Wir sprechen vom Lebensweg, als wäre er irgendwo bereits vorhanden. Als müsse man ihn nur finden, aufmerksam genug auf die Wegweiser achten und an den entscheidenden Stellen richtig abbiegen.
Man entscheidet sich für einen Beruf, einen Menschen, einen Ort, eine Aufgabe. Man setzt Ziele und hofft, dass sich aus den einzelnen Schritten irgendwann ein sinnvolles Ganzes ergibt. Vieles davon geschieht in der stillen Erwartung, eines Tages sagen zu können: Nun bin ich angekommen.
Doch wahrscheinlich ist diese Vorstellung vor allem ein Versuch, der Ungewissheit des Lebens eine Ordnung zu geben.
Denn in Wahrheit liegt der Weg häufig nicht vor uns. Er entsteht erst unter unseren Füßen.
Wir entscheiden, ohne die Folgen zu kennen. Wir vertrauen Menschen, ohne zu wissen, ob sie bleiben. Wir beginnen etwas, ohne sicher sein zu können, dass wir es zu Ende bringen. Und manchmal geraten wir auf einen Weg, den wir niemals freiwillig gewählt hätten.
Als bei meinem Vater Magenkrebs festgestellt wurde, blieben uns kaum vier Wochen. Zwei Tage nach seiner Aufnahme auf die Palliativstation starb er.
Es gab keinen langen Weg, auf dem wir uns allmählich an den Abschied hätten gewöhnen können. Die Krankheit nahm uns die Zeit, das Geschehen innerlich einzuholen. Zwischen der Diagnose und seinem Tod lag kaum mehr als ein Monat – zu wenig, um zu verstehen, was geschah, und doch lang genug, um zu begreifen, dass nichts mehr aufzuhalten war.
Auf der Palliativstation brach etwas in mir zusammen. Was dort geschah, lag jenseits dessen, was ich zu tragen vermochte. Ich hatte nichts vom Sterben verstanden. Ich wusste nur, dass ein Mensch, der zu meinem Leben gehört hatte, innerhalb weniger Wochen daraus verschwand.
Nach dieser Erfahrung dachte ich dennoch, meine Mutter werde eines Tages vielleicht sanfter gehen.
Es war keine bewusste Überzeugung. Eher eine stille Hoffnung, mit der man versucht, dem Unvorstellbaren nachträglich eine Art Ordnung zu geben. Als müsste das Leben nach einem so jähen Verlust beim nächsten Mal mehr Zeit lassen, mehr Vorbereitung, vielleicht sogar etwas Frieden.
Doch das Leben kennt keinen solchen Ausgleich. Es folgt keiner Dramaturgie, die wir verstehen könnten.
Nach einer Routineoperation fiel meine Mutter ins Koma. Sie wurde künstlich beatmet und künstlich ernährt. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Ein halbes Jahr lang blieb sie ohne erkennbares Bewusstsein.
Mit jedem Monat wurde die Hoffnung kleiner. Gleichzeitig wurde die Frage größer, ob die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden sollten.
Es war keine theoretische Frage, die sich aus sicherer Entfernung mit einigen klugen Sätzen beantworten ließ. Es ging nicht abstrakt um Leben und Tod, Würde und Selbstbestimmung. Es ging um einen konkreten Menschen. Um meine Mutter. Um ein Leben, das noch vorhanden war und sich uns zugleich vollständig entzog.
Die medizinische Einschätzung ließ kaum Raum für Hoffnung.
Der behandelnde Professor erklärte sinngemäß, das Beste, was vielleicht noch geschehen könne, sei, dass meine Mutter nach zwei weiteren Jahren im Koma, weiterhin künstlich beatmet und ernährt, möglicherweise irgendwann ganz in der Ferne einen Vogel zwitschern hören könne.
Ob selbst das jemals eintreten würde, wisse man nicht.
Von einem Erwachen war nicht die Rede. Von selbstständigem Atmen, Sprechen oder Erinnern erst recht nicht. Die äußerste Möglichkeit, die man uns noch aufzeigte, bestand in einer kaum feststellbaren Wahrnehmung: vielleicht irgendwann das entfernte Zwitschern eines Vogels.
Vor diesem Hintergrund erschien die Lage nicht nur aussichtslos. Sie schien endgültig.
Viele Freunde rieten dazu, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden. Sie meinten es nicht herzlos. Vermutlich wollten sie meiner Mutter weiteres Leiden ersparen und uns helfen, das scheinbar Unvermeidliche anzunehmen. Nach allem, was uns gesagt worden war, wirkte weiteres Warten nicht mehr wie begründete Hoffnung, sondern wie die Verlängerung eines Zustandes, aus dem kein wirklicher Weg zurückführen würde.
Auch mit unserem Pfarrer sprach ich in dieser Zeit. Ich hatte vielleicht gehofft, davon eine klarere Orientierung zu erhalten. Doch auch er tendierte dazu, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden. Seine Haltung war davon geprägt, dass ein Mensch, der nicht mehr selbst atmen könne, möglicherweise gehen dürfen müsse.
Auch das war keine herzlose Position. Sie entsprang dem Gedanken, dass nicht jede technisch mögliche Verlängerung körperlicher Funktionen auch dem Leben und der Würde eines Menschen dienen muss.
Doch keiner dieser Ratschläge nahm uns die Entscheidung ab.
Weiterzumachen konnte bedeuten, an einer aussichtslosen Hoffnung festzuhalten. Es konnte bedeuten, einen Zustand zu verlängern, den meine Mutter möglicherweise niemals für sich gewollt hätte.
Die Maßnahmen zu beenden konnte ein Akt des Loslassens und der Menschlichkeit sein. Es konnte aber ebenso bedeuten, einem Leben die letzte Möglichkeit zu nehmen, das vielleicht doch noch einen Weg zurückfinden würde.
Wann wird Hoffnung zur Verweigerung der Wirklichkeit?
Wann wird Loslassen zur vorschnellen Kapitulation?
Wann schützt man die Würde eines Menschen – und wann spricht man ihm eine Zukunft ab, weil man sie selbst nicht mehr erkennen kann?
In solchen Situationen erwartet man von der Medizin Gewissheit. Doch auch die Medizin kann oft nur Wahrscheinlichkeiten benennen. Sie kann Befunde erheben, Erfahrungen vergleichen und Prognosen stellen. Sie kann sagen, was in ähnlichen Fällen gewöhnlich geschieht.
Aber sie kann nicht immer mit letzter Sicherheit sagen, was bei diesem einen Menschen geschehen wird.
Eine Prognose ist kein Versprechen. Sie ist aber auch kein endgültiges Urteil.
Und gerade dort, wo das Wissen endet, bleibt die Verantwortung bestehen.
Schon zuvor hatte ich enge Freundinnen meiner Mutter ins Krankenhaus gebeten. Sie sollten mit ihr sprechen, sie immer wieder ansprechen und versuchen, etwas in ihr zu erreichen, das sich den medizinischen Untersuchungen vielleicht entzog. Sie kamen, redeten mit ihr und versuchten, zu ihr durchzudringen.
Eine erkennbare Reaktion gab es nicht.
Trotzdem wollte ich vor einer endgültigen Entscheidung noch einen letzten Versuch unternehmen.
Meine Mutter sollte aus der intensivmedizinischen Umgebung des Krankenhauses herauskommen und in eine wohnlichere, menschlichere und dem gewöhnlichen Leben nähere Umgebung gebracht werden. Nicht in der Erwartung eines Wunders. Dafür gab es keinen vernünftigen Grund mehr. Aber bevor etwas Unumkehrbares entschieden wurde, wollte ich diese eine Möglichkeit noch offenhalten.
Ich besprach das mit meinen Geschwistern. Ich wollte diesen Weg nicht gegen ihre Zustimmung gehen. Es ging um unsere Mutter, und wir mussten später miteinander und mit den Folgen unserer Entscheidung leben können. Ich wollte weder allein über ihr Leben bestimmen noch für eine Entwicklung verantwortlich sein, die für meine Geschwister nicht tragbar gewesen wäre.
Gemeinsam entschieden wir uns für diesen letzten Versuch.
Wir brachten unsere Mutter aus dem Krankenhaus in eine private Wohngemeinschaft für Menschen im Koma und mit intensivem Pflegebedarf. Sie blieb schwer krank, künstlich beatmet und auf umfassende Versorgung angewiesen. Aber die Umgebung war persönlicher, wohnlicher und weniger von der Atmosphäre einer Intensivstation bestimmt.
Wir wussten nicht, ob wir damit einen Weg eröffneten oder lediglich das Unvermeidliche hinauszögerten.
Zwei Wochen später wachte meine Mutter auf.
Im Krankenhaus hatte damit niemand gerechnet.
Ich rief den Professor an, der sie dort behandelt hatte, und erzählte ihm, dass meine Mutter wieder bei Bewusstsein sei. Er war hörbar überrascht.
Dann sagte er etwas, das mir bis heute geblieben ist.
Er habe im Krankenhaus beide Richtungen erlebt. Es gebe Fälle, in denen er aufgrund aller Befunde vollkommen überzeugt sei, dass ein Mensch es schaffen werde. Dann komme er am nächsten Morgen auf die Station und erfahre, dass dieser Mensch in der Nacht gestorben sei.
Und es gebe die umgekehrten Fälle: Menschen, für die er keine Hoffnung mehr sehe und die dennoch überlebten oder auf eine Weise zurückkehrten, mit der niemand gerechnet habe.
Es war kein Widerruf seiner früheren Prognose. Es war vielmehr das ehrliche Eingeständnis eines erfahrenen Arztes, dass auch größtes medizinisches Wissen an eine Grenze gelangt.
Befunde können eindeutig erscheinen. Wahrscheinlichkeiten können überwältigend sein. Erfahrungen können eine bestimmte Entwicklung nahezu zwingend erwarten lassen. Und trotzdem bleibt der einzelne Mensch nicht vollständig berechenbar.
Das macht medizinische Entscheidungen nicht überflüssig. Es bedeutet auch nicht, Prognosen zu ignorieren und sich an jede noch so geringe Möglichkeit zu klammern. Aber es mahnt zu einer Demut, die gerade dort notwendig ist, wo Entscheidungen endgültig werden können.
Ob der Wechsel in die Wohngemeinschaft etwas mit dem Erwachen meiner Mutter zu tun hatte, weiß ich nicht. Ich kann und will daraus keine einfache Ursache ableiten. Ich weiß nur, dass wir vor einer unumkehrbaren Entscheidung diesen letzten Versuch unternommen hatten – und dass sie zwei Wochen später die Augen öffnete.
Das Erwachen war jedoch noch nicht die Rückkehr in ihr früheres Leben. Zunächst begann ein neuer, mühsamer Weg.
Jeden Tag wurde sie einige Minuten länger von der Beatmungsmaschine getrennt. Jeden Tag musste ihr Körper neu lernen, eine Aufgabe zu übernehmen, die zuvor selbstverständlich gewesen war. Aus wenigen Minuten wurden längere Zeiträume. Irgendwann gelang es ihr, wieder vollständig selbstständig zu atmen.
Auch danach war nichts selbstverständlich.
Zunächst begannen wir mit kleinen Ausfahrten im Rollstuhl. Als ihre Muskulatur wieder kräftiger wurde, folgten die ersten Schritte mit dem Rollator. Später konnte sie auch ohne ihn gehen.
Was von außen vielleicht wie eine Reihe medizinischer Fortschritte aussah, war für mich jedes Mal die Rückkehr eines Stückes Leben.
Besonders tief hat sich mir unser erster gemeinsamer Besuch in einem Restaurant eingeprägt.
Meine Mutter war lange künstlich ernährt worden. Als sie wieder essen durfte, verspürte sie einen großen Appetit auf bestimmte Speisen – und auf ein kühles Bier. Noch vom Restaurant aus telefonierte ich mit ihren Pflegekräften, um zu klären, was sie nach der langsamen Entwöhnung von der künstlichen Ernährung bereits essen und trinken durfte.
Dann saß sie mir gegenüber, bestellte selbst und trank ihr erstes Glas Bier.

Zurück im Leben: Beim ersten gemeinsamen Restaurantbesuch nach sechs Monaten im Koma trank meine Mutter wieder ein kühles Bier – ein gewöhnlicher Augenblick, der für mich etwas Kolossales war.

Ich habe diesen Augenblick fotografiert.
Es war eigentlich eine ganz gewöhnliche Szene: Ein Mensch sitzt in einem Restaurant, bestellt etwas zu essen und zu trinken und unterhält sich. Doch für mich war sie etwas Kolossales.
Noch wenige Monate zuvor hatte die äußerste medizinische Hoffnung darin bestanden, dass meine Mutter vielleicht irgendwann ganz in der Ferne einen Vogel zwitschern hören könnte. Nun saß sie mir gegenüber, äußerte Wünsche, wählte eine Speise, schmeckte ein kühles Bier und sprach mit mir.
Es war nicht einfach nur ein Fortschritt. Es war die Rückkehr eines Menschen in seine eigene Welt.
Vielleicht bestand das Außergewöhnliche gerade darin, dass dieser Augenblick nach außen so gewöhnlich erschien. Keine dramatische Geste, kein sichtbares Wunder. Nur ein Glas Bier auf einem Restauranttisch, ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn und die kaum fassbare Erfahrung, dass etwas, das für immer verloren schien, noch einmal Wirklichkeit geworden war.
Über die sechs Monate ihres Komas sagte meine Mutter später nur:
„Mir fehlen zwei Jahreszeiten.“
Dieser Satz ist mir geblieben.
Ihr fehlten zwei Jahreszeiten. Für sie war ein halbes Jahr verschwunden, als hätte jemand einige Seiten aus ihrem Leben herausgetrennt. Für uns dagegen waren diese Monate bis zum Rand gefüllt gewesen: mit Angst und Hoffnung, mit Gesprächen, Zweifeln und Entscheidungen, mit Pflege, Erschöpfung und der immer wiederkehrenden Frage, ob wir an einem Menschen festhielten, der längst nicht mehr zurückkehren konnte.
Sie hatte diese Zeit nicht bewusst erlebt.
Wir hatten jeden einzelnen Tag durchschritten.
Vielleicht liegt darin etwas Grundsätzliches über das menschliche Leben. Wir können dieselbe Zeit durchleben und uns doch in vollkommen verschiedenen Wirklichkeiten befinden. Was für den einen eine Lücke in der Erinnerung ist, kann für einen anderen zu einem der prägendsten Abschnitte seines Lebens werden.
Was der eine vergisst, trägt der andere für immer mit sich.
Nachdem meine Mutter wieder selbstständig atmen, essen, sprechen und gehen konnte, stellte sich die Frage, ob sie in ihre eigene Wohnung zurückkehren könne.
Wir wollten diesen Schritt nicht überstürzen. Zu groß war die Angst vor einem Rückschlag. Deshalb entschieden wir uns zunächst für ein Pflegeheim, in dem ihre gesundheitliche Entwicklung weiterhin kontinuierlich überwacht werden konnte.
Dort lebte sie noch dreizehn Monate.
Sie war bei Bewusstsein, konnte selbstständig atmen, essen und sprechen. Sie nahm wieder an ihrem eigenen Leben teil. Nach allem, was zuvor geschehen war, waren diese Monate keine bloße Verlängerung ihrer Existenz. Es war zurückgewonnene Lebenszeit.
Dann starb sie plötzlich.
Vielleicht macht gerade das ihre Geschichte so schwer zu erzählen.
Sie ist keine Geschichte, in der am Ende alles gut wurde. Aber sie ist auch keine Geschichte vergeblicher Hoffnung.
Meine Mutter kehrte zurück. Sie erhielt Monate, von denen kaum jemand mehr geglaubt hatte, dass es sie geben könnte. Sie sprach mit uns, ging mit uns hinaus, äußerte Wünsche, genoss ein Essen und ein kühles Bier. Sie war wieder Teil ihrer eigenen Welt.
Ob dreizehn Monate viel oder wenig sind, lässt sich von außen leicht beurteilen. Für einen Menschen, dessen Zukunft einmal kaum mehr als ein fernes Vogelzwitschern enthalten sollte, waren sie ein ganzes Stück zurückgewonnener Welt.
Und dennoch blieb auch dieses Ankommen vorläufig.
Vielleicht ist jedes Ankommen im Leben von dieser Art. Wir erreichen einen Menschen, einen Ort, einen Augenblick des Friedens – und können ihn doch nicht festhalten. Das macht ihn nicht wertlos. Vielleicht erhält ein Augenblick gerade durch seine Vergänglichkeit sein Gewicht.
Die Geschichte meiner Mutter beweist nicht, dass lebenserhaltende Maßnahmen niemals beendet werden dürfen. Eine solche Schlussfolgerung wäre falsch. Sie würde der Schwierigkeit jeder einzelnen Situation nicht gerecht und auch nicht dem ausdrücklichen Willen vieler schwerkranker Menschen.
Nicht jeder Mensch wacht wieder auf. Nicht jede Hoffnung erfüllt sich. Es gibt Situationen, in denen die Beendigung einer Behandlung ein Akt der Achtung, des Loslassens und der Menschlichkeit sein kann.
Auch unsere Entscheidung hätte anders ausgehen können.
Meine Mutter hätte nicht erwachen müssen. Sie hätte noch Jahre im Koma bleiben können. Vielleicht hätte sich die düstere Prognose erfüllt. Vielleicht hätten wir uns irgendwann vorwerfen müssen, einen aussichtslosen Zustand verlängert zu haben.
Das wussten wir nicht.
Gerade deshalb ist ihre Geschichte kein Beweis für eine allgemeine Regel. Sie ist eine Erinnerung an die Grenzen unserer Gewissheit.
Sie zeigt, dass medizinische Wahrscheinlichkeiten nicht mit absoluter Sicherheit verwechselt werden dürfen. Sie zeigt, dass zwischen Diagnose, Prognose und der Wirklichkeit eines einzelnen Menschen manchmal ein Raum bleibt, den niemand vollständig vermessen kann.
Vor allem aber zeigt sie, was es bedeutet, eine Entscheidung treffen zu müssen, obwohl man nicht weiß, wohin sie führen wird.
Vielleicht ist das ganze Leben von dieser Art.
Wir möchten wissen, ob unsere Entscheidungen richtig sind. Ob unser Einsatz sich lohnt. Ob unsere Treue erwidert wird. Ob unsere Hoffnung begründet ist. Ob wir auf dem richtigen Weg sind.
Doch diese Gewissheit erhalten wir fast nie im Voraus.
Manchmal erhalten wir sie später. Manchmal glauben wir im Rückblick, einen Sinn erkennen zu können. Manchmal bleibt auch nach vielen Jahren offen, ob ein anderer Weg nicht besser gewesen wäre.
Es gibt Entscheidungen, die sich später als richtig erweisen, obwohl sie im Augenblick unvernünftig erschienen. Andere wirken vernünftig und sicher und führen dennoch in eine Sackgasse.
Nicht jeder Umweg lässt sich nachträglich zur wertvollen Erfahrung verklären. Nicht jedes Leid hat einen verborgenen Sinn. Manche Verluste bleiben Verluste. Manche Verletzungen heilen nicht vollständig. Manche Fragen erhalten keine Antwort.
Ein gelungenes Leben kann deshalb nicht darin bestehen, immer die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben.
Diesen Maßstab könnte kein Mensch erfüllen.
Vielleicht gelingt ein Leben vielmehr dort, wo ein Mensch bereit ist, sich seinen Entscheidungen ehrlich zu stellen. Wo er nicht nur danach fragt, was bequem, sicher oder gesellschaftlich anerkannt ist. Wo er seine Angst nicht mit Gewissheit verwechselt und seine Hoffnung nicht mit Wahrheit.
Wo er versucht, sich selbst und die Menschen, die ihm anvertraut sind, nicht vorschnell aufzugeben.
Das bedeutet nicht, sich an alles zu klammern. Auch Loslassen gehört zum Leben. Es gibt Beziehungen, die man verlassen muss, Aufgaben, die man beenden sollte, und Hoffnungen, von denen man sich lösen muss.
Doch es macht einen Unterschied, ob wir loslassen, weil wir die Wirklichkeit anerkennen, oder ob wir einen Menschen, eine Aufgabe oder uns selbst aufgeben, weil die Ungewissheit nicht länger auszuhalten ist.
Vielleicht suchen wir deshalb so sehr nach dem Ankommen.
Wir hoffen auf einen Punkt, an dem die Unsicherheit endet. Auf den richtigen Beruf, den richtigen Menschen, den richtigen Ort. Auf Erfolg, Anerkennung, innere Ruhe oder Glaubensgewissheit. Wir stellen uns vor, irgendwann sagen zu können: Jetzt bin ich angekommen. Jetzt weiß ich, warum alles so kommen musste.
Doch kaum ist ein Ziel erreicht, verändert sich der Horizont.
Menschen verändern sich. Beziehungen verändern sich. Arbeit verliert ihre Bedeutung oder erhält eine neue. Gesundheit, Alter und Verluste können von einem Tag auf den anderen infrage stellen, was eben noch sicher erschien.
Vielleicht gibt es im Leben kein endgültiges Ankommen.
Das muss kein trostloser Gedanke sein. Es kann auch bedeuten, dass der Wert eines Lebens nicht erst an einem fernen Ziel entschieden wird.
Ein Leben ist nicht nur dann gelungen, wenn alles aufgegangen ist. Es kann bereits im Gehen gelingen: im Beistehen, im Aushalten, im Zweifeln und im erneuten Beginnen.
Manche Wege suchen wir uns aus.
Andere werden uns zugemutet.
Auf den selbst gewählten Wegen können wir Ziele setzen, Richtungen ändern und manchmal umkehren. Auf den zugemuteten Wegen bleibt häufig nur der nächste Schritt.
Man geht ihn nicht, weil man weiß, dass er zu einem guten Ende führen wird. Man geht ihn, weil auch Stillstehen und Umkehren Entscheidungen wären.
Vielleicht bestand der Weg mit meiner Mutter genau darin.
Nicht in der Gewissheit, dass sie wieder erwachen würde. Diese Gewissheit gab es nicht.
Er bestand darin, gemeinsam mit meinen Geschwistern eine letzte Möglichkeit offenzuhalten, bevor eine Entscheidung getroffen wurde, die niemand hätte rückgängig machen können.
Dass meine Mutter tatsächlich zurückkehrte, macht diese Geschichte außergewöhnlich. Doch das Wesentliche liegt nicht allein in ihrem Erwachen. Es liegt auch in den Monaten davor, als niemand wusste, ob es jemals ein Erwachen geben würde.
Denn dort zeigt sich, was ein Lebensweg wirklich ist.
Er ist nicht nur eine Strecke zwischen einem Anfang und einem bekannten Ziel. Er besteht aus Entscheidungen, die wir treffen, während das Ziel verborgen bleibt. Er besteht aus dem, was wir tun, obwohl wir nicht wissen, ob es sich lohnen wird.
Man versucht im Leben einen Weg zu finden, ohne zu wissen, ob man jemals ankommt.
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe deshalb nicht darin, das Ziel schon zu kennen.
Vielleicht genügt es, so zu gehen, dass man unterwegs nicht sich selbst verliert. Dass man nicht gleichgültig wird. Dass man die Grenzen des eigenen Wissens anerkennt, ohne jede Hoffnung aufzugeben.
Und dass man die Menschen, die einem anvertraut sind, nicht vorschnell zurücklässt, nur weil ihr Weg für uns nicht mehr sichtbar ist.
Wir wissen nicht, ob wir ankommen.
Aber vielleicht entscheidet sich gerade in dieser Ungewissheit, wie wir gelebt haben.

Beitrag & Fotos: Rainer Nitzsche


Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

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