Die Frau in der Landwirtschaft ist nicht nur selbstständige Betriebsleiterin, sondern auch Unternehmerin, Zukunftsplanerin und Gestalterin des ländlichen Raums. Sie prägt nahezu alle Bereiche der Landwirtschaft, übernimmt längst selbst den Familienbetrieb, führt moderne Unternehmen, ist Innovatorin, gesellschaftliche Impulsgeberin, engagiert sich in Berufsverbänden und in der Agrarpolitik. Hinzu kommt oft eine Doppelbelastung mit Hof und außerlandwirtschaftlicher Arbeit. Hauswirtschaft und Kindererziehung fallen obendrein noch an. Die heutige Bäuerin ist universal, ein echtes Multitalent.
In Bayern sind rund 221.000 Personen in der Landwirtschaft beschäftigt. Davon arbeiten 63.000 in Vollzeit, knapp 82.000 sind Betriebsinhaber. Etwa ein Drittel der Arbeitskräfte stellen Frauen. Zudem wird jeder zehnte Betrieb in Bayern von einer Frau geführt. Das heißt: Allein in Bayern gibt es etwa 8.000 Betriebsleiterinnen. 2026 steht ganz im Zeichen der Frauen in der Landwirtschaft. Die Vereinten Nationen haben es weltweit zum „International Year of the Woman Farmer“ erklärt. Aus diesem Anlass hat das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Rosenheim (AELF) gezielt Betriebsleiterinnen im Raum Rosenheim zu ihrem Leben auf den heimischen Betrieben befragt. Woraus zusammengefasst folgende Aussagen getroffen werden können.
Frauen leiten häufiger Betriebe mit Tieren, bei denen der Schwerpunkt im Futterbau liegt. Der Arbeitstag richtet sich meist nicht nur nach der Uhr, sondern nach dem Bedarf der Tiere, dem Wetter, den Jahreszeiten und den betrieblichen Notwendigkeiten. Für Frauen, die einen landwirtschaftlichen Betrieb leiten und gleichzeitig Familie haben, entsteht daraus eine besondere Herausforderung, denn sie müssen nicht nur zwei Lebensbereiche miteinander verbinden, sondern häufig zwei Rollen gleichzeitig erfüllen. Eine weitere Besonderheit ist, dass Frauen Betriebe häufiger in Teilzeit leiten. Dies macht es aber nicht einfacher, weil die Betriebsleiterinnen öfter einer außerlandwirtschaftlichen Arbeit nachgehen, also neben dem eigenen Betrieb zudem einen anderen Beruf, ebenfalls in Teilzeit, ausüben. Die Sommer- und Erntezeit ist für Betriebe mit Almbetrieb eine besondere Herausforderung. Die Bäuerin pendelt in diesen Monaten zwischen Tal und Alm oder übernimmt als Sennerin für einige Zeit die Verantwortung für die Tiere auf dem Berg.
Die Leitung eines landwirtschaftlichen Betriebs ermöglicht aber auch ein hohes Maß an Selbstbestimmung. Die Betriebsleiterin kann eigene Entscheidungen treffen, Ideen verwirklichen und die Entwicklung des Hofes persönlich gestalten. Diese unternehmerische Freiheit ist heutzutage eine große Stärke und ein lebenslanges Geschenk. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass diese Selbstständigkeit mit ständiger Verfügbarkeit verwechselt wird. Betriebsleiterinnen fällt es schwer, Feierabend zu machen. Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit verschwimmen, und gedanklich ist ihr Kopf schnell dauerhaft vom Betrieb gefangen. Langfristig kann diese dauerhafte Verfügbarkeit zu Erschöpfung und Unzufriedenheit führen. Wichtig ist die Schaffung von Strukturen im Alltag, die eine regelmäßige Erholung für Körper und Geist ermöglichen.
Von einem klassischen Acht-Stunden-Arbeitstag können Frauen in der Landwirtschaft oft nur träumen. Nicht selten beginnt es bei tierhaltenden Betrieben um 6 Uhr und endet an einigen Wochentagen meist erst um 22 Uhr. Unabhängig vom Wochenende gilt dies für das ganze Jahr, schließlich brauchen die Tiere jeden Tag Futter. Gleichzeitig lassen sich familiäre Verpflichtungen nicht einfach verschieben. Daraus entsteht ein Spannungsfeld: Die Landwirtschaft verlangt Anwesenheit, Entscheidungen und ständige Hingabe, während Kinder feste Betreuungszeiten haben und der Familienalltag organisiert werden möchte. Die Herausforderung ist demnach nicht nur, genügend Zeit zur Verfügung zu haben, sondern vielmehr, unterschiedliche Zeitlogiken zu vereinbaren. Gerade in arbeitsintensiven Zeiten wird dies zur absoluten Belastungsprobe.
Zudem steigen für Landwirtinnen die Belastungen durch Tätigkeiten, die im landwirtschaftlichen Alltag kaum sichtbar sind. Dazu gehören neben Dokumentation und viel Organisation beispielsweise Buchhaltung, Förderanträge, Bestellungen, Terminplanungen sowie Behördenkontakte. Auch die mentale Arbeit bezüglich Planung auf mehreren Ebenen für Familie und verschiedene Betriebszweige, meistens auch mit Direktvermarktung, darf nicht unterschätzt werden. Der Kopf arbeitet ab Sekunde eins, sobald die Betriebsleiterin aufsteht, und darf erst wieder ruhen, wenn sie ins Bett geht. Bei diesem Blumenstrauß an Tätigkeiten ist es nicht einfach, immer den Überblick über mehrere Personen zu behalten.
Gleichzeitig wirken traditionelle Rollenbilder weiter. Das heißt, die Frau muss oft familiäre Verpflichtungen mitübernehmen und zum Teil den großen Haushalt organisieren, sie steht meistens in der Hauptverantwortung. Die Folge kann eine permanente Selbstüberforderung sein, denn sie möchte den Betrieb erfolgreich führen und zugleich eine gute Mutter und Partnerin sein. Dies erschwert das Spannungsfeld erheblich.
Als großen Vorteil sehen die interviewten Bäuerinnen, dass der Arbeitsplatz zuhause ist und die Kinder in den für sie sehr spannenden und abwechslungsreichen Arbeitsalltag integriert werden können. So entstehen viele gemeinsame Erinnerungen, zum Beispiel auf der Alm oder im Umgang mit den Tieren. Nicht nur beim gemeinsamen Essen, sondern den ganzen Tag über wächst eine starke Verbindung heran. Dies zu erleben ist für viele Erholung für Körper und Geist sowie eine Kur für die Seele, berichtete eine der Befragten.
Bericht und Bild: Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Rosenheim (AELF)


