Die Grande Dame des Klavierspiels erobert alle Herzen – Martha Argerich und Renaud Capuçon bei den Salzburger Festspielen – von Daniella Rieger-Böhm
In Salzburg wütete ein Gewittersturm, aber im Haus für Mozart herrschte eine selten gehörte Stille. Wenn lebende Legenden spielen, bleibt die Zeit stehen und niemand möchte, dass es aufhört. Bereits beim Auftritt der Grande Dame des Klavierspiels spürte man: Da erscheint, steht, sitzt eine Ikone der Musikgeschichte: die 85-jährige Meisterin Martha Argerich wurde vom Ausnahme-Violinisten Renaud Capuçon begleitet – oder umgekehrt? An diesem Abend wechselten die Prioritäten des gemeinsamen Musizierens ständig, und das machte es so spannend. Es gab keinen Solisten und eine Begleiterin – es war ein gemeinsames Gespräch unter Freuden, dem man als Komplize beiwohnen durfte.
Die obligatorische Verbeugung am Anfang wirkte bei Argerich eher wie eine Pflicht, deren man sich mit einem verlegenen Lächeln entledigt. Bevor sie anfing, schlug sie mit dem Zeigefinger kurz zwei Töne auf dem Flügel an, als ob sie prüfen wollte, ob der Steinway wirklich funktioniert. Doch dann begann sie unvermittelt mit Robert Schumanns Duo-Sonate Nr. 1 in a-Moll, und die Offenbarung war sofort spürbar. Ohne Allüren und mit einer Finesse par excellence flogen ihre drahtigen Finger bei schwierigsten Passagen perlend und mit schier unfassbarer Brillanz über die Tastatur. Ihr Anschlag ist so sanft, fließend und von einer Stringenz, die betört. Wohl alle im ausverkauften Saal spürten: Hier spielt eine Göttin des Klavierspiels. Im 3. Satz („Lebhaft“) ließ sie die schnellen Läufe federleicht sprudeln.
Der 35 Jahre jüngere Renaud Capuçon fügte sich in das musikalische Duo ein, das perfekt miteinander harmonierte und sich emotional „blind“ versteht. Capuçons romantische Tongebung, seine energiegeladene Dynamik und ausgefeilte Technik passten wunderbar zu Argerichs phänomenal-akkuratem Spiel. Die beiden traten in einen schier unversiegbaren Dialog, und es war ein einzigartiges Erlebnis, dem zu lauschen. Einer stellte eine Frage, der (bzw. die) Andere antwortete ohne Worte – jeder hatte einmal den Vorrang: musikalisch und dynamisch. Eine wahre Meisterschaft der beiden Musiker.
Dabei schien das Alter der beiden sekundär: Ausnahme-Pianistin Martha Argerich, die am 5. Juni 1941 in Buenos Aires geboren wurde und bereits mit 5 Jahren als Wunderkind galt, zog 1955 nach Europa, um unter anderem bei Friedrich Gulda zu studieren. Sie gewann bedeutende Wettbewerbe, erspielte sich dutzende von Auszeichnungen und trat mit allen Größen der Klassik-Musikszene auf, wie Daniel Barenboim, Gidon Kremer oder Mischa Maisky. Sie gehört zu den bedeutendsten Klaviervirtuosen unserer Zeit und ist nach wie vor als sensible Klavierbegleiterin gefragt.
Der französische Geiger Renaud Capuçon wurde am 27. Januar 1976 in Chambéry geboren und studierte zuerst am Pariser Konservatorium. Danach lernte er von Isaac Stern in Berlin, der ihm auch sein Instrument, die Guarneri-Violine „Panette“ von 1737, vermachte. Auf dieser wertvollen Geige spielte er an diesem Abend mit Martha Argerich Kammermusik von der Romantik über den Impressionismus zur Wiener Klassik.
Auf Schumanns romantischen Klangkosmos folgte Claude Debussys Sonate für Violine und Klavier in g-Moll. Capuçon und Argerich entführten die Zuhörer in eine Welt der „Entrückung“. Schwebende Töne in einer filigranen Zartheit, wie man sie selten hört, machten diese Momente zu einem kostbaren Erlebnis. Debussy schrieb diese Sonate in todkrankem Zustand und verabschiedete sich mit dieser Komposition langsam von unserer Welt. Ganz im Dienst dieses berührenden Werkes, ließen die beiden Meister-Musiker den Komponisten auferstehen.
Nach der Pause erklang Beethovens Violinsonate in A-Dur, die er 1803 Capuçons Landsmann Rodolphe Kreutzer widmete. Sie ist berühmt für die darin ausgedrückte Leidenschaft, ähnlich wie bei Schumanns a-Moll-Sonate. Beethoven schrieb für Hammerklavier. Umso erfreulicher war es, dass Martha Argerich aus dem modernen Konzert-Flügel einen fast intimen Klang zauberte. Das hochvirtuose Werk, das seinerzeit als unspielbar galt, interpretierten Argerich und Capuçon mit Präzision und Passion.
Kaum war der letzte Ton verklungen, standen die 1.500 Besucher auf und ließen ihren freudigen Emotionen mit begeisterten Bravo-Rufen freien Lauf. Man hatte gerade eine Sternstunde feinster Kammermusik erlebt. Es war klar, dass man diese exquisiten Künstler nicht ohne Zugaben gehen lassen würde. Schlagartig wurde es mucksmäuschenstill, als das gefeierte Duo mit dem 3. Satz (Allegro vivace) aus Beethovens Violinsonate Nr. 8 und, als zweite Zugabe, mit Fritz Kreislers „Liebesleid“ seinen Dialog voller Esprit weiterführte. Mehr Glück geht nicht, und alle verließen langsam den Saal, mit einem beseelten Lächeln.
Fotos: Marco Borrelli (Salzburger Festspiele)
- Ergänzen sich auf wunderbare Weise: Geiger Renaud Capuçon und Pianistin Martha Argerich.
- Klavier-Legende Martha Argerich und Welt-Geiger Renaud Capuçon vor dem begeisterten Publikum.
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