Rund 2.000 Trachtler, ein Festgottesdienst unter freiem Himmel, Fahnen, Musikkapellen, Pferdegespanne und unzählige Zuschauer entlang der Straßen: Mit einem großen Festsonntag hat der GTEV „Hochries-Samerberg“ Grainbach den Höhepunkt seiner fünftägigen Jubiläumswoche zum 130-jährigen Bestehen gefeiert. Es wurde ein Tag, an dem sich zeigte, was ein Trachtenverein weit über die Pflege von Kleidung und Brauchtum hinaus bedeuten kann: Gemeinschaft, Heimat und das Miteinander der Generationen.

Schon am frühen Morgen erwachte das Festgelände in Grainbach zu neuem Leben. Ab etwa 8 Uhr trafen die ersten Vereine ein. Nach und nach füllte sich das große Festzelt mit Trachtlern, Musikanten und Fahnenabordnungen aus der gesamten Region. Die Musikkapelle Samerberg begrüßte die ankommenden Vereine musikalisch, während im Zelt bereits das Weißwurstfrühstück serviert wurde.


Noch war Zeit für Gespräche, ein gemeinsames Bier, für Begegnungen mit Freunden aus anderen Vereinen – und auch für manches Erinnerungsfoto. Zwischen den langen Tischreihen saßen Kinder neben erfahrenen Trachtlern, junge Dirndl neben Frauen, die seit Jahrzehnten ihrem Verein verbunden sind. Die ersten Fahnen standen bereits aufgereiht, an Hüten wurden letzte Blumen gerichtet, Schärpen zurechtgezogen und Trachtenschmuck überprüft.


Auch das Wetter spielte mit. Der Himmel blieb zunächst weitgehend bewölkt und sorgte damit für beinahe ideale Bedingungen. Nach den heißen Tagen zuvor war es angenehm, dass weder die Trachtler noch die zahlreichen Zuschauer stundenlang in der prallen Sonne stehen mussten.

Vom Festzelt zum Feldaltar
Nach dem morgendlichen Empfang formierte sich der Kirchenzug. Fahnenabordnungen, Vorstände, Ehrengäste, Musikanten, Frauen und Männer, Jugendliche und zahlreiche Kinder machten sich gemeinsam auf den Weg vom Festzelt zum Gottesdienstplatz.


Dabei zeigte sich bereits die ganze Vielfalt der Tracht. Unterschiedliche Hutformen, Schalks und Mieder, bestickte Lederhosen, Schmuck, Blumen und aufwendig geflochtene Frisuren ließen erkennen, aus welch unterschiedlichen Orten und Vereinen die Teilnehmer gekommen waren.


Besonders eindrucksvoll war auch die Beteiligung der beiden Samerberger Trachtenvereine. Neben dem Gastgeber GTEV „Hochries-Samerberg“ Grainbach war der GTEV „Almenrausch“ Roßholzen mit einer großen Abordnung vertreten. Damit wurde der Festsonntag nicht nur zu einem Grainbacher Jubiläum, sondern sichtbar zu einem Fest des ganzen Samerbergs.

Der Kirchenzug führte hinaus auf die Wiese zum bereits am Vortag von vielen Grainbacher Helfern vorbereiteten Feldaltar. Dort bot sich ein beeindruckendes Bild: Fahnen reihten sich aneinander, die Trachtler füllten die Wiese und dahinter öffnete sich der Blick über die grüne Samerberger Landschaft.
Geschätzt rund 2.000 Trachtler waren zum Festsonntag nach Grainbach gekommen. Hinzu kamen zahlreiche weitere Besucher und Ehrengäste.


Die Erste Vorsitzende des GTEV „Hochries-Samerberg“, Ramona Sattelberger, begrüßte die große Festgemeinde am eigens für diesen Tag errichteten und festlich geschmückten Feldaltar. Nach Monaten der Vorbereitung war damit jener Moment gekommen, auf den der Verein besonders hingearbeitet hatte: gemeinsam mit Freunden und Nachbarvereinen das 130-jährige Bestehen zu feiern.


Zu Beginn des Gottesdienstes stiegen weiße Tauben in den Himmel – als Zeichen des Dankes für 130 Jahre Vereinsgeschichte. Für einen Augenblick gingen die Blicke der Festgemeinde nach oben, ehe der Gottesdienst begann.

Glaube, Heimat und Gemeinschaft
Gestaltet wurde der Festgottesdienst im Dialog von Günter Schmitzberger, Diakon und Pfarrverbandsbeauftragter, Tobias Pastötter, Kurat und priesterlicher Leiter der Seelsorge, sowie Conny Gaiser, Gemeindereferentin. Musikalisch begleiteten Samerberger Musikanten die Feier; auch Alphornklänge waren in die Liturgie eingebunden.


Im Mittelpunkt stand dabei immer wieder ein Begriff, der an diesem Tag weit über seinen geografischen Sinn hinausging: Heimat.
Heimat, so wurde deutlich, besteht nicht allein aus Bergen, Wiesen, Häusern oder einem bestimmten Ort. Sie entsteht dort, wo Menschen miteinander verbunden sind, wo Erfahrungen und Erinnerungen weitergegeben werden und wo eine Gemeinschaft über Generationen hinweg trägt.


Ein anschauliches Bild dafür bot der Vergleich mit einem Baum: Er braucht Wurzeln, um Halt zu finden. Doch ebenso braucht er Stamm, Äste und eine Krone, um weiterzuwachsen. Tradition bedeutet deshalb nicht, Vergangenes lediglich zu bewahren. Sie bleibt nur lebendig, wenn sie weitergegeben und von jeder Generation neu angenommen und gestaltet wird.


Gerade angesichts der vielen Kinder und Jugendlichen auf der Festwiese bekam dieser Gedanke eine sichtbare Bedeutung. Sie waren nicht nur Zuschauer oder schmückendes Beiwerk. Sie marschierten mit, trugen Tafeln, saßen auf geschmückten Wägen, hielten Fahnen, trugen Tracht – und waren damit selbst Teil jener Tradition, über die gesprochen wurde.

Ein neues Fahnenband als Zeichen der Freundschaft
Ein besonderer Moment des Festgottesdienstes war die Segnung eines neuen Fahnenbandes. Gestiftet wurde es vom Trachtenverein „Almengrün“ Riedering, der damit die enge Verbundenheit mit den Grainbachern zum Ausdruck brachte.
Die Dirndlvertreterinnen aus Riedering erklärten, das Band solle für die Freundschaft zwischen beiden Vereinen am heutigen Tag, aber ebenso für die Zukunft stehen.


Die Schutzfrau Bayerns solle die Grainbacher „in guten wie auch in schwierigen Zeiten“ begleiten, ihnen Kraft und Hoffnung schenken und sie auf ihren Wegen beschützen. Das Fahnenband solle zugleich immer an die Freundschaft der beiden Vereine und den gemeinsam gegangenen Weg erinnern.
„Treu der Heimat, treu dem guten alten Brauch“ – mit diesem Gedanken wurde das neue Band schließlich an der Fahne befestigt.
Gerade diese Szene machte sichtbar, was bei einem solchen Fest oft zwischen den großen Programmpunkten liegt: Freundschaften, die über Ortsgrenzen hinweg gewachsen sind und über viele Jahre gepflegt werden.

Wenn sich der Festzug durch Grainbach bewegt
Nach dem Gottesdienst begann der zweite große Höhepunkt des Tages. Die Teilnehmer formierten sich zum Festzug durch Grainbach.
In sechs Zuggruppen setzte sich der lange Zug in Bewegung. Mehrere Musikkapellen sorgten dafür, dass über weite Teile der Strecke Blasmusik zu hören war. Fahnenabordnungen, Trachtenvereine und historische Gruppen wechselten sich mit festlich geschmückten Pferdegespannen und Motivwagen ab.


Besonders reizvoll war dabei die Mischung aus großen Formationen und kleinen Szenen. Mal bestimmten lange Reihen von Dirndln in identischer Tracht das Bild, dann wieder eine Gruppe Männer mit mächtigen Gamsbärten auf den Hüten. Kinder fuhren in kleinen geschmückten Wägen mit oder marschierten selbstverständlich zwischen den Erwachsenen mit.


Pferdegespanne erinnerten an frühere Zeiten, ebenso einzelne Darstellungen bäuerlicher Arbeit und des ländlichen Lebens. Immer wieder tauchten zwischen den Trachtlern kleine Details auf, die den Festzug zu mehr machten als einer bloßen Parade.


An den Straßenrändern standen währenddessen zahlreiche Zuschauer. Vor Häusern, an Gartenzäunen und entlang der Zugstrecke verfolgten sie das Geschehen, fotografierten, winkten den Teilnehmern zu und begrüßten Bekannte.
Das Dorf selbst wurde damit zur Bühne.


Und Grainbach bot dafür eine Kulisse, wie man sie für einen solchen Festtag kaum passender hätte planen können: traditionelle Häuser, Obstgärten und Wiesen – dahinter die Hochries und die Berglandschaft des Samerbergs.

Ein Fest für alle Generationen
Vielleicht waren es am Ende gerade die Kinder, die besonders deutlich machten, worum es an diesem Tag ging.
Zwei kleine Buben, die sich lachend für ein Foto in den Arm nahmen. Dirndl, die ihre Schürzen und Tücher festhielten. Ein kleiner Tafeljunge, der beinahe hinter seinem Vereinsschild verschwand. Kinder auf geschmückten Wägen, junge Trachtler neben Männern und Frauen, die ihrem Verein bereits seit Jahrzehnten angehören.
Solche Bilder erzählen mehr über die Zukunft eines Trachtenvereins als jede Statistik.
Denn 130 Jahre Vereinsgeschichte bedeuten eben nicht nur 130 Jahre Vergangenheit. Sie bedeuten auch, dass eine Generation nach der anderen bereit war, etwas weiterzugeben.
Dass dies in Grainbach weiterhin gelingt, war am Festsonntag kaum zu übersehen.

Viele Helfer hinter den Kulissen
Ein Fest dieser Größenordnung wäre allerdings ohne die vielen Helfer nicht möglich gewesen.
Während sich die Besucher auf Gottesdienst und Festzug konzentrierten, wurde an unzähligen Stellen gearbeitet: beim Ausschank und in der Küche, beim Abräumen, an den Zugstrecken, bei der Verkehrsregelung, an den Eingängen und hinter den Kulissen des Festzeltes.
Auch die Einsatzkräfte des Bayerischen Roten Kreuzes standen für den Fall bereit, dass medizinische Hilfe notwendig werden sollte. Feuerwehr und weitere Helfer sorgten dafür, dass die großen Besucherströme sicher durch den Festtag kamen.
Gerade solche Aufgaben fallen auf den Bildern eines Festzuges häufig kaum auf. Für das Gelingen eines solchen Tages sind sie jedoch unverzichtbar.

Zurück im Festzelt
Nach dem Festzug führte der Weg für viele Teilnehmer wieder zurück ins Festzelt. Dort spielte erneut die Musik, Bedienungen trugen Maßkrüge durch die Reihen und aus dem formellen Festprogramm wurde wieder ein geselliges Zusammensein.
Nun war Zeit, sich über den Festzug auszutauschen, Freunde zu treffen und gemeinsam auf einen gelungenen Festsonntag anzustoßen.
Aus den vielen Vereinen, die am Morgen noch einzeln in Grainbach angekommen waren, war für einige Stunden eine große Festgemeinschaft geworden.


Genau darin lag vielleicht die stärkste Botschaft dieses Sonntags.
Der Festgottesdienst hatte vom Wert der Heimat gesprochen. Von Wurzeln, die Halt geben. Von Tradition, die nur dann Zukunft hat, wenn sie nicht eingefroren, sondern weitergelebt wird. Und davon, dass Gemeinschaft dort entsteht, wo Menschen bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen.
Auf der Grainbacher Festwiese und später beim Zug durch das Dorf war all dies nicht abstrakt geblieben.
Man konnte es sehen.


In den Fahnen. In den alten Trachten. In den Kindern. In den vielen Helfern. In den Freundschaften zwischen den Vereinen. Und in den Tausenden Menschen, die diesen Tag gemeinsam gefeiert haben.
So wurde der Festsonntag zum Höhepunkt der Jubiläumswoche – und zugleich zu einem eindrucksvollen Beleg dafür, dass 130 Jahre GTEV „Hochries-Samerberg“ Grainbach nicht nur Erinnerung an eine lange Geschichte sind, sondern ein Stück lebendige Gegenwart.

Beitrag & Fotos: Rainer Nitzsche


Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

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