Kultur

„Der Fremde“ bei Salzburger Kammerspielen

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Bühnenadaptionen von Romanen bergen ein Risiko: Gelingt die Umsetzung eines Erzähltextes, den Leser als individuelles „Kopfkino“ erleben, in ein Bühnenstück, das alles auf eine einzige Lesart – die des Regisseurs – reduziert? Wie werden Innenperspektive und Erzähler-Kommentare auf die Bühne gebracht? Das Salzburger Landestheater präsentiert in den Kammerspielen Albert Camus‘ 1942 erschienenen Roman „Der Fremde“ (L’Étranger) in der Bühnenfassung von Murat Dikenci, der auch Regie führt.

Die Inszenierung kommt mit drei Akteuren aus: Matthias Hermann und Naomi Kneip fungieren in Mehrfachrollen, während Maximilian Paier den Protagonisten Meursault darstellt. Der Handlungsort – die Hauptstadt Algeriens, das zur Handlungszeit (1930er Jahre) französische Kolonie war – wird durch Florence Schreibers originelle Kostüme angedeutet; unaufdringlich vereinen sie maghrebinische Elemente mit europäischen. Ihr minimalistisches Bühnenbild verzichtet auf visuelle Effekte und lässt Spielraum für Fantasie. Mobile, gitterartige Metallelemente suggerieren Wohnräume, Pflegeheim, Kaimauer, Gefängniszelle und Gerichtssaal. Das reicht aus, um das Gefangensein der Figuren in der (von Camus postulierten) Absurdität ihrer Existenz zu symbolisieren.

Lukas Grundmanns Sound-Design kreiert eine überwiegend bedrückende Stimmung, aufgelockert durch den Klang von Oud und arabischer Flöte. Das Innenleben Meursaults wird in Monologen nach außen gekehrt, Dialoge treiben die Handlung voran. Maximilian Paier verkörpert Camus‘ Anti-Helden authentisch, ob im Gespräch mit seiner Geliebten Marie, in provozierenden Kreuzverhören mit Untersuchungsrichterin und Staatsanwältin, in enervierenden Auseinandersetzungen mit Pflichtverteidiger und Gefängnisgeistlichem oder in der fatalen Interaktion mit dem Nachbarn Raymond. Wandelbar und glaubhaft schlüpfen Matthias Hermann und Naomi Kneip in die unterschiedlichen Rollen.

Dem Ensemble gelingt es Camus‘ düstere Geschichte in gut anderthalb Stunden überzeugend in den Zuschauerraum zu bringen. Meursaults beharrliche Indifferenz wirkt nicht quälend, sondern konsequent. Sein stoischer Protest gegen Spießermoral und religiöse Heuchelei kippt nur im Gespräch mit dem Gefängnisgeistlichen: Maximilian Paier lässt ihn Wut, Ekel, aber auch Angst herausschreien. Ein herausragender Moment!

Meursault ist ein Einzelgänger, der „zufällig“ zum Mörder wird. Auf der Messerklinge eines Arabers, von dem er sich bedroht fühlt, spiegelt sich gleißendes Sonnenlicht, das ihn irritiert. Er erschießt den Mann und feuert auf den leblos am Boden Liegenden vier weitere Schüsse ab. Eine absurde Tat. Alles, was ihm zum Tatmotiv einfällt, ist der Satz: „Es war wegen der Sonne.“ („C’était à cause du soleil.“) Das verstört die Vertreter der Justiz. Man verurteilt ihn zum Tode, wobei er eher für seine ostentative Emotionslosigkeit denn für die Tat selbst bestraft werden soll. Meursault aber ist nicht Raskolnikoff, der Strafe als „Sühne“ überhöht. Camus teilt nicht Dostojewskis Religiosität. Seine Philosophie: Gegen das Absurde kann man sich „auflehnen“, indem man es akzeptiert; erst dann ist man frei.

Vom Premierenpublikum enthusiastisch aufgenommen, läuft das Stück bis einschließlich 7. Mai.

Text: Helmut Rieger  –  Foto: Salzburger Landestheater (Christian Krautzberger)  – War es wirklich nur wegen der Sonne? Der wegen Mordes angeklagte Meursault (Maximilan Paier, Mitte) stößt bei Staatsanwältin (Noami Kneip) und Pflichtverteidiger (Matthias Hermann) auf Unverständnis. 

 



Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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