Ein naturnaher Garten mitten in einer modernen Wohnanlage: In der Auenstraße 23 bis 25 in Piding wurde die Außenanlage der Wohnbauwerk im Berchtesgadener Land GmbH im Rahmen einer Begehung für die Naturgarten-Zertifizierung begutachtet. Kreisfachberater Josef Stein vom Landratsamt Berchtesgadener Land und Landschaftsgärtnerin Kerstin Tusl überzeugten sich dabei von der artenreichen und nachhaltig angelegten Grünfläche.
Wohnbauwerk-Geschäftsführer Florian Brunner setzte mit dem Projekt bewusst auf naturnahe Gestaltung statt klassischer Ziergärten. „Ich wollte hier auf keinen Fall eine Friedhofshecke“, sagte Brunner. „Für mich war von Anfang an klar, dass wir hier heimische Bäume, Hecken, Blumen und Pflanzen verwenden.“
In der Wohnanlage in der Auen- und Lindenstraße entstanden aus ursprünglich 14 Wohnungen insgesamt 48 Wohneinheiten. Parallel dazu wurde in den vergangenen sieben Jahren Schritt für Schritt eine naturnahe Gartenlandschaft aufgebaut – mit heimischen Gehölzen, Obstbäumen, Beerensträuchern, Blühflächen und Rückzugsorten für Tiere und Insekten. Gemeinsam mit den Wohnungen in der anschließenden Lindenstraße sind es sogar 90 Wohneinheiten, die an die naturnahe Gartenanlage angrenzen.
Besonders hervorzuheben ist die sogenannte Biosphären-Blühwiese. Sie wurde mit regionalem Biosphären-Saatgut angelegt und bleibt weitgehend sich selbst überlassen. Die extensive Bewirtschaftung – zweimalige Maht im Juni/Juli und im Spätherbst mit Abtransport des Mähguts und ohne regelmäßiges Gießen oder intensive Pflege schafft wertvolle Lebensräume für zahlreiche Insektenarten. „Die meisten Wildbienen leben hier auf dieser trockenen und mageren Fläche, da stehts Blüten heimischer Kräuterarten verfügbar sind und der Großteil der Wildbienenarten in offenem Boden brüten“, erklärte Kerstin Tusl. „80 Prozent der Pflanzen in diesem naturnahen Garten sind heimische Arten. Das ist eine echte Besonderheit für ein Projekt dieser Größenordnung. Viele Insekten sind auf einzelne Pflanzenarten- oder -familien spezialisiert.“
Die Anlage der Flächen erfolgte kombiniert aus Staudenpflanzungen und Aussaat. Geduld sei dabei wichtig, erklärt Tusl: „Nach etwa zwei Jahren entfaltet sich die volle Blütenpracht. Danach ist deutlich weniger Pflege nötig.“ Die mageren Standorte seien bewusst geschaffen worden, da gerade diese für viele Wildbienenarten überlebenswichtig seien. Ist der Boden nährstoffreich, können konkurrenzstarke Gräser ihre Stärke ausspielen und verdrängen die blühenden „Hungerkünstler“. „50 Prozent der Wildbienen in Deutschland stehen auf der Roten Liste. Blühreiche Flächen verschwinden zunehmend. Hier in Piding wird aktiv versucht, neue Lebensräume zu schaffen.“
Auch Kreisfachberater Josef Stein lobte das Konzept der Wohnanlage: „Stauden und Blumen auf mageren Böden sind ökologisch immens wichtig und die ganz große Stärke hier in der Wohnanlage in der Auenstraße 23 bis 25 in Piding, da diese in unserer Kulturlandschaft extrem selten geworden sind. Besonders schön ist auch die variantenreiche Strauch- und Gehölzhecke.“
Neben ökologischen Aspekten spielt auch die Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner eine wichtige Rolle. Hochbeete für Salat und Gemüse wurden gemeinsam mit interessierten Mietern gebaut und werden eigenständig gepflegt und bewirtschaftet. „Wir haben eine Umfrage gestartet, wer Interesse an den Hochbeeten hat“, berichtete Florian Brunner. „15 Mieter haben sich gemeldet, sieben davon haben dann auch selbst mitgebaut.“ Für die Bewässerung wurde eine Regenwasser-Zisterne eingerichtet. Zusätzlich gibt es eine eigens angelegte Befüllungsstelle für Gießkannen. „Eine Mieterin kümmert sich regelmäßig um die Beerensträucher“, erzählt Kerstin Tusl. „Damit sie das Wasser nicht weit tragen muss, haben wir direkt eine Regenwasserstelle vorgesehen.“
Auch Unterkünfte für Nützlinge und Vögel wurden integriert. Gleichzeitig hofft Brunner, dass sich die gemeinschaftlichen Flächen künftig noch stärker als Treffpunkt etablieren: „Ziel ist es, dass die Mieter hier zusammenkommen, es soll kein ungenutztes Abstandsgrün werden, wie es in vielen Wohnanlagen der Fall ist. Es gibt Sitzgelegenheiten zum Ratschen, Garteln und Verweilen – vielleicht entwickelt sich das mit der Zeit noch stärker.“ Auf die Möglichkeit der Naturgarten-Zertifizierung wurde Brunner durch einen Social-Media-Beitrag des Landratsamts aufmerksam. „Ich habe mir die Kriterien angesehen und festgestellt, dass wir bereits vieles davon umsetzen. Nach sieben Jahren Arbeit war für uns jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, an der Zertifizierung teilzunehmen und das Engagement auch sichtbar nach außen zu tragen.“
Das Projekt zeigt, wie naturnahe Gartengestaltung auch im Wohnbau funktionieren kann – ökologisch wertvoll, nachhaltig und gleichzeitig lebensnah für die Bewohnerinnen und Bewohner. Die Verantwortlichen hoffen, dass die Anlage in Piding auch andere Gartenbesitzer motiviert, bei der Gestaltung ihrer Gärten stärker auf heimische Pflanzen, Artenvielfalt und naturnahe Lebensräume zu setzen.
Zur Naturgarten-Zertifizierung des Landkreis Berchtesgadener Land:
Mit der Einhaltung der Muss-Kriterien – etwa dem Verzicht auf synthetische Dünger und Pestizide – sowie dem Erfüllen möglichst vieler Kann-Kriterien wie standortgerechter Gehölzwahl, Kompostierung oder dem Zulassen von Wildkraut, kann jeder Garten im Berchtesgadener Land zu einem wertvollen Refugium für Pflanzen und Tiere werden. Wer seinen Beitrag zur Artenvielfalt sichtbar machen möchte, lässt seinen Garten nach diesen Kriterien prüfen und bewirbt sich um die Naturgarten-Zertifizierung – als Anerkennung für gelebten Naturschutz vor der eigenen Haustür. Die Größe des Gartens spielt dabei keine Rolle. Wer Teil der Naturgartenbewegung sein will, zeigt das durch die begehrte Naturgarten-Plakette, die mit der Erfüllung des Kriterienbogens bei einer Begehung von geschulten Naturgartlern verliehen wird.
Interessierte Gartenbesitzer können sich ab sofort anmelden. Für eine erfolgreiche Zertifizierung fallen Aufwandspauschalen in Höhe von 40,00 € für Gartenbauvereins-Mitglieder an. Für Nicht-Gartenbauvereinsmitglieder fallen Kosten in Höhe von 80,00 € an.
Weitere Informationen erhalten Interessierte beim Kreisfachberater für Gartenbau und Landschaftspflege, Sepp Stein unter josef.stein@lra-bgl.de oder +49 8651 773-853.
Bericht und Bilder: LRA BGL
– l. Florian Brunner, Geschäftsführer Wohnbauwerk im BGL GmbH; Kerstin Tusl, Landschaftsgärtnerin und Josef Stein, Kreisgartenfachberater vom Landratsamt Berchtesgadener Land
– Wildbiene auf Obstbaum-Blüte





