Kultur

Konzert mit Geiger Ingolf Turban in Grassau

Veröffentlicht von Toni Hötzelsperger

Grassau. „Es ist an der Zeit, die Ernte einzufahren“, zitierte Andreas Hérm Baumgartner, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung den Geiger Ingolf Turban, der „mit seiner Erfahrung und seinem technischen Können“ in einem Projekt alle drei Partiten und Solo-Sonaten von Johann Sebastian Bach in einem Zyklus spielen wird. Im ersten Konzert in der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Grassau begann er mit der Sonate Nr. 1 in g-Moll (BWV 1001), sowie den Partiten Nr. 1 in h-Moll (BWV 1002) und Nr. 2 in d-Moll (BWV 1004).

Das Besondere an diesen Werken sei Bachs Blick auf das Menschsein, so Baumgartner. Alle Facetten eines Lebenskreises, positive wie negative, seien in den Kompositionen berücksichtigt. An dem Ort, an dem in unseren Breiten das Leben mit der Taufe beginnt und mit dem Tod endet, könne das Werk Bachs am besten seine Wirkmächtigkeit entfalten. In der Kirche könne Stille erlebt werden, verbunden damit „zu warten, bis die Stille voller Würze ist“. Baumgartner dankte der Mesnerin Monika Buchner und der Pfarrgemeinde für die Möglichkeit, dieses Konzert an diesem Ort stattfinden zu lassen.

Ingolf Turban begreift dieses Projekt in der heutigen Zeit als „Friedensbotschaft in einer zerrissenen Welt“. Die Sonate Nr. 1 – mit den feinsinnigen Wohlklängen des Adagio, der mehrstimmigen Fuge, der zärtlich wiegenden Siciliana und dem hochvirtuosen Presto – und die darauffolgende Partita Nr. 1 spielte Turban auf einer Geige von Martin Schleske Op. 361 (2024), deren Boden aus mindestens 30.000 bis 50.000 Jahre altem Kauri-Holz aus Neuseeland gefertigt wurde. Dieses Instrument sei 303 Jahre jünger als Turbans Violine von Antonius Stradivarius aus dem Jahr 1721, auf der er die Partita Nr. II zelebrierte. Die Schleske-Geige sei zwar ein Neubau, sagte Turban, aber der Boden ist alt. Es gehe um verschiedene, zur Musik passende Stimmlagen: Das uralte Kauri-Holz besitze laut Geigenbauer gewaltige Resonanzeigenschaften und eine „mystische“, zeitlose Tiefe, während die Stradivari als obertonreich, edel und tragfähig beschrieben wird.

Vom ersten Moment an verdichtete sich Turbans Interpretation zu einer Intensität, die weit über reine Virtuosität hinausging. Sein Spiel schien entrückt  und einer geistigen Sphäre zu entspringen – immer wieder Momente von Transzendenz aufscheinen lassend. In der ersten Partita stellt Bach jedem der vier Tanzsätze Allemande, Corrente, Sarabande und Tempo di Borea (italienisch für Bourrée) ein eigenes „Double“ nach – eine verzierte Variation des vorangegangenen Satzes. Hochentwickelte Mehrstimmigkeit auf einem einzigen Instrument kam zu ihrem Höhepunkt in der Partita Nr. II in d-Moll. Auf der Stradivari entfaltete sich ein warmer, obertonreicher Klang, der den Tanzsätzen Allemande, Corrente, Sarabande und Gigue ebenso wie der monumentalen Chaconne große Ausdruckskraft verlieh.

Dieser letzte Satz mit über 30 Variationen machte die Musik noch einmal zum vielschichtigen Ausdruck des Lebens mit seinen ganzheitlichen Aspekten: Turban ließ Bachs Musik weit über technische Meisterschaft hinaus zu einem geistigen Erlebnis werden und machte ihre Schönheit, Tiefe und Menschlichkeit unmittelbar erfahrbar.

Zum Schluss sagte Baumgartner, jedes Konzert sei eine Einladung an uns, durch die Stille hindurch einen Schritt in eine andere Welt zu gehen, um am Schluss von Würze umfangen zu werden und damit wieder ins Leben zu treten. „Wir sahen ein Instrument und hörten einen ganzen Chorklang“, sagte er. „Jedes Konzert ist ein Geschenk, danke dass Sie es annehmen“. Mit stehenden Ovationen bedankte sich das zahlreich erschienene Publikum für dieses Konzert, das mit seinen spirituellen und philosophischen Ebenen den ganzen Menschen ansprach. So wird dieser Abend noch lange nachklingen – als seltene Begegnung mit einer Musik, die Herz, Geist und Verstand berührte und den Blick für einen Moment über das Irdische hinaus öffnete.

Bericht und Fotos: Brigitte Janoschka

4561 / 9412: Ingolf Turban zelebriert die Partita Nr. II von Bach auswendig.

4568: Andreas Hérm Baumgartner bedankt sich bei dem Ausnahme-Geiger Ingolf Turban.

 


Redaktion

Toni Hötzelsperger

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