren. Ein Trampolin zum zehnten Geburtstag weckte die Freude an der Bewegung durch die Luft; später folgten Parkour, Freerunning und das Klettern am Fels.
Mit 18 Jahren stand Kühne während eines Kletterurlaubs am Gardasee erstmals auf einer nur fünf Meter langen Slackline. Seine Beine zitterten, das Band warf ihn immer wieder ab. Aus Frust wurde Ehrgeiz, aus Ehrgeiz Begeisterung. Nach Hunderten Versuchen gelang die erste vollständige Überquerung. Das Gefühl von Kontrolle und Freiheit ließ ihn fortan nicht mehr los. In der Szene gibt es dafür einen Satz, den Kühne gerne zitiert: „One inch away from flying“ – nur zweieinhalb Zentimeter trennen einen vom Fliegen.

Aus den ersten Metern wurden große Rekorde. Zu Kühnes herausragenden Leistungen zählen eine Highline in rund 2500 Metern Höhe zwischen zwei fahrenden Heißluftballons, eine urbane Highline in 350 Metern Höhe zwischen Moskauer Wolkenkratzern und eine 110 Meter lange Free-Solo-Begehung über der Verdonschlucht in Frankreich. Auch ein „bieriger“ Rekord gehört bereits zu seiner Laufbahn: In Mühldorf am Inn trug er eine Maß über die Highline, ohne etwas zu verschütten.

Neben dem Extremsport gibt es für den in Kolbermoor lebenden Kühne inzwischen einen zweiten Alltag. Er hat ein Lehramtsstudium in Englisch und Mathematik abgeschlossen und arbeitet an einem Gymnasium. Wenige Tage nach dem Auftritt in Traunstein beginnt für ihn das neue Schuljahr. Im Unterricht hält er seine Rekorde bewusst im Hintergrund – dort, sagt er, sollen die Schülerinnen und Schüler und das Lernen im Mittelpunkt stehen.

Die Innenstadt als Treffpunkt
Der Weltrekordversuch ist der Höhepunkt der Premiere von „Buntes Pflaster“. Das von Stadt und Stadtmarketing veranstaltete Festival verwandelt Max- und Stadtplatz in eine große Freiluftbühne. Riesige Seifenblasen schweben durch die Straßen, Stelzenfiguren ziehen durch die Menge, Künstler arbeiten mit Feuer und Motorsäge, Kinder probieren sich selbst an einer Slackline aus.

Oberbürgermeister Hümmer hat das neue Format mit dem Ziel angestoßen, die Innenstadt als Ort der Begegnung zu stärken. Denn während sich das Einkaufsverhalten immer stärker ins Internet verlagert, brauchen Stadtzentren neue Gründe, aus denen Menschen zusammenkommen. An diesem Samstag zeigt Traunstein, was eine Innenstadt jenseits des Einkaufens sein kann: ein öffentlicher Raum für gemeinsames Staunen, Freude und unmittelbare Erlebnisse.

Als Friedi Kühne nach der Ankunft noch einmal auf den Stadtplatz und die zurückgelegte Strecke blickt, wartet keine neue Weltrekordurkunde auf ihn. Dennoch jubeln ihm die Menschen zu. Vielleicht bleibt von diesem Nachmittag deshalb weniger der gescheiterte Rekord als jener Moment in Erinnerung, in dem Kühne nach seinem Sturz wieder auf das Band steigt und weitergeht.
Beitrag und Fotos: Rainer Nitzsche


