Kultur

REI: Eine Orgelnacht für alle Sinne

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

„Ich wusste nicht, dass Musik so gut riechen kann“, bemerkte ein Besucher der Orgelnacht in der Evangelischen Stadtkirche Bad Reichenhall. Treffender hätte man den besonderen Charakter dieses Abends kaum beschreiben können: Die Orgelnacht wurde zu einem Fest für alle Sinne – mit Musik, Licht, Bildern und sogar dem Duft frisch gebackener Pizza.

Diese bereitete Steffen Gattermann im Pavillon zu und ihr Duft zog durch den Kirchenraum und mischte sich mit den Klängen der Orgel. Ein Buffet im Pavillon war kulinarisch ebenfalls auf Genuss ausgerichtet. Das Spiel auf der Empore wurde von Heike Gierisch live auf eine Leinwand in der Kirche übertragen. So konnten die Besucher nicht nur hören, sondern auch sehen, was sich am Instrument ereignete. Sebastian Bürger tauchte den Altarraum in farbiges Licht und ließ an der Rückwand Sterne, Herzen und Blumen tanzen. Musik verband sich auf diese Weise mit Optik und Duft zu einem ganzheitlichen Erlebnis.

Drei Gastorganisten präsentierten ihre Programme unter den vielversprechenden Mottos „Fantasiereich“, „Pachelbel goes Oxford“ und „Zu den Sternen“. Paul Tarling von der Himmelfahrtskirche München-Sendling, Alexander Rebetge von St. Sebald Nürnberg und Markus Stepanek von der Franziskanerkirche Salzburg boten jeweils eindrucksvolle Recitals.

Dazwischen hieß es dreimal: „À la carte!“ Und die Besucher konnten – ganz wie in einem Restaurant – aus einer musikalischen Speisekarte wählen: ein „Hors d’œuvre“, eine Brotzeit, ein Hauptgericht, ein ganzes Menü oder ein Dessert. Auch Jazziges stand auf der Karte, etwa im Programm „S(w)inget dem Herrn ein neues Lied“ – Wortspiel ausdrücklich beabsichtigt. Und für die späte Stunde gab es eine Nachtkarte mit Werken wie „Miss Marple’s Theme“ oder Billy Joels „Just the Way You Are“.

Wie auf einer richtigen Speisekarte durften natürlich auch die entsprechenden „Zusatzstoffe“ und Warnhinweise nicht fehlen. In den Fußnoten war beispielsweise zu lesen: „Kann Spuren von harmoniefremden Tönen enthalten“ – bei Olivier Messiaens „Apparition de l’Église éternelle“ –, „stark sechzehntelhaltig“ bei Georg Friedrich Händels „Einzug der Königin von Saba“ oder „ggf. Taschentücher an der Kasse erbitten“ bei Gabriel Faurés „Après un rêve“. Die charmante Moderation der Organistin der Katholischen Stadtkirche, Julie Pinsonneault, verlieh diesen „À-la-carte“-Teilen zusätzlichen Witz und verband Musik und Poesie, wenn Gedichte den Kompositionen zugrunde lagen.

Für die musikalische Vielfalt sorgte Matthias Roth mit 18 weiteren Werken, die er zwischen den Auftritten der Gastorganisten präsentierte. Improvisationen über Kinderlieder oder Alfred Jethro Silvers „Jubilate Deo“ standen dabei ebenso auf dem Programm wie Sigfrid Karg-Elerts „Abendgebet der Sonne“, Louis Claude Daquins „Coucou“, Max Regers Introduktion und Passacaglia d-Moll, Johann Sebastian Bachs Passacaglia c-Moll oder die berühmte Toccata und Fuge d-Moll, sowie viele andere. Dazwischen blieb Zeit, die Abendkühle zu genießen oder sich am Buffet zu stärken.

Paul Tarling eröffnete den Reigen der Gastorganisten mit drei Fantasien aus drei Jahrhunderten von Johann Gottfried Müthel, William Byrd und Hubert Parry. Dank der Übertragung auf die Leinwand wurde sichtbar, wie sehr der gesamte Körper am Orgelspiel beteiligt ist. Beim bewegten Bass-Solo tanzten Tarlings Fußspitzen förmlich über die Pedale – ein faszinierender Anblick, der bei einem gewöhnlichen Orgelkonzert verborgen bleibt. Auch der Wechsel zwischen den drei Manualen, die Betätigung des Schwellwerks und das präzise Timing der Registrierung durch die Registranten ließen die Besucher die Musik mit Augen und Ohren zugleich erleben.

Alexander Rebetge knüpfte mit einer weiteren Fantasie von William Byrd an seinen Vorgänger an. Es folgten Johann Pachelbels Chaconne in f sowie zwei Voluntaries von Maurice Greene und Henry Purcell. Der herzliche Applaus des Publikums galt auch ihm – und wurde von Rebetge mit einer dankbaren Handbewegung in Richtung der Orgelpfeifen beantwortet. Kurzfristig und mit professionellem Können sprang Markus Stepanek für die erkrankte Vivien Geldien ein. Er beschloss sein Recital mit Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge a-Moll nach einer Toccata von Michelangelo Rossi sowie vier Versetten des 20. Jahrhunderts über „Ave maris stella“ von Marcel Dupré.

Den musikalischen Schlusspunkt setzte weit nach Mitternacht Franz Lerndorfer mit Einleitung, Variationen, Fuge und Hymnus über „Gott mit dir, du Land der Bayern“. Damit endete eine außergewöhnliche Orgelnacht, die nicht nur musikalisch, sondern auch als erfolgreiche Benefizveranstaltung für die im kommenden Jahr geplante Orgelreinigung in bester Erinnerung bleiben dürfte. So wurde aus einer langen Konzertnacht ein Fest für Ohren, Augen, Nase und Gaumen – vor allem aber ein Fest der Musik und der Gemeinschaft. Langer Applaus für alle Mitwirkenden und Unterstützer. Die gekauften Werke, die in dieser Nacht keinen Platz mehr fanden, wird Matthias Roth an einem Freitag bei „Orgel um 5“ nachreichen. Dazu bitte anmelden.

Bericht und Fotos: Brigitte Janoschka 

4652: Alexander Rebetge, Organist an St. Sebald in Nürnberg, mit „Pachelbel goes Oxford“ an der Beckerath-Orgel. Dahinter sein Registrant.

9596: Auf die Leinwand projiziert: Markus Stepanek von der Franziskanerkirche Salzburg nahm „Ave maris Stella“ („Meerstern, ich dich grüße“) zu seinem Motto „Zu den Sternen“.

9592: Die Hände von Matthias Roth

9565: Einen Marathon von 22 Werken spielte Matthias Roth „à la carte“ an der Beckerath-Orgel.

9553 / 9556: Bei Renate Graßl konnten die Werke „à la carte“ bestellt werden.

9561 / 9564: Julie Pinsonneault moderierte mit Charme und Witz.

 


Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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