Wie sieht Heimat aus, wenn man Orte gesehen hat, an denen Herkunft verlorengegangen ist?
Es gibt Erlebnisse, über die man lange nicht spricht. Nicht, weil sie unwichtig wären. Im Gegenteil. Man spricht gerade deshalb nicht darüber, weil sie zu groß sind, zu fremd, zu schwer übersetzbar in die Sprache des Alltags. Man ahnt, dass man missverstanden werden könnte. Dass andere nur Armut hören, wo man Würde meint. Dass sie Mitleid empfinden, wo man eigentlich von Stärke erzählen möchte. Oder dass sie sich angeklagt fühlen, obwohl man gar nicht anklagen will.
Über meine Zeit in Indien habe ich in Deutschland nur selten gesprochen. Auch Fotos aus dieser Zeit habe ich kaum veröffentlicht. Nicht, weil ich sie verstecken wollte. Sondern weil ich oft das Gefühl hatte, dass hier in Oberbayern die Einfühlung dafür fehlt. Nicht aus bösem Willen. Eher, weil die Welten zu weit auseinanderliegen.
Wer in Oberbayern aufwächst, zwischen Familie, Dorf, Verein, Schule, Kirche, Musik, Festen, Dialekt, Tracht und vertrauten Gesichtern, der kann kaum ermessen, was das bedeutet. Man nimmt es hin wie die Luft, die man atmet. Man muss nicht jeden Tag darüber nachdenken, dass man dazugehört. Man gehört einfach dazu.
Vielleicht ist genau das eine der größten Gnaden des Lebens.
Als ich vor rund fünfzehn Jahren aus Indien nach Deutschland zurückkehrte, geschah das nicht aus einer romantischen Sehnsucht nach Heimat. Mein Vater war schwer erkrankt, und ich kam zurück, um ihm zu helfen. Diese Rückkehr war also keine unbeschwerte Heimkehr, sondern verbunden mit Sorge, Verantwortung und einer inneren Zerrissenheit. Ich kam aus einer Welt zurück, die mir vieles gezeigt hatte, was ich vorher nicht gesehen hatte. Und ich kam in eine Welt zurück, die mir plötzlich vertraut und fremd zugleich erschien.
In Chennai hatte ich u.a. in einem großen Kinderheim gearbeitet. Dort lebten über 1500 Kinder. Viele von ihnen waren als Säuglinge oder Kleinkinder ausgesetzt worden, auf Straßen, an öffentlichen Orten, manchmal dort, wo ein Kind eigentlich nicht liegen sollte. Es wäre falsch und ungerecht, dieses Heim nur als Ort des Elends zu beschreiben. Für indische Verhältnisse hatten diese Kinder dort eine sichere Zukunft. Sie bekamen Nahrung, Betreuung, Schulbildung und später auch Ausbildung. Viele von ihnen hatten dadurch gute Chancen auf ein eigenes Leben. Mit Volljährigkeit fanden sie nicht selten leichter Partner, weil sie gut ausgebildet waren und eine Zukunftsperspektive hatten.
Die Kinder schliefen auf dem Fußboden. Für mein europäisches Empfinden war das zunächst schwer einzuordnen. Aber dort war es nicht automatisch ein Zeichen von Vernachlässigung. Es war Teil einer anderen Lebenswirklichkeit. Sie waren versorgt. Sie hatten Struktur. Sie hatten Erwachsene, die sich kümmerten. Sie hatten Essen, Schule, Ausbildung und eine Gemeinschaft.
Und doch fehlte ihnen etwas, das man nicht einfach durch Fürsorge ersetzen kann: Herkunft.
Mit Beginn der Pubertät stellten viele dieser Kinder Fragen, auf die niemand eine Antwort geben konnte. Wer sind meine Eltern? Woher komme ich? Wem sehe ich ähnlich? Warum wurde ich weggegeben? Gibt es irgendwo eine Mutter, einen Vater, Geschwister, Großeltern? Gibt es einen Namen, der zu mir gehört, bevor ich hierherkam?
Oft gab es darauf keine Antwort.

Kinderheim in Chennai, Süd-Indien
Viele dieser Kinder waren nicht aus Hass ausgesetzt worden. Das ist wichtig. Hinter solchen Geschichten stehen häufig Not, Gewalt, Armut, soziale Ausweglosigkeit oder Mütter, die selbst Opfer schwerer Lebensumstände waren. Manchmal wussten Frauen kaum, wie ihnen geschah. Manchmal waren Schwangerschaften die Folge von Gewalt. Manchmal war ein Kind in einer bestimmten Situation nicht überlebensfähig innerhalb der Familie, der Gesellschaft, der Armut. Das alles macht die Aussetzung nicht weniger schmerzhaft. Aber es bewahrt davor, vorschnell zu verurteilen.
Für die Kinder blieb dennoch eine Leerstelle. Nicht unbedingt im täglichen Leben, nicht bei jeder Mahlzeit, nicht in jedem Unterricht, nicht beim Spielen. Aber später, wenn die Frage nach der eigenen Identität aufbrach. Wenn andere Kinder eine Familie, einen Namen, eine Herkunft erzählen konnten. Wenn das eigene Leben nicht mit einer Erzählung begann, sondern mit einem Schweigen.
In Indien habe ich noch einen anderen Ort erlebt, der mich geprägt hat: ein Fischerdorf in Südindien, das nach dem großen Tsunami verschwunden war. Das Meer hatte nicht nur Häuser beschädigt. Es hatte ein Dorf genommen. Über 200 Häuser waren fort. Mit ihnen verschwanden Wege, Plätze, Erinnerungen, Alltagsorte, die Ordnung eines gewachsenen Dorflebens. Später wurde dieses Dorf mit deutscher Wiederaufbauhilfe neu errichtet, etwas weiter im sicheren Landesinneren. Neue Häuser entstanden, eine neue Schule, eine Tsunami-Sicherheitsplattform, neue Wege, neue Strukturen. Nach Jahren kehrte wieder Leben zurück.
Ich habe dieses neue Dorfleben dokumentiert. Kinder, Familien, Alltag. Und doch lag über allem dieses Wissen: Dieser Ort war nicht einfach gewachsen. Er war nach einer Katastrophe neu zusammengesetzt worden. Die Menschen hatten eine Zukunft bekommen. Aber ihr alter Ort lag im Meer.
Ein Dorf, das seine alte Gestalt verloren hatte. Kinder, denen ihre Herkunft fehlte. Menschen, die weitermachten, weil Leben immer weitergehen muss.
Mit diesen Bildern kam ich zurück nach Deutschland.
Und dann stand ich auf dem Marktplatz von Neubeuern.
Der Anlass war ein Zufall. Ich war nicht als Journalist dort, sondern einfach mit meiner Leica-Kamera. Der Veranstalter sah mich und sprach mich an. Wer eine Leica trage, der könne wohl auch fotografieren, meinte er sinngemäß. Außerdem habe man für eine Trachtenvorstellung den Fotografen vergessen. Ob ich nicht einspringen könne.
Ich sagte zu.
Damals wusste ich nicht, dass dieser Moment der Beginn meiner journalistischen Tätigkeit werden würde. Aus einer spontanen Bitte wurde ein erster Einsatz. Aus diesem ersten Einsatz wurde ein Weg. Und dieser Weg führt bis heute durch die Region, durch Vereine, Feste, Prozessionen, Märkte, Konzerte, politische Ereignisse, Schulveranstaltungen, Brauchtum und Menschen.
Doch an diesem ersten Tag auf dem Neubeurer Trachten- und Handwerkermarkt sah ich nicht nur eine Veranstaltung. Ich sah einen Kontrast, den ich kaum in Worte fassen konnte.
Vor mir standen Kinder in Tracht. Mädchen in Dirndln, Buben in Lederhosen. Sauber gekleidet, liebevoll hergerichtet, eingebunden in eine Gruppe, in einen Verein, in eine Familie, in ein Dorf, in eine Geschichte. Da waren Musikanten, Vereinsfahnen, stolze Eltern, Großeltern, Applaus, eine Bühne, ein historischer Marktplatz, ein Schloss im Hintergrund. Die Kinder trugen Gewänder, die wertvoll waren, gepflegt, teuer, voller Bedeutung und Details.
Ich kam aus einer Welt, in der ein einfaches T-Shirt zum Geburtstag ein besonderes Geschenk sein konnte.
Der Leiter des Kinderheims in Chennai war froh, wenn es gelang, jedem Kind zum Geburtstag ein T-Shirt zu schenken. Nicht als modische Aufmerksamkeit neben vielen anderen Dingen. Sondern als Zeichen: Du bist gemeint. Heute ist dein Tag. Du bist nicht vergessen.
Und nun sah ich Kinder in Oberbayern, denen ihre Herkunft sichtbar angezogen wurde.
Das ist ein Satz, der mich bis heute begleitet: In Chennai hatten viele Kinder Zukunft, aber keine Herkunft. In Neubeuern sah ich Kinder, denen Herkunft sichtbar angezogen wurde.
Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Es ist auch kein Vergleich, der die einen erhöhen und die anderen herabsetzen soll. Es ist vielmehr der Versuch, einen inneren Abstand zu beschreiben. Einen Abstand, der so groß war, dass er zunächst fast unwirklich erschien.
Ich hatte das Gefühl, in einem Heimatfilm der Vergangenheit gelandet zu sein. Alles war da: Marktplatz, Tracht, Musik, Kinder, alte Häuser, Kirche, Feststimmung, Handwerk, Menschen in Gewändern, die nicht nur Kleidung waren, sondern Zeichen. Zeichen von Region, Familie, Stand, Verein, Geschmack, Überlieferung. Eine Ordnung, die man von außen zunächst kaum versteht, die aber für jene, die darin aufwachsen, selbstverständlich ist.
Am Anfang sah ich vor allem den materiellen Unterschied. Hier die teuren Gewänder. Dort das einfache T-Shirt. Hier die stolzen Eltern am Bühnenrand. Dort Kinder, die nicht wussten, wer ihre Eltern waren. Hier ein Marktplatz, der seit Jahrhunderten steht. Dort ein Dorf, das im Meer verschwand und weiter im Landesinneren neu aufgebaut werden musste.
Aber mit der Zeit veränderte sich mein Blick.
Ich sah nicht mehr nur den Gegensatz. Ich sah auch die gemeinsame Frage dahinter: Was braucht ein Mensch, um Halt zu finden?
In dem Kinderheim in Chennai waren es Essen, Schule, Ausbildung, Fürsorge, Ordnung und die Chance auf ein eigenes Leben. In dem wiederaufgebauten Fischerdorf waren es neue Häuser, eine Schule, Sicherheit, Alltag, die Rückkehr eines Dorflebens. In Neubeuern waren es Familie, Verein, Tracht, Musik, Rituale, Sprache, vertraute Gesichter, der Applaus auf dem Marktplatz.
So unterschiedlich diese Welten waren, sie berührten denselben menschlichen Kern. Der Mensch braucht nicht nur Versorgung. Er braucht Zugehörigkeit. Er braucht Zeichen, die ihm sagen: Du bist nicht allein. Du kommst irgendwoher. Du hast einen Platz. Dein Leben ist eingebunden in etwas, das größer ist als du selbst.
Vielleicht ist Heimat genau das.
Nicht zuerst ein romantisches Bild. Nicht zuerst ein schöner Marktplatz. Nicht zuerst Tracht, Dialekt oder Brauchtum. Sondern ein Geflecht aus Menschen, Erinnerungen, Ritualen und Zeichen, die einem sagen: Du gehörst dazu.
Viele Kinder in Oberbayern wissen vermutlich nicht, wie gut sie es haben. Viele Eltern vielleicht auch nicht. Das klingt hart, vielleicht sogar platt. Aber ich meine es nicht vorwurfsvoll. Kinder müssen ihr Glück nicht verstehen, um darin leben zu dürfen. Vielleicht ist es sogar das Wesen einer behüteten Kindheit, dass man sie nicht ständig erklären muss. Dass sie einfach trägt. Dass man erst viel später begreift, was einem gegeben war.
Wer in einem Trachtenverein aufwächst, lernt mehr als Tanzschritte. Er lernt, sich einzufügen, aufzutreten, Verantwortung zu übernehmen, Teil einer Gruppe zu sein. Er lernt, dass es Erwachsene gibt, die etwas weitergeben wollen. Er lernt, dass Kleidung nicht nur Stoff ist, sondern Bedeutung haben kann. Er lernt, dass Feste, Musik und Rituale einen Platz im Leben haben. Er lernt vielleicht nicht bewusst, was Heimat ist. Aber er erfährt sie.
Und genau das ist nicht selbstverständlich.
Seit meinen Erfahrungen in Indien sehe ich solche Dinge anders. Ich sehe ein Kind in Tracht nicht nur als hübsches Motiv. Ich sehe darin auch ein Kind, das getragen wird von einer Ordnung, die vor ihm da war und nach ihm weitergehen kann. Ich sehe Eltern und Großeltern, die am Rand stehen. Ich sehe einen Verein, der Zeit investiert. Ich sehe eine Gesellschaft, die es sich leisten kann, Brauchtum zu pflegen. Ich sehe Wohlstand, ja. Aber ich sehe auch Bindung.
Tracht kann teuer sein. Sie kann äußerlich werden. Sie kann Folklore werden. Sie kann auch ausgrenzen, wenn sie falsch verstanden wird. Das alles stimmt. Man sollte Tradition nie romantisieren, als wäre sie automatisch gut. Aber man sollte sie auch nicht vorschnell belächeln. Denn in ihr steckt, wenn sie lebendig bleibt, etwas zutiefst Menschliches: der Wunsch, Herkunft sichtbar zu machen und Zugehörigkeit weiterzugeben.
Vielleicht berührt mich der Neubeurer Trachten- und Handwerkermarkt deshalb bis heute so sehr. Weil er für mich nicht nur ein Markt ist. Er ist der Ort, an dem meine journalistische Arbeit begann. Er ist aber auch ein Ort, an dem sich meine innere Erfahrung verdichtet: Indien und Oberbayern, Verlust und Überlieferung, Zukunft und Herkunft, T-Shirt und Tracht, verschwundenes Dorf und historischer Marktplatz.
Ich habe lange gezögert, darüber zu schreiben. Vielleicht, weil ich wusste, wie leicht solche Gedanken missverstanden werden können. Ich will niemandem sein Glück vorwerfen. Ich will niemanden beschämen. Ich will auch nicht die Armut anderer Menschen benutzen, um hier moralische Belehrungen zu verteilen. Das wäre billig.
Aber ich möchte sagen: Wer Orte gesehen hat, an denen Herkunft verlorengegangen ist, sieht Heimat anders.
Er sieht sie nicht mehr nur als Kulisse. Er sieht sie nicht mehr nur als Brauchtum. Er sieht sie als etwas Kostbares, Verletzliches, oft Unverdientes. Als Gnade.
Gnade ist ein großes Wort. Aber vielleicht passt es hier. Denn niemand hat es sich verdient, in eine Familie, eine Sprache, eine Landschaft, eine friedliche Ordnung, eine Vereinsgemeinschaft und eine gewachsene Kultur hineingeboren zu werden. Man wird hineingestellt. Man bekommt es geschenkt. Erst später kann man entscheiden, was man daraus macht.
Die Kinder in Chennai hatten Zukunft, weil Menschen ihnen geholfen haben. Das wiederaufgebaute Fischerdorf in Südindien bekam eine neue Zukunft, weil Menschen nach einer Katastrophe nicht weggeschaut haben. Die Kinder in Neubeuern haben Herkunft, weil Generationen vor ihnen etwas bewahrt, gepflegt und weitergegeben haben.
Vielleicht liegt darin die tiefste Verbindung zwischen diesen scheinbar so verschiedenen Welten: Menschen brauchen andere Menschen, die ihnen einen Platz schaffen.
Manchmal ist dieser Platz ein Heim, in dem ein Kind versorgt, ausgebildet und begleitet wird. Manchmal ist es ein neues Haus in einem Dorf, das das Meer genommen hat. Manchmal ist es eine Bühne auf einem oberbayerischen Marktplatz, auf der ein Kind in Tracht tanzt und spürt, dass es dazugehört.
Als ich damals mit meiner Leica auf dem Neubeurer Marktplatz stand, begann für mich mehr als eine journalistische Tätigkeit. Es begann ein neuer Blick auf meine eigene Heimat. Ich hatte sie verlassen, ich war zurückgekehrt, ich hatte sie fremd gesehen und musste sie neu verstehen.
Vielleicht fotografiere ich deshalb bis heute so aufmerksam die Kinder, die Handwerker, die alten Trachten, die Gesichter, die Hände, die Stoffe, die Schuhe, die Hüte und die kleinen Zeichen am Rand. Weil ich weiß, dass in ihnen mehr steckt als ein schönes Bild.
Sie erzählen von Herkunft.
Und Herkunft ist nicht selbstverständlich.
Beitrag: Rainer Nitzsche




