Die Republik der gut versorgten Krankheiten
Es gibt in Deutschland bekanntlich für alles ein System. Für das Parken, für das Bauen, für das Entsorgen, für das Einsortieren, für das Anstehen, für das Nichtzuständigsein. Und natürlich gibt es auch ein Gesundheitssystem. Wobei schon dieser Name zu den hübscheren Täuschungen des öffentlichen Lebens gehört. Denn mit Gesundheit hat dieses System ungefähr so viel zu tun wie das Kriegsministerium mit Frieden: Es tritt zuverlässig erst dann in Erscheinung, wenn die Sache bereits misslungen ist.
Solange der Mensch noch halbwegs aufrecht geht, einigermaßen schläft, nicht bei jedem Treppenabsatz keucht und seine Mahlzeiten nicht ausschließlich aus industriell geadeltem Elend bestehen, ist er für das System von begrenztem Reiz. In diesem Zustand stört er eher. Er verursacht keine verwertbaren Vorgänge. Er ist kein Fall, keine Akte, kein Budget, kein abrechenbarer Zwischenstand. Er ist einfach nur gesund — und damit, systemisch betrachtet, unerquicklich unergiebig.
Interessant wird der Bürger erst, wenn etwas nicht mehr stimmt. Wenn es zieht, sticht, wächst, stockt, drückt, entgleist oder chronisch wird. Dann beginnt die hohe Zeit der organisierten Fürsorge. Dann rauschen die Apparate heran wie Kavallerie mit Tablet. Dann öffnen sich Schleusen aus Diagnostik, Zuständigkeit, Dokumentation, Verordnung, Rückfrage, Zweitmeinung, Formular und Nachkontrolle. Dann zeigt die Zivilisation, was sie kann. Und sie kann viel. Sie kann schneiden, strahlen, ersetzen, regulieren, messen, überwachen, stabilisieren und vor allem: abrechnen.
Man muss das bewundern. Wirklich. Dieses Gesundheitswesen ist ein Wunderwerk der späten Entschlossenheit. Es entfaltet seinen ganzen Glanz just in dem Augenblick, in dem der Mensch den Schaden bereits hat. Dann aber mit Grandezza. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Der moderne Mensch darf beruhigt sein: Seine Schwäche ist in den besten Händen. Seine Gebrechlichkeit wird nach allen Regeln der Kunst verwaltet.
Nur drängt sich bei all diesem Fortschritt eine unerquicklich plumpe Frage auf: Weshalb werden die Menschen eigentlich nicht im gleichen Maße gesünder, in dem das System immer größer, teurer und komplizierter wird?
Die Antwort ist unerquicklich, aber einfach. Weil dieses System Krankheit liebt. Nicht aus Bosheit, gewiss nicht. Sondern aus Struktur. Krankheit ist ein Traum der Verwaltung. Sie lässt sich erfassen, benennen, klassifizieren, behandeln, dokumentieren, statistisch verwerten und in verschiedene Töpfe überführen. Gesundheit dagegen ist ein unerquicklich anarchischer Zustand. Sie hält sich nicht an Zuständigkeiten. Sie entsteht irgendwo zwischen Schlaf, Bewegung, Bildung, Maß, seelischer Stabilität, brauchbaren Beziehungen und der selten gewordenen Fähigkeit, sich nicht selbst täglich zu ruinieren. Sie ist still, unspektakulär und für große Apparate unerquicklich schwer zu fassen.
Gesundheit hat überhaupt den Fehler, sich meistens außerhalb jener Gebäude zu bilden, in denen man so gern über sie spricht. Sie wächst nicht im Konferenzraum, nicht in der Honorarordnung, nicht im Quartalsbericht und nur selten in PowerPoint. Sie entsteht im Alltag — also dort, wo die moderne Gesellschaft ihre Bürger mit einer Zärtlichkeit umgibt, die an Feindseligkeit grenzt. Man setzt sie unter Zeitdruck, überfüttert sie mit Reizen, parkt sie auf Stühlen, beleuchtet sie künstlich, füttert sie unerquicklich, hält sie digital wach und wundert sich dann aufrichtig, dass Körper und Seele irgendwann eine gewisse Lustlosigkeit entwickeln, das Schauspiel noch länger mitzumachen.
Danach tritt das System vor und sagt mit ernster Stimme: Nun kommt es aber auch auf Eigenverantwortung an.
Eigenverantwortung! Dieses schöne Wort, mit dem man den Menschen am Ende seiner Zermürbung noch moralisch geschniegelt entlässt. Man baut ihm eine Welt, in der fast alles gegen Maß, Ruhe, Klarheit und Vernunft arbeitet, und wenn er daran erkrankt, erklärt man ihm, er hätte früher besser auf sich achten sollen. Das hat Stil. Das ist ungefähr so, als würde man jemanden in einen Sumpf setzen und ihn später wegen feuchter Schuhe tadeln.
Auch die Prävention spielt in diesem Theater ihre angestammte Rolle: die der ehrbaren Witwe auf der dritten Bank. Man grüßt sie, wenn sie vorbeigeht. Man erwähnt sie in Reden. Man versichert sich gegenseitig, wie wichtig sie sei. Aber wenn die Erbschaft verteilt wird, sitzt sie wieder allein im Vorzimmer. Für die Reparatur des schon Beschädigten errichtet man Paläste, Institute, Zentren, Gremien und digitale Pforten. Für die Verhinderung des Schadens reicht oft eine Broschüre, die aussieht, als sei sie von Leuten gestaltet worden, die selber noch nie freiwillig einen Apfel gegessen haben.
Dabei wäre gerade hier der Ernstfall der Vernunft. Ein kluges Gemeinwesen müsste doch alles daransetzen, dass seine Bürger gar nicht erst mit solcher Regelmäßigkeit in jene Zustände geraten, die später mit großem Besteck, größerem Budget und größter Wichtigkeit behandelt werden. Es müsste Gesundheit nicht als dekoratives Beiblatt der Medizin betrachten, sondern als ihren eigentlichen Zweck. Es müsste Schulen, Städte, Arbeitswelten, Medien, Ernährungskultur und soziale Verhältnisse unter der Frage betrachten, ob der Mensch darin kräftiger oder kränker wird. Es müsste endlich begreifen, dass Gesundheit kein technischer Endpunkt ist, sondern eine Lebensform.
Genau deshalb ist es zumindest bemerkenswert, dass mit dem neu gegründeten Weltgesundheitsforum diese Debatte nun wieder mit größerem Nachdruck öffentlich geführt wird. Denn dort wird, jenseits aller festlichen Eröffnungsrhetorik, genau die Frage berührt, an der das System seit Jahren vorbeiarbeitet: Wie entsteht Gesundheit überhaupt? Nicht wie verwaltet man Krankheit noch effizienter, sondern wie stärkt man Prävention, Gesundheitskompetenz und die Fähigkeit des Menschen, für sich selbst verantwortlich zu leben.
Das allein ist noch keine Lösung. Und ein neues Forum ist noch keine neue Wirklichkeit. Aber schon der Ansatz benennt einen Mangel, den man viel zu lange mit Fachsprache, Abrechnungslogik und Reformsimulakren zugedeckt hat. Der Widerspruch zwischen den immer weiter steigenden Kosten des Systems und der oft erstaunlich schwach entwickelten Gesundheitskultur der Gesellschaft ist schlicht zu groß geworden, um ihn weiter nur höflich zu umkreisen.
So bleibt die eigentliche Zumutung bestehen: vorne eine Kultur der Überforderung, hinten ein System der Hochleistungsrettung. Dazwischen der Bürger, der zunächst verführt, dann erschöpft und schließlich versorgt wird. Man macht ihn erst mürbe und anschließend zum Fall. Das ist effizient, eingespielt und in vielerlei Hinsicht einträglich. Nur gesund ist es eben nicht.
Bis dahin bleibt uns dieses prächtige Schauspiel einer Nation, die mit unendlichem Ernst und ungeheurem Aufwand die Folgen jener Lebensweise behandelt, die sie vorher mit derselben Gründlichkeit hervorgebracht hat.
Das nennt sie dann Gesundheitswesen.
Und wenn nun wenigstens wieder ernsthaft über Gesundheit gesprochen wird, wäre schon etwas gewonnen.
Beitrag & Foto: Rainer Nitzsche




