Die Stadt Ingolstadt ehrt Marieluise Fleißer mit einer besonderen Würdigung: Ein offizielles Signet am neu eingerichteten FrauenOrt weist ab sofort auf das außergewöhnliche Lebenswerk von Marieluise Fleißer hin. Damit wird ihr Wirken für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht und in den Fokus der regionalen Erinnerungskultur gerückt.
Bayerns Sozialministerin und Frauenbeauftragte Ulrike Scharf betont: „Mit dem Signet am FrauenOrt in Ingolstadt werden das Engagement und die Lebensleistung von Marieluise Fleißer auf besondere Weise gewürdigt. Die Plakette ist weit mehr als ein Symbol – sie macht Mut, Stärke und Tatkraft von Frauen im öffentlichen Raum sichtbar und zeigt: Frauen haben Bayern in allen Epochen entscheidend mitgeprägt. Sie haben Spuren hinterlassen – in Bayern und darüber hinaus. Die FrauenOrte tragen dazu bei, die Rolle von Frauen in der Gesellschaft sichtbarer zu machen.“
Der Ingolstädter Oberbürgermeister Dr. Michael Kern betont: „Marieluise Fleißer gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten unserer Stadt. Sie war nicht nur eine bedeutende Schriftstellerin, sondern auch eine außergewöhnlich selbstbewusste Frau ihrer Zeit. Mit ihrem scharfen Blick auf die Menschen und die Gesellschaft hat sie sich Gehör verschafft und Literaturgeschichte geschrieben. Deshalb freue ich mich sehr, dass die Plakette „FrauenOrt“ an ihrem Geburtshaus sichtbar an diese außergewöhnliche Schriftstellerin erinnert.“
Der FrauenOrt in Ingolstadt steht für das beeindruckende Wirken von Marieluise Fleißer, die in ihrer Zeit und darüber hinaus als Vorbild für Selbstbestimmung und respektvolles Miteinander gilt. Die feierliche Einweihung und das Anbringen des Signets machen ihre Geschichte für Bürgerinnen und Bürger greifbar und laden dazu ein, sich mit weiblichen Vorbildern auseinanderzusetzen.
Ministerin Scharf weiter: „Veränderung beginnt bei jeder und jedem von uns. Als Frauenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung sage ich: Gleichstellung bedeutet, alte Muster aufzubrechen und mutig neue Wege zu gehen. FrauenOrte stehen für starke Frauen, und sie stehen für eine Haltung, die heute aktueller denn je ist: Gestalten statt Zögern. Anpacken statt Abwarten. Auftreten statt Wegducken. Mein besonderer Dank gilt der Stadt Ingolstadt, die mit der Einweihung dieses FrauenOrtes ein deutliches Zeichen für Gleichberechtigung und Sichtbarkeit setzt.“
Der ausgezeichnete FrauenOrt in Ingolstadt ist Teil der landesweiten Initiative „FrauenOrte in Bayern“, die vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales ins Leben gerufen wurde. Die dazugehörige Online-Plattform präsentiert zahlreiche inspirierende Lebensgeschichten und macht das Wirken bedeutender Frauenpersönlichkeiten für alle erlebbar. Interessierte können auf der Website FrauenOrte die Wege dieser und vieler anderer Frauen verfolgen und sich über die historischen FrauenOrte in Bayern informieren.
Zur Person Marieluise Fleißer:
Als Schriftstellerin gelang Marieluise Fleißer in den 1920er Jahren der Durchbruch, obwohl in der Welt des Theaters Männer das Sagen hatten. Allerdings sorgten ihre drastischen Stücke für Skandale. Erst seit den 1970er Jahren findet die Autorin die Anerkennung, die sie wirklich verdient. 1920 zog Fleißer von ihrer Heimatstadt Ingolstadt nach München, um dort Theaterwissenschaft zu studieren. Ihr Leben lang legte sie in ihren Erzählungen und Theaterstücken menschliche Abgründe offen. Oft zeigten sich diese in den Beziehungen zwischen Mann und Frau und spiegelten auch, was die Schriftstellerin in jungen und mittleren Jahren selbst erlebt hatte.
Die Uraufführung ihres ersten Dramas „Die Fußwaschung“, das vom Theater kurz vor der Premiere in „Fegefeuer in Ingolstadt“ umbenannt wurde, bekam in Berlin großen Beifall. Doch in ihrer Heimatstadt galt sie von nun an als Nestbeschmutzerin. Dies wurde mit einem weiteren Stück, „Pioniere in Ingolstadt“, noch schlimmer. Der Skandal um das Stück zerstörte ihre Theaterkarriere. Trotz aller Schmähungen kehrte sie nach Ingolstadt zurück und heiratete 1935 den dortigen Tabakwarenhändler Bepp Haindl.
Da sie fortan in dessen Geschäft mitarbeiten musste, schrieb sie kaum noch. Trotzdem schaffte sie es, 1946 ihr auf Bairisch verfasstes Stück „Der starke Stamm“ zu vollenden. In den 1950er und 1960er Jahren entstanden weitere Texte. Die eigentliche Wende jedoch kam erst ab 1967: Die Schonungslosigkeit ihrer Werke inspirierte eine ganze Generation junger Theatermacher. Rainer Werner Fassbinder und Franz Xaver Kroetz verehrten Marieluise Fleißer, widmeten ihr Stücke und sorgten dafür, dass ihr Werk endlich wertgeschätzt wurde.
Bericht und Foto: Bayerisches Sozialministerium / Nötel, StMAS – Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf mit dem Ingolstädter Oberbürgermeister Dr. Michael Kern beim Enthüllen der Plakette am Marieluise-Fleißer-Haus.



