Natur & Umwelt

BGL zum Frauenschuh-Schutz

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Der Frauenschuh ist die wohl eindrucksvollste heimische Orchideenart – und verschwindet vielerorts. Doch nicht nur Lebensraumverluste, sondern auch das Ausgraben durch vermeintliche Pflanzenliebhaber gefährden die Bestände im Berchtesgadener Land.

Der Gelbe Frauenschuh (Cypripedium calceolus) zählt zu den absoluten Naturhighlights Deutschlands und kann ohne weiteres in einem Atemzug mit dem Steinadler, der Kegelrobbe oder dem Luchs genannt werden. Dabei ist die Orchidee vor allem wegen ihrer hochspezialisierten und ökologisch extrem anspruchsvollen Lebensweise interessant, die sich über Jahrmillionen in enger Anpassung an ihre Umwelt entwickelt hat. So wird der Frauenschuh als Indikator für einen kleinräumig intakten Naturhaushalt angesehen: Es müssen viele Faktoren zusammenkommen, damit man heute noch ein blühendes Exemplar zu Gesicht bekommt.

Ein einzigartiger Meister der Anpassung – und der Täuschung

Besonders eindrucksvoll zeigt sich seine Spezialisierung in der außergewöhnlichen Blütenbiologie des Frauenschuhs. Mit einer Blütengröße von bis zu vier Zentimetern besitzt der Frauenschuh die größte Blüte aller heimischen Orchideenarten. Seine auffällige, schuhförmige gelbe Blütenlippe dient jedoch nicht nur der Zierde. Sie ist Teil eines raffinierten Täuschungsmechanismus:

Der Frauenschuh gehört zu den sogenannten „Täuschblumen“. Mit den auffälligen Farben seiner Blüte und einem aprikosenartigen Duft lockt er Insekten als potentielle Bestäuber an –insbesondere Sandbienen. Landen die ahnungslosen Insekten auf dem glatten Blütenrand, rutschen sie in das Innere der Blüte und geraten in eine Art Kesselfalle. Der einzige Ausweg führt sie an der Narbe und den Staubblättern vorbei: Dabei bestäuben sie die Pflanze und nehmen gleichzeitig neue Pollenpakete mit. Für die Insekten selbst bleibt der Besuch allerdings ohne Belohnung; der Frauenschuh bietet ihnen keinerlei Nahrung wie Nektar an. Diese Bestäubungsstrategie funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen. Die bestäubenden Sandbienen benötigen geeignete Nistplätze wie offene Sandflächen in unmittelbarer Nähe, denn der Flugradius der winzigen Hautflügler beträgt oft nur wenige Meter.

Auch unterirdisch ist der Frauenschuh auf Interaktion angewiesen: Seine Samen können nur mit Hilfe bestimmter Bodenpilze keimen. Auch später bleibt die Pflanze über Jahre hinweg auf diese Pilze zur Nährstoffversorgung angewiesen. Ohne diese ist ein Überleben – insbesondere außerhalb des natürlichen Standorts – nicht möglich.

Trotz strengem Schutz gefährdet

Der Frauenschuh kommt in weiten Teilen Europas und Asiens vor, in Deutschland liegt ein Schwerpunkt seiner Verbreitung im süddeutschen Raum. In Europa ist er streng geschützt. Heute ist der Frauenschuh deutschlandweit gefährdet – und viele Bestände sind in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden. Ein großes Problem für die Art ist der Verlust von geeigneten Lebensräumen: Die Orchidee ist eine typische Pflanze lichter, nährstoffarmer Wälder, darunter häufig gewässerbegleitende Auwälder. Diese sind über die vergangenen Jahrzehnte immer seltener geworden.

Neben dem Verlust an geeigneten Lebensräumen trägt auch schon seit Langem das illegale Ausgraben der Pflanzen für gärtnerische Zwecke zur Gefährdung der Art bei. Vor etwa 100 Jahren wurden ausgegrabene Exemplare aus dem Landkreis sogar am Münchner Viktualienmarkt feilgeboten. Betroffen waren auch viele andere Pflanzenarten, deren Bestände in kürzester Zeit immer weiter zurück gingen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wurde 1910 der Pflanzenschonbezirk Berchtesgaden, der Vorläufer des heutigen Nationalparks, ausgewiesen.

Nun haben jahrzehntelange Aufklärungsarbeit in der breiten Bevölkerung durchaus ein Bewusstsein für den Wert seltener Wildpflanzen geschaffen. Doch scheint es auch heute im Landkreis noch Anhänger dieser fragwürdigen Traditionen zu geben, um die letzten verbliebenen Bestände zu gefährden. Immer wieder werden Pflanzen in der Natur von mutmaßlichen Pflanzenliebhabern ausgegraben, offenbar um sie in privaten Gärten wieder anzupflanzen. Das Pflücken, Ausgraben oder Beschädigen der Pflanzen ist gesetzlich verboten und im Regelfall eine Straftat. Abgesehen von den gesetzlichen Vorgaben, ist der Verlust jeder einzelnen Pflanze ein kaum ersetzbarer Schaden am Allgemeingut.

 Die fatalen Folgen der illegalen Entnahme

Wer einen Frauenschuh ausgräbt, entfernt nicht nur eine einzelne Pflanze: Mit jeder entnommenen Pflanze geht ein Mini-Ökosystem verloren und damit auch ein Naturerbe, das über Jahrzehnte gewachsen ist: Frauenschuhe entwickeln sich extrem langsam. Es kann mitunter Jahrzehnte dauern, bis eine Pflanze nach der Keimung erstmals blüht. Ein Individuum kann zudem mehrere hundert Jahre alt werden. Das hohe potentielle Alter gilt jedoch nur für den natürlichen Lebensraum. Illegal ausgegrabene Pflanzen verkümmern im Garten in wenigen Jahren und gehen ein, da sich die notwendigen Standortbedingungen im Garten nicht nachbilden lassen. Dies führt zu einem problematischen Kreislauf: Weil die Pflanzen im Garten eingehen, entsteht neue Nachfrage und damit weiterer Druck auf die seltenen natürlichen Bestände. So wird eine streng geschützte Orchideen-Art aus der Natur entfernt, nur damit sie kurze Zeit später im Garten abstirbt. Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern bewusste Zerstörung unserer biologischen Vielfalt.

Die bessere Alternative

Besonders unverständlich ist die illegale Entnahme auch deshalb, weil es längst legale und gartengeeignete Angebote gibt: Spezialisierte Gärtnereien bieten gezüchtete Frauenschuh-Orchideen aus kontrollierter Vermehrung an. Diese Pflanzen sind an Gartenbedingungen angepasst und ihre Verwendung gefährdet keine Wildbestände. Wer den Frauenschuh wirklich schätzt, lässt ihn dort, wo er hingehört: in der Natur. Nur so kann diese außergewöhnliche Orchidee dauerhaft überleben und auch für kommende Generationen erhalten bleiben. Und manchmal ist ein Foto die schönste Erinnerung: als Handyhintergrund oder gerahmt zuhause statt als verkümmerte Pflanze im Garten.

Bericht: LRA BGL / Foto Henrik Klar –  Die Blüten des Frauenschuhs gehören zu den größten der heimischen Pflanzen – und locken potentielle Bestäuber in ihre Kesselfalle 


Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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