Kultur

Orgelsommer-Ende in Bad Reichenhall

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Mit einem anspruchsvollen Programm ging der Orgelsommer St. Nikolaus nach fünf Konzerten zu Ende. Zum Abschluss spannte Manfred Müller, Kirchenmusiker an St. Oswald in Traunstein, in seinem Programm einen weiten Bogen vom Barock Georg Muffats über die empfindsame Klangsprache der Vorklassik bis hin zur experimentellen Musik des 20. Jahrhunderts.

Georg Muffats (1653–1704) „Toccata undecima“ aus dem 1690 erschienenen „Apparatus musico-organisticus“ trug eigentlich den Charakter einer Partita, erklärte Manfred Müller zu Beginn. Entsprechend abwechslungsreich gestaltete er das Werk: Zwischen getragenen Passagen und bewegten Abschnitten sorgten unterschiedliche Manuale und Registrierungen für immer neue Klangfarben.

Einen radikalen Kontrast dazu setzte John Cages „Souvenir“. Das 1983 entstandene Werk wurde für Orgel und im Auftrag der „American Guild of Organists“ komponiert. Cage, Komponist ebenso wie Philosoph, hatte ein Stück geschaffen, das an seine frühere Klavierkomposition „Dream“ von 1948 erinnert. Lange, nahezu schwebende Klangflächen und plötzlich einbrechende Toncluster bestimmen die Wirkung des Stückes. Bei Müller entstanden daraus eindrucksvolle Gegensätze: Eine zarte, wiederkehrende Melodie wirkte wie eine Erinnerung, die immer wieder von eruptiven, geradezu donnernden Klangballungen unterbrochen wurde. Die musikalische Spannung zwischen Traum und Wirklichkeit ließ unterschiedliche Assoziationen zu.

Giovanni Battista Pescettis (1704–1766) dreisätzige Sonate VI in c‑Moll ist für das Tasteninstrument Cembalo konzipiert und daher ohne Pedal zu spielen. Die klare Stimmführung und die fein ausgearbeitete Mehrstimmigkeit kamen dadurch besonders unmittelbar zur Geltung. Im abschließenden Presto verband der Organist seine technische Souveränität mit einer stets transparenten Gestaltung.

Zum Schluss erklang Johann Gottfried Müthels (1728–1788) Fantasie in g‑Moll. Müthel, einer der letzten Schüler Johann Sebastian Bachs und zugleich ein eigenständiger Vertreter der empfindsamen Musik des späteren 18. Jahrhunderts, schrieb Orgelwerke, die von starken Kontrasten, überraschenden Wendungen und toccatenhaften Elementen geprägt sind. Müller hatte das Werk angekündigt mit den Worten, es zeige, “was Orgel liefern muss”. Tatsächlich entfaltete sich die Fantasie als ausgesprochen wirkungsvolles Schlussstück. Besonders das ausgedehnte Bass-Solo mit seiner ungewöhnlichen Klangwirkung ließ aufhorchen. Mit Müthels Fantasie schloss sich zugleich ein überzeugender dramaturgischer Bogen zum Beginn des Konzerts: Stand am Anfang Muffats Toccata, die in ihrer Anlage den Charakter einer Partita annimmt, so bildete Müthels Fantasie ein Werk, das ebenfalls stark von toccatenhaften Elementen geprägt ist.

Manfred Müller überzeugte durch virtuos gestaltetes Orgelspiel, große Einfühlsamkeit und stilistische Authentizität. Er fand für jede Epoche eine passende Klangsprache: farbenreich und differenziert bei Muffat, ungewöhnlich und spannungsvoll bei Cage, klar und transparent bei Pescetti und kraftvoll und zugleich sensibel bei Müthel. Gerade diese Fähigkeit, die unterschiedlichen musikalischen Welten hörbar voneinander abzugrenzen, machte das Konzert zu einem besonderen Erlebnis.

Mit dieser Vielfalt der Orgelmusik verabschiedete sich der Orgelsommer St. Nikolaus, der eindrucksvoll gezeigt hat, wie unterschiedlich, überraschend und lebendig dieses Instrument klingen kann.

Text und Foto: Brigitte Janoschka – Das Foto zeigt Manfred Müller an der Mathis-Orgel in St. Nikolaus.


Redaktion

Toni Hötzelsperger

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