Nach 24 Jahren endet am Donnerstag Georg Hubers Amtszeit als Bürgermeister der Gemeinde Samerberg. Ein Gespräch über Abschied, Verantwortung, Krisen, Heimat – und die Kunst, nach Konflikten am nächsten Tag wieder freundlich zu grüßen.

Georg Huber, seit 2002 Erster Bürgermeister der Gemeinde Samerberg, beendet am Donnerstag nach 24 Jahren seine Amtszeit. Im Rückblick spricht er über prägende Projekte, schwierige Entscheidungen, den Wandel des Bürgermeisteramtes – und über den Abschied von einer Aufgabe, die ihn über fast ein Vierteljahrhundert begleitet hat.

Samerberg – Es sind die letzten Tage im Amt, aber von Leerlauf kann keine Rede sein. Auf dem Schreibtisch von Georg Huber liegt noch immer Alltagsgeschäft, Termine stehen an, Entscheidungen sind zu treffen. Nach 24 Jahren als Erster Bürgermeister der Gemeinde Samerberg endet am Donnerstag seine Amtszeit. Wer erwartet, dass einer in dieser Lage nur zurückblickt, wird eines Besseren belehrt. Huber wirkt nicht entrückt, nicht überhöht, nicht sentimental. Eher so, wie man ihn in den vergangenen Jahrzehnten kennengelernt hat: nüchtern, bodenständig, mit einer Mischung aus Pragmatismus, Heimatverbundenheit und trockenem Realitätssinn.

24 Jahre Bürgermeisteramt sind auch 24 Jahre Familiengeschichte. Dieses Archivbild zeigt Georg und Claudia Huber mit ihren Kindern Marinus und Sophia in früheren Jahren – zu einer Zeit, als die lange Amtszeit noch vor ihnen lag.

Natürlich sei Emotion dabei, sagt er. „Manchmal auch eine gewisse Gefühlsunsicherheit: Was war? Was kommt?“ Doch zugleich sei noch so viel zu tun, dass er oft gar nicht zum Nachdenken komme. „Aber mir geht es gut.“ Der Abschied, sagt Huber, fühle sich nach einem guten Zeitpunkt an. Dass viele Menschen bedauern, dass er gehe, empfinde er als schönes Gefühl – und auch als Genugtuung. „Es zeigt einem, dass man dieses Amt offenbar einigermaßen gut erfüllt hat.“

Zwölf Jahre vor dem Abschied: Georg und Claudia Huber mit Marinus und Sophia vor der vertrauten Samerberger Heimatkulisse. Während im Rathaus viele Entscheidungen anstanden, wuchsen die Kinder heran – und die Familie trug die öffentliche Aufgabe über all die Jahre mit.

Als Georg Huber im März 2002 zum Bürgermeister gewählt wurde, wusste er nicht, worauf er sich einließ. Der Moment, als sein Vorgänger ihm am Wahlabend gratulierte, ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben. „Was man zu diesem Zeitpunkt nicht weiß – und das ist wahrscheinlich auch gut so –, ist: Worauf lässt man sich eigentlich ein?“ Vielleicht sei es ein Glück, dass man nicht in die Zukunft schauen könne. „Sonst würde man manches vielleicht gar nicht wagen.“

Wie lang 24 Jahre sind, lässt sich an Sitzungsprotokollen, Bauprojekten und Wahlperioden messen. Noch anschaulicher wird es aber an Familienbildern. Als Georg Huber Bürgermeister wurde, waren seine Kinder noch klein. Heute sind Sophia und Marinus erwachsen.

Georg Huber mit Ehefrau Claudia, Tochter Sophia und Sohn Marinus heute. Zum Ende seiner 24-jährigen Amtszeit betont der scheidende Bürgermeister besonders den Rückhalt seiner Familie: Ohne das Mittragen im privaten Bereich sei ein solches Amt über so viele Jahre kaum möglich.

Wie lang 24 Jahre sind, lässt sich an Sitzungsprotokollen, Bauprojekten und Wahlperioden messen. Noch anschaulicher wird es aber an Familienbildern. Als Georg Huber Bürgermeister wurde, waren seine Kinder noch klein. Heute sind Sophia und Marinus erwachsen. Zwischen diesen Bildern liegt beinahe ein Vierteljahrhundert kommunaler Verantwortung – und ein Familienleben, das diese Aufgabe im Hintergrund mitgetragen hat.

Sophia und Marinus Huber sind während der Amtszeit ihres Vaters erwachsen geworden. Das Bild schließt den familiären Zeitbogen: Aus den Kindern der frühen Bürgermeisterjahre sind junge Erwachsene geworden – begleitet von einer Amtszeit, die auch das Familienleben über 24 Jahre geprägt hat.

In diesen 24 Jahren hat sich der Samerberg verändert – und mit ihm das Amt des Bürgermeisters. Huber spricht von Digitalisierung, von wachsender Bürokratie, von schnelleren Kommunikationswegen und einer Gesellschaft, die individueller geworden sei. Früher habe es zwischen Bürgern und Gemeinde noch eine Art Puffer gegeben. Heute sei der Bürgermeister über Handy, E-Mail, soziale Medien oder WhatsApp nahezu in Echtzeit erreichbar. „Die Knautschzone von früher gibt es nicht mehr.“ Das sei in einer kleinen Gemeinde einerseits schön, weil Nähe dazugehöre. Andererseits sei es auch anstrengend.

Das Naturbad Samerberg gehört zu den sichtbaren Spuren der Amtszeit von Georg Huber. Im Rückblick nennt der scheidende Bürgermeister den Umbau des Schwimmbads als eines jener Projekte, die bleiben – nicht als Denkmal, sondern als Ort, an dem sich Lebensqualität, Landschaft und Gemeindearbeit verbinden.

Auch die Erwartungen seien gestiegen. Bürger seien anspruchsvoller und ungeduldiger geworden. Es müsse vieles sofort funktionieren – und möglichst so, wie der Einzelne es gerne hätte. Gleichzeitig wachse die Bürokratie. „Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine E-Mail von irgendeiner übergeordneten Behörde kommt, was wieder neu zu beachten, auszufüllen oder zu dokumentieren ist.“ Für ein kleines Rathaus sei das schwierig, weil dort nicht für jedes Thema Spezialisten bereitstünden. „Bei uns muss fast jeder alles machen.“

Wenn Huber auf seine Amtszeit zurückblickt, nennt er keine einzelne Großtat. Er spricht vom Alltag eines Bürgermeisters, der ohnehin ausfüllend sei. Doch natürlich bleiben große Projekte: der Umbau des Schwimmbads, die Übernahme und Sanierung der Hochriesbahn, neue Betreuungsangebote von der Grundschule bis zur Kinderkrippe, Kindergarten, Musikschule, Feuerwehrhäuser sowie die Dorfplätze in Roßholzen und Törwang. „Die sichtbaren Dinge bleiben natürlich farbiger in Erinnerung.“

Nicht jedes Projekt war von Anfang an unumstritten. Besonders die Hochriesbahn verlangte politische Standfestigkeit: Bürgerentscheid, finanzielle Risiken und Zweifel begleiteten den Weg. Heute gehört ihr Erhalt zu jenen Entscheidungen, die weit über eine Amtsperiode hinauswirken.

Die Hochriesbahn steht wie kaum ein anderes Projekt für Mut, Risiko und kommunalpolitische Verantwortung in der Amtszeit von Georg Huber. Was einst umstritten war und den Samerberg zeitweise spaltete, ist heute ein fester Bestandteil des Tourismus und der Identität der Gemeinde. Im Rückblick sagt Huber schlicht: „Die Bahn fährt noch.“

Schon 2003 und 2004 hatte das Thema den Samerberg gespalten, bis hin zu einem Bürgerentscheid. Später folgte die Übernahme der Bahn durch Gemeinde und den Alpenverein Sektion Rosenheim. Damals sei nicht sicher gewesen, ob das gutgehen würde. Heute sagt Huber knapp: „Die Bahn fährt noch.“ Und sie schreibe schwarze Zahlen. „Das ist schon ein großer Erfolg.“
Nicht alles sei gelungen, sagt er offen. Verkehrsprobleme an stark frequentierten Tagen, schwierige Grundstücksfragen, offene Themen für die Zukunft – all das bleibe. „Man muss ja für die nächste Generation und für meine Nachfolgerin auch noch ein paar Aufgaben übrig lassen.“ Die Belastung durch Verkehr sei zwar zeitlich begrenzt, aber spürbar. Größer noch sieht Huber den Druck auf den Baugrund. Es gehe darum, eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen, ohne den Charakter der Gemeinde zu verlieren.

Kein künstlich inszeniertes Idyll, sondern gewachsene Heimat: So beschreibt Georg Huber den Samerberg mit seinen Dörfern, Kirchen, Wiesen und Bergen. Diese Landschaft, sagt der scheidende Bürgermeister, sei das große Kapital der Gemeinde.

Der Samerberg, wie Huber ihn beschreibt, ist kein künstlich inszeniertes Idyll. Er spricht von einer eher konservativen Gemeinde, abseits des großen Rummels, mit Landschaft, Dörfern und einem „ungekünstelten Oberbayern“ als großem Kapital. „Das Schöne ist: Es ist bei uns nicht an die Wand gepinselt und künstlich erzeugt, sondern ziemlich authentisch.“ Die Menschen lebten vieles tatsächlich so, wie es in Büchern beschrieben werde. Manchmal sei es in einem Hochtal auch eng, räumt er ein. Umso wichtiger sei der Blick über den Tellerrand. „Aber wenn man zurückkommt, spürt man schon: Es ist eine Gnade, an so einem Fleck leben zu dürfen.“
Zu den schwierigsten Phasen seiner Amtszeit zählt Huber eine schwere Krankheit im Jahr 2003, als er mehrere Monate ausfiel. Damals sei nicht klar gewesen, ob er das Amt wieder ausüben könne. Auch die Corona-Zeit habe sich tief eingeprägt. Er selbst war im März 2020 früh betroffen. „Da war eine große Unsicherheit im privaten Umfeld, im Arbeitsumfeld, in der ganzen Gemeinde.“ Niemand habe zu Beginn geahnt, welches Ausmaß die Pandemie annehmen würde.
Ein Bürgermeister in einer kleinen Gemeinde muss nicht nur verwalten, sondern aushalten. Kritik gehört dazu. Entscheidend sei, nicht nachtragend zu werden. Auch wenn man mit jemandem im Streit auseinandergehe, müsse man ihm später auf dem Dorfplatz oder beim Einkaufen wieder freundlich begegnen können. „Das muss man sich antrainieren.“ Jeder Bürger müsse den gleichen Zugang, die gleichen Chancen und das gleiche Recht haben.

Roswitha Estermann, Vorsitzende des Tourismusvereins Samerberg, überreicht Georg Huber ein Zeichen des Dankes für seinen langjährigen Einsatz als Erster Bürgermeister. Seine 24-jährige Amtszeit war auch für Tourismus und Erholung am Samerberg von wichtigen Entscheidungen und sichtbaren Projekten geprägt.

Gute Kommunalpolitik, sagt Huber, funktioniere nicht nach Patentrezept. Jede Kommune sei anders. Wichtig sei ein Grundvertrauen zwischen Bürgermeister und Gemeinderat. Darauf ist Huber besonders stolz. In den vergangenen Jahren habe es über Fraktionsgrenzen hinweg viel Konsens gegeben, viele einstimmige Beschlüsse und auch bei schwierigen Themen tragfähige Mehrheiten. „Kommunalpolitik funktioniert, wenn man überparteilich nach guten Lösungen sucht.“ Es gehe um Teamwork – und darum, dass alle am Tisch spürten, Teil des Ganzen zu sein.

Gemeinde lebt nicht nur im Rathaus: Georg Huber mit Diakon Günter Schmitzberger, dem Leiter der Pfarrei. Der gute Kontakt zur Kirche gehörte ebenso zu Hubers Amtsverständnis wie die Zusammenarbeit mit Vereinen, Ehrenamtlichen und örtlichen Einrichtungen.

Was das Amt mit ihm persönlich gemacht hat? „Man wächst mit dem Amt“, sagt Huber. Man werde erfahrener, lerne Menschen von sehr unterschiedlichen Seiten kennen, erfahre Dinge, die man manchmal gar nicht wissen wolle. Vielleicht werde man in manchen Fragen härter, in anderen reicher an Erfahrung. Negativ verändert habe ihn das Amt hoffentlich nicht. Aber unverändert lasse einen eine solche Aufgabe nicht.

Nicht nur große Projekte prägten die Amtszeit von Georg Huber, sondern auch viele persönliche Begegnungen in der Gemeinde. Gemeinsam mit Diakon Günter Schmitzberger gratulierte er Xari Stadler aus Grainbach zum 100. Geburtstag – ein Beispiel für die menschliche Nähe, die zum Bürgermeisteramt auf dem Samerberg gehört.

Seiner Nachfolgerin wünscht Huber einen guten Start und eine gute Amtszeit. Mit Ratschlägen hält er sich bewusst zurück. Bewahrt werden müsse vor allem das, was den Samerberg ausmache: die Landschaft, die Eigenheit, der Charakter der Gemeinde. Gleichzeitig dürfe eine Gemeinde nicht stehen bleiben. „Heimat bewahren, Zukunft gestalten“ – das klinge zwar wie ein Satz von Wahlplakaten, treffe aber dennoch etwas. Heimat sei nicht nur der Ort, an dem man wohne. Heimat sei der Ort, den man gernhabe. Bewahren heiße behüten und sichern. Zukunft gestalten heiße, Infrastruktur, Kinderbetreuung, Straßen, Breitband, Mobilfunk und viele Pflichtaufgaben weiterzuentwickeln. Entscheidend sei aber die Gegenwart: „Die Vergangenheit zeigt, was positiv war. Die Zukunft zeigt, wo man hinwill. Und daraus ergibt sich, was man heute tun muss.“

Schon lange vor seiner Wahl zum Bürgermeister war Georg Huber öffentlich präsent: Beim Start des Rosenheimer Lokalrundfunks Radio Charivari am 8. Mai 1989 gehörte er als Sport-Journalist und Eishockeyexperte zum Team. Der Zeitungsausschnitt zeigt eine frühe berufliche Station – und eine Seite Hubers, die gut zu seinem späteren Amt passte: nah an den Menschen, sprachgewandt und mitten im regionalen Geschehen.

Dankbar ist Huber vor allem den Menschen, die ihn unterstützt haben: den Mitarbeitenden im Rathaus, den Ehrenamtlichen, den Vereinen, den Partnern der Gemeinde – und seiner Familie. Ohne Rückendeckung im privaten Bereich gehe ein solches Amt nicht.
Und nach dem letzten Arbeitstag? Der Terminkalender werde sich verändern. Es werde angenehm sein, abends nicht mehr so oft wegzumüssen. Vielleicht werde ihm genau das aber auch fehlen. „Ich muss es ausprobieren.“ Auf mehr Zeit mit der Familie freue er sich. Für ein klassisches Rentnerdasein fühle er sich aber noch zu jung. Er könne sich vorstellen, mit seiner Erfahrung auch künftig bei Projekten mitzuhelfen.
Ein Denkmal für seine Amtszeit braucht Georg Huber nicht. „Ich brauche keine Straße, die nach mir benannt wird.“ Er habe seine Rolle erfüllt, sagt er. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Wenn sich die Menschen positiv an diese Zeit erinnerten, „dann ist das Genugtuung genug“.
Am Ende bleibt ein Satz, der diesen Abschied vielleicht am besten beschreibt: „Ich scheide in Frieden aus diesem Amt aus.“

Beitrag & Fotos: Rainer Nitzsche, sowie Archivaufnahmen

 

 

 

 

 


Redaktion

Rainer Nitzsche

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