Kultur

Schubertiade in Bayerisch Gmain

Veröffentlicht von Anton Hötzelsperger

Bayerisch Gmain. Vielschichtig, hochkarätig, erlebnisreich – die dreitägige Schubertiade im Klosterhof war vor allem eines: einzigartig und unvergesslich. Hotelbetreiber Dr. Andreas Färber begrüßte mit philosophischen Gedanken zum Leben als Reise, die Verbindungen schafft – Verbindungen zwischen Kulturen, Sprachen und Klangtraditionen. Unter dem Motto „Der Wanderer“ hatte jeder der drei Abende ein anderes Thema:

„Schubert pur“ am Eröffnungsabend, „Zwischen Welten – Goethe, Hafis und Schubert“ im zweiten Konzert und „Späte Wege“, wieder mit dem Wanderermotiv am Abschlussabend. Einerseits das Motiv des Wanderers und der Dialog zwischen den Kulturen, der die verschiedenen Ebenen symbolisch verband, andererseits hatte jeder Abend einen anderen Charakter durch eine jeweils einzigartige Musikauswahl und Stimmung. Die unterschiedliche Platzierung des Flügels im Raum verstärkte den Wanderergedanken und die sich ändernde musikalische Aussage, die sich durch das Hörbare als erkenntnisreiche Botschaft offenbarte.

Erster Abend: Feinsinnig und energiegeladen – Schaghajegh Nosrati begeistert mit Schuberts Klaviermusik

In Deutschland geboren und mit iranischen Wurzeln sucht Schaghajegh Nosrati nach Verbindungen zwischen den beiden Kulturen im Westen und Osten. Sie begann mit der „Ungarischen Melodie“ von Franz Schubert. Die darauf folgende Sonate A-Dur D 959 sei ein Bekenntnis zum Leben, zur Unsterblichkeit der menschlichen Seele und habe etwas mit Wiedergeburt zu tun. Denn das Stück sei kreisförmig wie der Zyklus des Lebens aufgebaut. Nach dem hoffnungslosen zweiten Satz entsteht in den beiden Folgesätzen das Bild des Phönix, der aus der Asche steigt. Virtuos und mit atemberaubender Sicherheit spielte Nosrati, die die Musik Schuberts so sehr verinnerlicht hat, dass sie durch sie hindurchfloss und auf den Tasten ihren Ausdruck fand. Zwei Stunden lang spielte sie alles auswendig, bäumte sich beim Sterben im zweiten Satz auf, kehrte danach ins Leben zurück – tänzerisch, temperamentvoll und energiegeladen, immer wieder mit unvermitteltem Innehalten und einem Neubeginn.

Die Wandererfantasie D 760 ist von höchster technischer Schwierigkeit. Schubert selbst sagte dazu: „Der Teufel soll das Zeug spielen, wenn er mag“. Sie sei das Klavierkonzert, das Schubert nie geschrieben hat, sagte Nosrati und spielte sie – durch ihre friedensstiftende Intention jedoch eher als Engel. Die vier Impromptus D 899 rauschten wie eine Meereswoge durch den Raum. Hochvirtuos, perlend und mit einer selten gehörten Kraft machte sich Nosrati den Flügel untertan, übergab ihm ihre musikalische Botschaft und wurde eins mit ihm. Zum Schluss schlug sie eine Brücke zum Folgeabend: Der Bariton Christian Wagner gab eine Kostprobe seiner delikaten Sangeskunst, die auch den zweiten Abend mit einer eindringlichen Botschaft erfüllte.

Zweiter Abend: Zwischen Orient und Okzident: Ein Abend voller Klang und Poesie

„Dieser Abend ist eine Liebeserklärung an den Iran, an seine Musik und Poesie“, eröffnete Pianistin Nosrati das Konzert am zweiten Abend „Zwischen Welten – Goethe, Hafis und Schubert“. Ausgangspunkt war der persische Nationaldichter Hafis (14. Jahrhundert), dessen Verse Goethe im „West-östlichen Diwan“ inspirierten. „Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Occident sind nicht mehr zu trennen“, so Goethe. Der Abend war in drei Themenblöcke gegliedert: Vergänglichkeit und Wiedergeburt, der mit der archetypischen Figur des „Rend“ verbundene Rausch – „Transzendenz im Diesseits“ – und die Liebe. Nosrati widmete den Abend den mutigen Menschen, die „unter der Schreckensherrschaft litten“ und verband den Abend mit dem persischen Neujahrsfest und der Hoffnung auf Freiheit und Neubeginn. Ihre Stimme brach.

Musikalisch beeindruckte der Virtuose Misagh Joolaee auch mit eigenen Kompositionen für Setar und und mit feinen Klängen auf der Kamancheh. Mit persischer Musik und der Rezitation von Hafis-Gedichten in der Originalsprache brachte er die metaphorische Lyrik der Verse aus dessen Diwan zum Ausdruck. In seinen Kompositionen „Before Dawn“ auf der Kamancheh oder in „Mahjur“ („Trennung“) reisten die Zuhörer gedanklich in den Orient. Klavier und Stachelgeige verschmolzen, wobei mit einem „e-bow“ (elektronischer Bogen) auf den Saiten des Flügels obertonreiche, mystische Klänge erzeugt wurden. Ulrike Werner trug Goethes Gedichte und Hafis Verse in deutscher Übersetzung vor, während Bariton Christian Wagner mit Schuberts „Trockne Blumen“ und „Wanderers Nachtlied“, sowie mit Max Regers „Es schläft ein stiller Garten“ meditative Momente mit delikater Stimmgebung schuf. Auf einen verhaltenen Klang zur Symbolisierung des Schlafes ließ er spannungsvoll das „Glühen der Blumen in der Morgenröte“ im Forte ertönen – eine eindrucksvolle Brücke zwischen den Kulturen. Mit dem Schubertlied „Über allen Gipfeln ist Ruh’“ – auf den Text von Goethe – schloss sich der Kreis.

Im zweiten Teil standen Hafis‘ „Rend“ und europäische Trinklieder im Mittelpunkt. Schuberts „An die Musik“, Goethes Verse aus dem „West-östlichen Diwan“ und Hugo Wolfs Vertonungen verbanden Orient und Okzident auf poetische Weise. Den Abschluss bildeten Liebeslieder und -Verse – von Goethe und Hafis bis Ingeborg Bachmann – delikat begleitet von den Flageolett-Klängen der Stachelgeige. Christian Wagner interpretierte „Night of Separation“ von Misagh Joolaee im persischen Stil, oft mit Vierteltonnuancen. Das dreistimmig gesungene persische Volkslied „Khadje Looreh“, begleitet von Klavier und Setar, sprach direkt zu den Herzen. Langanhaltender Applaus des ergriffenen Publikums.

Abschlussabend: Späte Wege des Wanderers Schubert

Ein weiteres hochkarätiges Konzert, das Dr. Andreas Färber nach der Introduktion und dem Andante an den vorausgehenden Abenden als Reprise bezeichnete. Die Pianistin Schaghajegh Nosrati begann wie beim ersten Mal mit Schuberts „Ungarischer Melodie“, „dem Soundtrack des Festivals“. Hervorragende Studierende der Barenboim-Said Akademie in Berlin gestalteten diesen Abend gemeinsam mit den bereits bekannten Musikern der Vortage. “In Dialog zu treten, in kleinen Schritten Barrieren abzubauen und einen Beitrag zum Weltfrieden zu leisten – wo ist es einfacher als in der Musik?“, sagte Nosrati. Im gemeinsamen Empfinden mit Eda Sevinis spielte sie das vierhändige „Andantino varié“ von Schubert auf dem Flügel, sowie seine Fantasie f-moll. Eda begleitete den Bariton Christian Wagner bei dem Lied „Im Frühling“ (Text von Ernst Schulze). Die Komposition von Misagh Joolaee „Mehrabani“ (etwa: Dankbarkeit, Wohlwollen), auch eine Art Frühlingsstück, wie Nosrati erklärte, kombinierte die Stachelgeige des Komponisten und Virtuosen mit den klassischen Instrumenten Klavier (Schaghajegh Nosrati), Violine (Paula Mejía Espana) und Violoncello (Izak Nuri) bei einem kraftvollen orientalischen Tanz. Ein weiterer Höhepunkt war Franz Schuberts Klaviertrio in Es-Dur, op. 100, eindrucksvoll gespielt von den drei Studierenden – authentisch, empathisch und ausdrucksstark. Dr. Färber kündigte mit Dank an alle Mitwirkenden und die Kulturreferentin Theresa Sax-Lichtblau die Fortsetzung dieser musikalischen Reise für März 2027 an.

Bericht und Fotos: Brigitte Janoschka

934967: Erster Abend: Schaghajegh Nosrati mit dem Ehepaar Henrike und Dr. Andreas Färber

934970: Erster Abend: Die Pianistin Schaghajegh Nosrati

934973: Zweiter Abend: Dr. Andreas Färber zeigt sich beglückt über die Schubertiade im Klosterhof, die von der Pianistin Schaghajegh Nosrati kuratiert wurde. Misagh Joolaee stellte persische Instrumente vor und rezitierte den dichter Hafis auf iranisch. Ilse Werner (links) trug Gedichte auf Deutsch vor.

936710: Zweiter Abend: Misagh Joolaee spielt auf der Kamancheh.

936842: Zweiter Abend: Der Bariton Christian Wagner mit feinsinniger Interpretation der Lieder und sängerischem Glanz

9936962: Freude nach dem zweiten Konzert bei (von links): Christian Wagner, Henrike Färber, Dr. Andreas Färber, Schaghajegh Nosrati, Misagh Joolaee und Ulrike Werner

936986: Dritter Abend: Dr. Andreas Färber dankt allen Mitwirkenden, vor allem der Pianistin Schaghajegh Nosrati und der Kulturreferentin Theresa Sax-Lichtblau (links).

937001: Dritter Abend: Schaghajegh Nosrati und Eda Sevinis beeindrucken beim vierhändigen Spiel.

937007: Dritter Abend: Eda Sevinis (links) und Schaghajegh Nosrati

936974: Dritter Abend: Paula Mejía Espana, Violine, Schaghajegh Nosrati, Klavier, Misagh Joolaee, Kamancheh und Izak Nuri, Cello bei einer Komposition von Misagh Joolaee

 



Redaktion

Anton Hötzelsperger

Als freier Journalist bin ich bereits seit vielen Jahren mit der täglichen Pressearbeit für die Region Chiemsee, Samerberg und Oberbayern befasst. Mit den Samerberger Nachrichten möchte ich eine Plattform bieten für Beiträge aus den Bereichen Brauchtum, Landwirtschaft, Tourismus und Kirche, die sonst vielleicht in den Medien keinen breiten Raum bekommen würden.

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