Sport

Kickboxen in Oberfranken

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Zwischen Flucht, Faustkampf und großen Träumen –
Vom Flüchtlingsjungen zum Weltmeister – und zum Promoter einer neuen Kampfsport-Ära in Oberfranken

Erste internationale Fight Night des Kickboxen, Muay Thai und Boxen in Speichersdorf

Am 25. April 2026 wird in der Sportarena ein Kampfring aufgebaut sein, einen Meter über dem Boden, die Ringseile in etwa anderthalb Metern Höhe gespannt, umgeben von dicht gestellten Stuhlreihen auf dem Parkett. Scheinwerfer werden durch den Raum schneiden, Musik wird die Atmosphäre aufladen, und tausende Augen werden auf die Mitte der Halle gerichtet sein. Speichersdorf wird an diesem Abend zur Bühne eines Sportereignisses, das es in dieser Form in der Region noch nie gegeben hat: die „1. Internationale Fight Night / OFC – Oberfranken Fighting Championship“ im Kickboxen, Muay Thai und Boxen.

Was hier geplant ist, ist mehr als nur eine Veranstaltung. Es ist der Versuch, den internationalen Kampfsport nach Oberfranken zu holen. Der Mann hinter dieser Idee ist Ghulam Nabi Mohammadi, vierfacher Weltmeister, Trainer, Unternehmer – und eine der bemerkenswertesten Sportgeschichten, die diese Region in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.

Der Tag der Fight Night beginnt früh. Bereits um 11 Uhr öffnen sich die Türen der Sportarena, und ab 12 Uhr startet das Vorprogramm, das bis 16 Uhr dauern wird. Hier stehen die jungen Kämpfer im Mittelpunkt: U12-, U15- und U18-Athleten, die ihre ersten Schritte im Ring machen. Für viele von ihnen wird dieser Tag der bislang größte Moment ihrer noch jungen sportlichen Laufbahn sein.

Nach einer Pause beginnt um 17 Uhr der Einlass für das Hauptprogramm, das schließlich um 18 Uhr startet und bis 23 Uhr dauern soll. Insgesamt sind 30 Kämpfe geplant – 15 im Vorprogramm und 15 im Hauptprogramm. Das sportliche Spektrum ist bewusst breit angelegt. Im Ring werden Kickboxen (K-1), Muay Thai und klassisches Boxen gezeigt. Die Unterschiede zwischen diesen Disziplinen sind für Außenstehende oft subtil, doch für Kenner entscheidend. Im Kickboxen der K-1-Kategorie sind Faustschläge, Tritte und Knieangriffe erlaubt – ein dynamischer Stil, der Schnelligkeit und Explosivität verlangt. Muay Thai, die traditionelle Kampfkunst aus Thailand, geht noch einen Schritt weiter: Neben Boxen, Kicks und Knietechniken sind auch Ellbogenschläge erlaubt, was diese Disziplin zu einer der härtesten Varianten des Vollkontaktkampfs macht. Das klassische Boxen hingegen konzentriert sich ausschließlich auf die Kunst des Faustkampfs – Präzision, Timing und taktische Kontrolle entscheiden hier über Sieg oder Niederlage.

Auch im Kickboxen selbst wird es verschiedene Kategorien geben. In der K1-Variante kämpfen Athleten im Full-Contact-Stil, während Kick Light eine kontrolliertere Variante mit weicheren Treffern darstellt. Eine weitere Kategorie basiert stärker auf Schnelligkeit und Technik – hier geht es darum, den Gegner schnell zu berühren und Punkte zu sammeln.

Der sportliche Höhepunkt des Abends werden vier Titelkämpfe sein. Unter dem Dach der World Kickboxing and Karate Union (WKU) – einem der weltweit bedeutenden Kampfsportverbände neben WAKO und ISKA – werden vier Gürtel vergeben: ein Europameistertitel im Kickboxen sowie drei deutsche Meistertitel, jeweils im Kickboxen, Muay Thai und Boxen. Für diese Kämpfe reisen Profis aus verschiedenen Ländern nach Oberfranken an. Darüber hinaus stehen elf Kämpfe der OFC – Oberfranken Fighting Championship auf dem Programm, jener neuen Veranstaltungsreihe, die Mohammadi ins Leben gerufen hat. Sein Ziel ist es, langfristig einen eigenen Verband aufzubauen, in dem internationale Kämpfer nach Oberfranken kommen, um um OFC-Titel zu kämpfen.

Die Eintrittspreise sollen das Event für ein breites Publikum zugänglich machen: Tickets beginnen bei 30 Euro, während VIP-Tickets für 197 Euro einen besonderen Platz sowie Buffet und Getränke bieten.

Doch hinter der Fight Night steht weit mehr als ein Sportevent. Hinter ihr steht die Lebensgeschichte eines Mannes, dessen Weg selbst wie ein langer Kampf mit vielen Runden erscheint.

Ghulam Nabi Mohammadi wurde am 1. August 1999 in der afghanischen Provinz Wardak, etwa 123 Kilometer westlich von Kabul, geboren. Er ist das drittjüngste von neun Kindern einer Bauernfamilie. Die Kindheit ist geprägt von einfachen Verhältnissen, harter Arbeit und einer Umgebung, in der Sicherheit keine Selbstverständlichkeit ist. Als Mohammadi neun Jahre alt ist, zieht die Familie nach Kabul. Dort besucht er neun Jahre lang die Schule. Doch bereits zuvor hat ein Sport sein Leben verändert. Mit zehn Jahren, im Jahr 2010, beginnt er in Kabul mit Kampfsporttraining. Zunächst lernt er Kung Fu, später entwickelt er eine besondere Leidenschaft für Muay Thai und Boxen. Im Muay Thai gibt es keine farbigen Gürtel wie im Karate, sondern Armbänder, die den Fortschritt eines Kämpfers symbolisieren. Bis 2014 erreicht Mohammadi die sechste von fünfzehn Stufen. Schon als Jugendlicher nimmt er an Wettkämpfen teil. Als er schließlich nach Deutschland kommt, bringt er bereits acht Jahre Kampfsporterfahrung mit.

Der Weg nach Europa beginnt 2015. Mit 15 Jahren verlässt Mohammadi Afghanistan und flieht über mehrere Länder nach Deutschland. Ende August 2015 erreicht er Bayreuth. Kurz darauf beginnt er an der Berufsschule I Deutsch zu lernen. Von September 2015 bis Juli 2017 besucht er dort den Unterricht. Seine ersten Monate in Deutschland verbringt er in Speichersdorf, wo er von Februar 2016 bis Mai 2017 als einer von 24 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in einer Unterkunft in der Goethestraße lebt. In dieser Zeit entdeckt er erneut den Kampfsport als Halt im Alltag. Bereits Ende 2015 schließt er sich dem Fight-Club Oberfranken an und trainiert dort ein Jahr lang. Sein sportlicher Ehrgeiz zeigt sich schnell. Bereits im Februar 2016 gewinnt er in Coburg seinen ersten großen Titel in Deutschland: Bayerischer Meister im Kickboxen. 2017 wechselt er zum Boxclub Bayreuth. Dort gibt es allerdings zunächst nur Boxtraining. Muay Thai und Kickboxen trainiert Mohammadi weitgehend autodidaktisch. Vier Jahre lang arbeitet er an seinen Techniken, kombiniert verschiedene Stile und entwickelt seinen eigenen Kampfstil.

Im Jahr 2021 entsteht im Boxclub Bayreuth schließlich die Idee, Muay Thai und Kickboxen offiziell in das Vereinsprogramm aufzunehmen. Mohammadi übernimmt dabei eine zentrale Rolle – zunächst ehrenamtlich. Drei Jahre lang trainiert er dort Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Parallel dazu entwickelt sich seine eigene sportliche Karriere weiter. 2020 wird er in Heilbronn sowohl Deutscher Meister im Muay Thai als auch Deutscher Meister im Kickboxen (K-1). 2022 erringt er seinen ersten Weltmeistertitel im Muay Thai bei einer Weltmeisterschaft in der Türkei. 2023 folgt der nächste große Triumph: Weltmeister im Kickboxen in Calgary (Kanada). 2024 verteidigt er seinen Titel bei der Weltmeisterschaft in Wien, und 2025 gelingt ihm eine weitere erfolgreiche Titelverteidigung im Kickboxen bei einer Weltmeisterschaft in Trier. Zu seiner Erfolgsbilanz zählen außerdem zwei internationale deutsche Meistertitel, drei deutsche Meisterschaften und drei bayerische Meistertitel. Die Stadt Bayreuth ehrt ihn schließlich 2023 als „Sportler des Jahres“.

Doch der Sport prägt nicht nur seine Karriere, sondern auch sein Privatleben. Am 23. Juli 2016, auf einem Bolzplatz neben der Sportarena Speichersdorf, lernt Mohammadi Semra Ülker kennen. Die beiden bleiben zusammen, begleiten sich durch Training, Wettkämpfe und Alltag. Am 12. Oktober 2024 heiraten sie in Speichersdorf. Ende Mai 2026 erwarten sie ihr erstes Kind.

Während seine eigene Karriere weiterläuft, wächst eine zweite Leidenschaft: die Arbeit mit jungen Menschen. Mohammadi ist überzeugt, dass Kampfsport mehr ist als körperliche Auseinandersetzung. Für ihn geht es um Disziplin, Respekt, Selbstbewusstsein, mentale Stärke und Stressbewältigung. Am 1. Juli 2024 gründet er deshalb seine eigene Kampfsportschule: „GNM Thai- & Kickboxen Bayreuth“. Heute trainieren dort rund 150 Sportler, vom dreijährigen Anfänger bis zum erfahrenen Wettkämpfer.

Der nächste Schritt steht bereits bevor: Am 1. April 2026 eröffnet Mohammadi in der Kulmbacher Straße 115 in Bayreuth eine eigene Kampfsportanlage mit 600 Quadratmetern Trainingsfläche. Dort sollen künftig Kindergruppen, Jugendtraining und professionelle Wettkampfvorbereitung unter einem Dach stattfinden.

Die Fight Night in Speichersdorf ist Teil dieser Vision. Sie soll zeigen, dass Kampfsport in Oberfranken mehr sein kann als ein Nischensport.

Bereits jetzt ist die zweite Internationale Fight Night / OFC geplant – sie soll am 10. Oktober 2026 stattfinden.

Für Mohammadi ist der 25. April deshalb nicht nur ein Event, sondern ein Anfang. Wenn an diesem Abend der Gong zum ersten Kampf ertönt, wird im Ring mehr stehen als zwei Athleten. Es wird auch die Geschichte eines Mannes sein, der als Jugendlicher aus Afghanistan nach Deutschland kam, hier seine sportliche Heimat fand – und nun versucht, eine ganze Region für seinen Sport zu begeistern. Vielleicht wird man in einigen Jahren auf diesen Abend zurückblicken und sagen: Hier hat alles begonnen. Mit einem Ring in einer oberfränkischen Sporthalle. Und mit einem Weltmeister, der einen Traum hatte.

Bericht und Foto: Wolfgang Hübner



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Toni Hötzelsperger

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