Bad Reichenhall. Im zweiten Konzert des Orgelsommers stellte Gastgeberin und Kirchenmusikerin Julie Pinsonneault Matthias Roth vor. Der ist Dekanatskantor an der Evangelischen Stadtkirche und stellvertretender Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und freute sich, dass es in der Stadt vielle Orgeln gibt, die es zu entdecken gilt. Er stellte „ein kontrastreiches Programm auf der Mathis-Orgel in Aussicht – von Buxtehude und dem Barock des hohen Nordens über Georg Friedrich Händel bis zu modernen Komponisten, wie Pietro Alessandro Yon (1886-1943) und Denis Bédard (*1950).
Die Toccata d-moll von Dieterich Buxtehude beginnt improvisatorisch mit Arpeggien und Tonskalen – strukturell ähnlich der Einleitung von Johann S. Bachs Toccata in d-moll – entwickelt sich aber dann anders weiter. Virtuose Passagen im Präludium, Registerwechsel mit einer tänzerischen Partie, die in zwei Fugen überleitet, dramatische Harmonien, sowie nach inventionsartiger und dialogischer Kontrapunktik ein freudig-jubelnder Schluss, der im Bass etwas verändert wiederholt und wie eine Kadenz zu Ende geführt wird – mit allen diesen gattungsspezifischen Elementen stellte Matthias Roth die Königin der Instrumente und ihre Klangmöglichkeiten vor.
Wie zur Bestätigung der barocken Grundlage für alle weiteren Komponisten in der Musikgeschichte folgte Georg Friedrich Händels Konzert in F-Dur für konzertante Orgel und Orchester. Roth spielte es in der Fassung, in der die Solo-Orgel auch die Tutti des Orchesters übernimmt. Die unterschiedlichen Charaktere der vier Sätze – Larghetto, das fröhliche Allegro mit seinen variationsreichen Themen in der Durchführung, die wiegende „Siciliana“ im pastoralen 12/8-Takt und das tänzerisch-schwungvolle Finale im Presto – erzählten in Roths Interpretation eine Geschichte, die verschiedene Gemütszustände entdecken ließ.
Die „Toccatina for Flute“ ist ein kurzes Stück für Orgel, nicht für die Flöte – Matthias Roth nannte es einen Gag – und wurde 1918 von Pietro Alessandro Yon komponiert. Der gesamte Hauptteil des Stücks wird auf einem einzigen Manual mit nur einem einzigen 8-Fuß-Flötenregister gespielt. Es ist ein flinkes, verspieltes Stück im leisen Sechzehntel-Muster und imitiert den charmanten, fast mechanischen Klang einer alten, einfachen Pfeifenorgel – mit einem augenzwinkernden Schluss.
Der Kontrast zwischen Barock und Moderne, der zugleich die musikgeschichtliche Entwicklung aufzeigt, wurde im letzten Werk der Matinée bekräftigt: Es trägt den Titel „Contrastes“ und stammt von dem Kanadier Denis Bédard. Damit wollte Roth sicherlich seiner Kollegin Julie Pinsonneault aus Kanada musikalisch seine Referenz erweisen.
Die Kontraste, die im Titel angekündigt werden, zeigten sich im Wechselspiel zwischen lyrischer Ruhe, virtuoser Bewegung und humorvoller Leichtigkeit in den sechs Sätzen und dem starken Wechsel in den musikalischen Parametern, sowie in den damit erzeugten Stimmungen menschlicher Befindlichkeiten. Leise und zurückhaltend begann die „Aria“, auf die die majestätische „Fanfare“ folgte. Eine getragene Choralmelodie im dritten Satz leitete über zu einem meditativen Gebet („Oraison“), dessen flehende Melodie diejenige der „Aria“ variiert aufnahm. Wie durch dieses Gebet emotional gestärkt, erklang die „Humoreske“ in einem tänzerischen 4/4-Takt und steigerte sich in der „Tarantelle“, einem wilden, mittelalterlichen Tanz im 6/8-Takt, der auch im Orgelsatz rasant hüpfende Tanzpaare evozierte.
Mit herzlichem Applaus dankte das Publikum Matthias Roth für eine ebenso virtuose wie abwechslungsreiche Matinée, die die klangliche Vielfalt der Orgel eindrucksvoll erlebbar machte und die Entwicklung der Orgelliteratur kurzweilig nachzeichnete.
Das nächste Konzert im Orgelsommer in der Pfarrkirche St. Nikolaus findet am Samstag, den 18. Juli um 11 Uhr mit Martina Jakob aus dem Pfarrverband Anger-Aufham-Piding statt.
Bericht und Fotos: Brigitte Janoschka
Stellt Matthias Roth vor: Gastgeberin Julie Pinsonneault.
Gibt Orgelkonzert mit Referenz an seine Kollegin aus Kanada: Matthias Roth.



