Leitartikel

“WEG” – eine Ausstellung im Priener Rathaus

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Noch bis zum 11. Dezember ist im Rahmen der allgemeinen Öffnungszeiten im Priener Rathaus die Wanderausstellung „Ungehört – Die Geschichte der Frauen. Flucht, Vertreibung und Integration“ zu sehen. Die Vernissage Teil ist der Veranstaltungsreihe „WEG – Flucht, Vertreibung und Heimat“ des Bildungswerks Rosenheim und des Theaterpastorals im Landkreis Rosenheim, dessen Herzstück das Projekt „WEG“ mit insgesamt sechs Theateraufführungen in Prien vom 6. bis 15. November im König-Ludwig-Saal in Prien sein wird. Zur Ausstellungseröffnung im Priener Rathaus  sprach Prof. Dr. Andreas Otto Weber als Direktor vom Haus des Deutschen Ostens in München – nachfolgend seine Ausführungen im Wortlaut:

Meine sehr geehrten Damen und Herren,   nach dem Zweiten Weltkrieg mussten Millionen von Deutschen ihre Heimat im östlichen Europa verlassen. Der Heimatverlust betraf alle, doch es waren vor allem Frauen, die sich als erste auf den Weg machen mussten. Mütter und Großmütter, Schwestern und Tanten – zusammen mit Kindern und Alten begaben sie sich auf die Reise ins Ungewisse.

Das Verlassen der Heimat war keine geplante Ausreise. Viele Frauen mussten in Eile alles Wichtige zusammenpacken und all ihre Kräfte darauf verwenden, Sicherheit und Nahrung für die Familie zu organisieren und sich selbst und die Töchter vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Dabei blieb oft die enge Mutter-Kind-Beziehung auf der Strecke.Am Ende des beschwerlichen Weges stand zumeist das Leben in sehr beengten Verhältnissen – in Flüchtlingslagern, Bauernhöfen oder Privatwohnungen. Es kam zu Konflikten bei der Einquartierung und zu Nahrungsmittelknappheit. Oft lastete die Hauptverantwortung auf den Schultern der Frauen. Sie mussten sie sich in der neuen Heimat integrieren – in Gesellschaft und Arbeitsmarkt.Jede Frau verarbeitete den Heimatverlust individuell: In den Landsmannschaften, durch Heimatreisen, in Kunst und Literatur Viele kamen aber über das Trauma von Flucht und Vertreibung nie hinweg.

Um diese individuellen Lebenswege sichtbar zu machen, stellen wir – wie schon in unserer Jubiläumsausstellung „Wer bin ich – wer sind wir?“ die persönlichen Erfahrungen von Menschen in den Mittelpunkt.Wir haben nach Zeitzeuginnen gesucht, die von ihrer Herkunft her die unterschiedlichsten Siedlungsgebiete von Deutschen im östlichen Europa repräsentieren.Ihre individuellen Aussagen bilden den Kern des Neuen in dieser ersten Ausstellung, die sich diesem für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts so wichtigem Thema widmet.„Ungehört – die Geschichte der Frauen“. Diese Ausstellung will einen Anstoß für die weitere Diskussion darüber geben. Unsere Publikation beschreibt Flucht, Vertreibung und Integration aus weiblicher Sicht. Dabei lenkt sie den Blick auf Erfahrungen und Herausforderungen, mit denen Frauen konfrontiert wurden, spricht mit aller Offenheit von ihren Verlusten, würdigt ihre Erfolge und Leistungen.

Unsere Zeitzeuginnen sind:

Frau Rosmarie Becker, die aus Pommern stammt und die noch heute mit über 90 Jahren als Vorsitzende des Kreisverbandes Starnberg der Landsmannschaft der Pommern, Ost- und Westpreußen aktiv ist! Das Titelbild der Ausstellung und unseres Begleitbuches zeigt ein Jugendbild von Frau Edith Gleisl, die aus Ostpreußen stammt. Frau Gertrud Müller hat als Oberschlesierin über Jahrzehnte die Aussöhnung zwischen Polen und Deutschland zu Ihrer Lebensaufgabe gemacht. Mit Frau Ria Schneider war eine echte Donauschwäbin aus der Batschka im heutigen Serbien bereit uns nicht nur von Ihrem eigenen beeindruckenden Flucht- und Lebensweg zu berichten, sondern auch über Ihre Mutter Annemarie Ackermann gesprochen hat, die 1953 für die CDU in den Deutschen Bundestag einzog und dort die einzige Vertreterin aus Südosteuropa war. Gleich zwei Damen, deren Heimat Mähren ist, sind unsere Zeitzeuginnen: Es sind Friederike Niesner und Emma Weis! Friederike Niesner war dem HDO schon durch mehrere Kunstausstellungen aus dem große Oevre ihres verstorbenen Mannes Wolfgang Niesner verbunden. Auch die zweite Mährerin Frau Emma Weis kannten wir schon. Als Leihgeberin bei unserer Ausstellung „Mitgenommen. Heimat in Dingen“ hat Sie uns damals ein Kinderstühlchen geliehen. Und dieses Stühlchen spielt nun erneut eine Rolle in ihrem Zeitzeuginnen-Bericht. Die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Integration dieser Frauen stehen dabei exemplarisch für Millionen deutscher Frauen, die wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg von der Zwangsmigration betroffen waren.

Das Konzept der Ausstellung haben wir unterstützt von Frau Prof. Dr. Daniela Neri-Ultsch von der Universität Regensburg, mit meinem kleinen Team, den Historikerinnen Dr. Lilia Antipow und Patricia Erkenberg entwickelt. Diese drei Damen haben sich die Hauptarbeit aufgeteilt und das Ergebnis ist wirklich beindruckend und vor allem seelisch nahegehend geworden!

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Was erwartet Sie nun in der Ausstellung?

Wie gesagt, sind die Interviews mit unseren Zeitzeuginnen der Kern unserer Ausstellung. Wir haben die Aussagen unserer Zeitzeuginnen zu folgenden Themen in einzelne Videos zusammengestellt:

  • Flucht und Vertreibung
  • Ankunft im Westen
  • Integration
  • Berufstätigkeit und Eheleben
  • Arbeit in den Landsmannschaften
  • Heimatreisen und Religion

Neben den Videos finden Sie zu diesen und weiteren Themen und zu jeder Zeitzeugin mehrere Informationen:

Auf den Thementafeln werden 14 historische Themen erläutert:

„Frauen in der NS-Herrschaft“,

  • Die Zeit der NS-Herrschaft gehört zur Vorgeschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem östlichen Europa gehört und ist für deren historische Erklärung und Einordnung unverzichtbar
  • lange wenig beachtete Rolle von einzelnen Frauen als Akteurinnen im NS-Regime und dessen Strukturen
  • Beteiligung der Frauen am Widerstand gegen dieses Regime und ihre Betroffenheit als Opfer der NS-Herrschaft.
  • „Flucht und Vertreibung“, und „Sexualisierte Gewalt während der Flucht und Vertreibung“,
  • „Ankunft im Westen“, und „Leben in Flüchtlingslagern“,

Am Ende des beschwerlichen Weges stand in der Regel das Leben in sehr beengten Verhältnissen – sei es in Flüchtlingslagern, auf Bauernhöfen oder in Privatwohnungen. Und wieder war der Einsatz der Frauen gefragt: Der Alltag musste neu organisiert, Konflikte bei der Einquartierung in Privatwohnungen gelöst werden. Die größten Probleme der ersten Zeit waren die Enge der Unterkünfte, ein geringes Einkommen und die Nahrungsmittelknappheit, vor allem im Hungerwinter 1947/48. Da viele Männer zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt waren, lastete die Hauptverantwortung weiterhin auf den Schultern der Frauen.

Dann folgen weitere Themen

„Politisches Engagement: unsichtbare Aktivistinnen?“,

„Engagement in Landsmannschaften und  Vertriebenenvereinen“,

„Kirchliches Engagement: vergessene Wohltäterinnen?“,

„Kulturelles Engagement: Star-Dasein und Kulturalltag“,

„Arbeit und wirtschaftliche Integration“,

Nach den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren versuchten die meisten Vertriebenen in den 1950er und 1960er Jahren, in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik der neuen Heimat anzukommen sowie ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Bei der Integration wählten die Frauen unterschiedliche Strategien. Dazu gehörte die Berufstätigkeit ebenso wie das Engagement in Kirchen, Landsmannschaften sowie Parteien und Vereinen. In vielen Landsmannschaften der Deutschen aus dem östlichen Europa sowie im Bund der Vertriebenen gab es und gibt es bis heute dezidierte Frauenabteilungen oder Frauenarbeitskreise. Der Anteil an Frauen in den sonstigen Führungspositionen der Landsmannschaften war und ist dagegen eher gering. In der Politik waren die vertriebenen Frauen ebenfalls eine Minderheit. Jene von ihnen, die ihr politisches und öffentliches Amt erfolgreich ausübten, zeigten ein besonderes Engagement für die Belange ihrer Schicksalsgenossinnen.

Die letzten vier Thementafeln:

„Eheleben und Geschlechterrollen: Chancen für Frauenemanzipation?“, „Heimatreisen: Konfrontation mit der Vergangenheit“, „Transgenerationales Erleben: das psychische Flucht- und Vertreibungsgepäck“, „Verarbeitung in Erinnerungskultur, Literatur und Kunst“ Die Verarbeitung des Heimatverlustes war sehr individuell. Heimatreisen waren dabei eine Möglichkeit, die jedoch erst seit dem Beginn der Neuen Ostpolitik der Bundesrepublik in den 1970er Jahren bestand. Einige Frauen nutzten Kunst oder literarisches Schreiben zur Verarbeitung ihrer Erlebnisse. Viele kamen über das Trauma von Flucht und Vertreibung nie hinweg.

Berufstätigkeit und Eheleben

Das Leben der Frauen aus dem östlichen Europa, die flüchten mussten oder vertrieben wurden, war in vielen Bereichen anders als das der einheimischen. So übten sie viel öfter einen Beruf aus. Dabei war ihre Arbeitstätigkeit sowohl ein Integrationsfaktor als auch ein Mittel zur Sicherung des Lebensunterhalts ihrer Familien. Sie steigerte außerdem das Selbstbewusstsein von vielen Frauen, prägte ihre Identität und bot ihnen einen Weg in die Selbstbestimmtheit, die früher undenkbar gewesen wäre. Auf dem umkämpften Heiratsmarkt, auf dem infolge des Zweiten Weltkrieges ein Mangel an Männern im heiratsfähigen Alter herrschte, hatten es die nicht einheimischen Frauen – ohne Besitz, ohne soziales Netz – deutlich schwerer. Oft blieben sie ihr Leben lang alleinstehend. Auch erlittene Traumata durch sexuelle Übergriffe während der Flucht und Vertreibung hielten Frauen davon ab, eine Familie zu gründen. All diese Themen finden Sie in dieser Ausstellung und in den Interviews mit den Zeitzeuginnen wieder. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 

Hinweis:  23 Darsteller und das 30-köpfige  Musikensemble unter der Leitung von Tilo Heinrich werden das Theaterstück in sechs Aufführungen vom 6.-15. November lebendig werden lassen, die Premiere ist am Freitag, 6. November ab 19 Uhr im König-Ludwig-Saal von Prien. Karten für das Theaterstück sind in der Touristinfo Prien und online über München Ticket erhältlich. Nähere Information sind unter www.Weg-projekt.de zu finden.

Fotos: Hötzelsperger – Ausstellungseröffnung WEG im Priener Rathaus mit Prof. Dr. Andreas Weber, Direktor vom Haus des Ostens in München

 


Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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