Über Herkunft, Geburt und die bescheidene Kraft menschlicher Zuwendung

Nach der Veröffentlichung meiner beiden Essays „Ein Kind um jeden Preis?“ und „Das Geheimnis der Geburt“ blieb eine weitere Frage zurück.
Im ersten Text ging es um die Herkunft eines Kindes und um Fragen, die vielleicht erst Jahre später beginnen: Woher komme ich? Wer gehört zu meiner Geschichte? Welche Entscheidungen wurden am Anfang meines Lebens getroffen?
Im zweiten Essay ging es um die Geburt als einen Anfang, den wir biologisch immer genauer erklären, in seiner ganzen menschlichen Bedeutung aber vermutlich niemals vollständig verstehen können. Wir können Gene, Zellen und Entwicklungsprozesse untersuchen. Doch im Augenblick der Geburt ist plötzlich nicht nur neues Leben da.
Plötzlich ist da jemand.
Aber was folgt aus diesen Gedanken für unser konkretes Handeln? Was können wir einem Menschen geben, wenn wir seine verlorene Herkunft nicht zurückbringen, seine Geschichte nicht ungeschehen machen und ihm nicht jede offene Frage beantworten können?

Eine mögliche Antwort darauf erhielt ich unerwartet in einer persönlichen Nachricht.
Günther Claeys leitet einen Verein, der Kindern aus den Müllstädten Kairos hilft, bessere Lebenswege zu finden und ihnen eine lebenswerte Zukunft zu eröffnen. Nach der Lektüre meiner beiden Essays schrieb er mir – mit seiner Zustimmung zitiere ich seine Worte:

„Den Menschen in seiner Ganzheit anzunehmen und ihm unsere begrenzte Liebe zu schenken, ist vielleicht immer noch das Einzige und Beste, was wir geben können.“

Unsere begrenzte Liebe.
Diese Worte klingen zunächst ernüchternd. Wir sprechen lieber von der Kraft der Liebe. Davon, dass Liebe Grenzen überwindet, Wunden schließt und Menschen rettet. Vielleicht brauchen wir diese Vorstellung, weil die gegenteilige Erfahrung nur schwer auszuhalten ist: dass selbst aufrichtige Zuwendung nicht alles ungeschehen machen kann.
Sie kann einem Menschen keine verlorene Kindheit zurückgeben. Sie kann unbekannte Eltern nicht wiederfinden. Sie kann erlittene Gewalt, Armut oder Aussetzung nicht aus der Lebensgeschichte entfernen. Sie kann auch nicht garantieren, dass ein Mensch später nicht mit seiner Herkunft, seinen Verlusten oder den Entscheidungen anderer ringen wird.
Menschliche Liebe ist nicht allmächtig.
Aber ist sie deshalb gering?

Was wir nicht zurückgeben können

Günther Claeys kennt die Grenzen menschlicher Hilfe aus seiner Arbeit mit Kindern in Kairo. Ich selbst bin ihnen während meiner zwei Jahre in Indien begegnet.
Dort hatte ich unter anderem mit einem großen Kinderheim zu tun, in dem mehr als 1.600 Kinder lebten. Viele von ihnen waren nach ihrer Geburt ausgesetzt worden. Über ihre Eltern, ihre Herkunft und die Umstände ihres Lebensanfangs war oft nichts bekannt.
Man konnte diesen Kindern Nahrung geben, Kleidung, Unterricht und ein Bett. Man konnte sie medizinisch versorgen, ihnen Schutz bieten und bessere Zukunftsmöglichkeiten eröffnen. Menschen konnten ihnen mit Zuneigung begegnen, sie fördern, ermutigen und begleiten.
Vieles ließ sich dadurch verändern.
Aber niemand konnte ihnen die verlorenen Teile ihrer Geschichte zurückgeben.
Solange die Kinder klein waren, schien diese Leerstelle bei manchen noch weit entfernt. Doch als aus Kindern Jugendliche wurden, begannen die Fragen.
Wer bin ich? Woher komme ich? Wem sehe ich ähnlich? Warum wurde ich fortgegeben? Gibt es irgendwo eine Mutter, einen Vater oder Geschwister? War ich unerwünscht? Hat jemand nach mir gesucht?
Auf viele dieser Fragen gab es keine Antwort.
Auch die aufrichtigste Zuwendung der Menschen, die für diese Kinder da waren, konnte ihre unbekannte Herkunft nicht ersetzen. Sie konnte nicht ausfüllen, was niemand wusste.
Das bedeutet nicht, dass ihre Hilfe vergeblich war. Im Gegenteil. Vielleicht war sie gerade deshalb so wertvoll, weil sie ohne die Gewissheit gegeben wurde, alles lösen zu können.
Diese Menschen konnten den Kindern ihre Geschichte nicht zurückgeben.
Aber sie konnten dafür sorgen, dass diese Geschichte nicht nur aus Verlust bestand.

„Hauptsache, ein Kind wird geliebt“

In Diskussionen über Familie, Adoption, Reproduktionsmedizin oder Leihmutterschaft fällt häufig ein Satz:
Hauptsache, ein Kind wird geliebt.
Dieser Satz enthält eine wesentliche Wahrheit. Ein Kind braucht Zuwendung, Verlässlichkeit, Schutz und Menschen, die bei ihm bleiben. Liebevolle Elternschaft ist nicht allein eine Frage biologischer Abstammung. Menschen können einem Kind auch dann Geborgenheit geben, wenn sie es nicht gezeugt oder geboren haben.
Doch der Satz kann zugleich zu einer Verkürzung werden.
Liebe hebt die Geschichte eines Menschen nicht auf. Sie macht seine Herkunft nicht bedeutungslos. Sie beseitigt frühe Trennungen nicht rückwirkend und beantwortet nicht automatisch jede Frage, die ein heranwachsendes Kind später an seinen Lebensanfang richtet.
Ein Mensch kann tief geliebt werden und dennoch mit einem Teil seiner Geschichte ringen.
Er kann seinen Eltern verbunden sein und trotzdem wissen wollen, von wem er abstammt.
Er kann dankbar für sein Leben sein und dennoch nach den Umständen fragen, unter denen es begann.
Er kann sich in seiner Familie geborgen fühlen und zugleich eine Leerstelle empfinden, die auch die aufrichtigste Zuwendung nicht vollständig schließen kann.
Diese Empfindungen widersprechen einander nicht.
Vielleicht besteht ein Teil reifer Liebe gerade darin, diese Widersprüche auszuhalten.
Liebe darf nicht sagen: Du wirst doch geliebt, deshalb darf dir nichts fehlen.
Sie darf nicht verlangen, dass ein Mensch seine Geschichte nur so empfindet, wie es die Erwachsenen beruhigt.
Sie darf seine Fragen nicht als Undankbarkeit behandeln.
Liebe kann nicht bestimmen, welche Bedeutung die Herkunft für einen anderen Menschen haben darf.
Aber sie kann ihm den Raum geben, eine eigene Antwort darauf zu suchen.

Ein Mensch ist kein Projekt

Wer Menschen in schwierigen Lebenslagen unterstützt, gerät leicht in eine verführerische Rolle: die des Retters.
Man möchte helfen, verändern und sichtbare Erfolge erreichen. Man möchte erleben, dass das Kind bessere Leistungen erbringt, der Jugendliche einen Beruf findet, der Erwachsene ein selbstständiges Leben führt. Man möchte sehen, dass die eigene Arbeit etwas bewirkt.
Ohne diese Hoffnung würde vieles Gute vermutlich gar nicht begonnen.
Doch ein Mensch ist kein Projekt, dessen gelungene Entwicklung die Wirksamkeit unserer Zuwendung beweisen muss.
Wir können einem Menschen Möglichkeiten eröffnen. Wir können Bildung fördern, medizinische Versorgung organisieren, Schutz bieten und ihn ermutigen. Wir können ihm Wege zeigen und ihn ein Stück begleiten.
Aber wir können nicht über seine ganze Geschichte verfügen.
Wir können nicht festlegen, wie er mit dem Erlebten umgehen wird. Wir können nicht verlangen, dass er dankbar, glücklich oder mit sich und der Welt versöhnt sein muss, weil ihm geholfen wurde.
Ein Mensch schuldet uns kein gelungenes Leben als Gegenleistung für unsere Zuwendung.
Wirkliche Hilfe darf den anderen nicht zum Beweis der eigenen Güte machen. Sie darf ihn nicht durch Dankbarkeit binden und nicht an die Erwartungen seiner Helfer fesseln.
Vielleicht ist dies eine der schwierigsten Formen menschlicher Zuwendung: einem Menschen beizustehen, ohne ihn nach den eigenen Vorstellungen formen zu wollen.
Wir können ihn begleiten.
Aber wir dürfen ihm sein Leben nicht abnehmen.

Der Mensch bleibt unfertig

Der Mensch ist kein fertiges Werk. Er ist kein makelloses Ergebnis, das sich irgendwann endgültig vorzeigen ließe.
Er ist unterwegs: lernend, ringend, suchend, manchmal wachsend und manchmal zurückgeworfen.
Es gibt Lebensphasen, in denen sich das besonders schmerzhaft zeigt. Dann merkt man, dass man nicht nur mit seinen Aufgaben, sondern auch mit sich selbst nicht fertig ist. Nicht fertig mit dem, was war. Nicht fertig mit anderen. Nicht fertig mit den eigenen Hoffnungen, Verletzungen und Irrtümern.
Vielleicht liegt gerade darin ein weiterer Grund, weshalb ein Mensch kein Rettungsprojekt sein kann. Es gibt keinen Zustand vollkommener Vollendung, den ein anderer für ihn herstellen könnte.
Auch ein äußerlich gelungenes Leben bleibt offen, verletzlich und unabschließbar.
Wer einem Menschen hilft, begleitet deshalb nicht ein beschädigtes Werk auf dem Weg zu einem fehlerfreien Endzustand. Er begegnet einem Menschen, dessen Geschichte weitergeht – mit Möglichkeiten, Umwegen, Rückschritten und offenen Fragen.
Das gilt für ein Kind aus den Müllstädten Kairos ebenso wie für ein ausgesetztes Kind in Indien. Es gilt für Menschen mit unbekannter Herkunft, für ihre Eltern und Bezugspersonen – und letztlich für uns alle.
Zuwendung darf deshalb nicht verlangen, dass ein Mensch irgendwann „fertig“ sein müsse: versöhnt mit allem, dankbar für alles, frei von Widersprüchen und ohne weitere Fragen.
Vielleicht besteht Annahme gerade darin, dem anderen zuzugestehen, dass er unterwegs bleibt.
Nicht jede offene Stelle muss geschlossen werden.
Nicht jede Frage muss verschwinden.
Nicht jede Entwicklung muss zu einem vorzeigbaren Ergebnis führen.
Den Menschen in seiner Ganzheit anzunehmen bedeutet auch, ihn in seinem Unfertigsein anzunehmen.

Den Menschen in seiner Ganzheit annehmen

Günther Claeys schrieb davon, den Menschen in seiner Ganzheit anzunehmen.
Das klingt zunächst selbstverständlich. Tatsächlich ist es eine anspruchsvolle Aufgabe.
Ganzheit bedeutet dabei nicht Vollkommenheit. Einen Menschen in seiner Ganzheit anzunehmen heißt nicht, ihn als abgeschlossen, widerspruchsfrei oder mit allem versöhnt zu betrachten. Es heißt vielmehr, auch sein Suchendes, Unaufgelöstes und Unfertiges zu seiner Person gehören zu lassen.
Es bedeutet nicht, alles gutzuheißen, was er tut. Es bedeutet auch nicht, Leid, schwieriges Verhalten oder verletzende Entscheidungen zu romantisieren.
Es bedeutet, ihn nicht auf einen einzigen Teil seiner Geschichte zu reduzieren.
Ein Kind aus einem Armenviertel ist nicht nur arm.
Ein ausgesetztes Kind ist nicht nur verlassen.
Ein Mensch mit unbekannter Herkunft ist nicht nur das Opfer eines Verlustes.
Und ein durch medizinische Hilfe oder Leihmutterschaft geborenes Kind ist nicht lediglich das Ergebnis eines Verfahrens oder der Gegenstand einer ethischen Debatte.
Jeder Mensch ist mehr als die Umstände seines Anfangs.
Er besitzt Begabungen, Wünsche, Ängste, Hoffnungen und Widersprüche. Er ist geprägt, aber nicht vollständig festgelegt. Seine Herkunft gehört zu ihm, aber sie erklärt ihn nicht bis in den letzten Winkel seines Wesens.
Den Menschen in seiner Ganzheit anzunehmen heißt deshalb, seine offenen Stellen nicht zu leugnen und ihn dennoch nicht auf sie festzulegen.
Es heißt, seine Fragen ernst zu nehmen, ohne sie zu seiner ganzen Identität zu erklären.
Es heißt, ihn nicht nur als bedürftig, verletzt oder abhängig zu sehen, sondern als ein Gegenüber mit eigener Würde und Freiheit.
Vielleicht liegt gerade darin der Unterschied zwischen Fürsorge und Besitzanspruch.
Fürsorge fragt: Was brauchst du?
Der Besitzanspruch sagt: Ich weiß, was für dich richtig ist.

Liebe braucht Wahrheit

Begrenzte Liebe darf nicht mit einer Zuwendung verwechselt werden, die aus Bequemlichkeit wegschaut.
Wer einen Menschen wirklich annimmt, muss ihm nicht jede schwierige Wahrheit ersparen. Gerade in Fragen der Herkunft kann Verschweigen eine zusätzliche Verletzung verursachen.
Ein Kind hat ein Recht darauf, nicht mit einer erfundenen Geschichte beruhigt zu werden. Ein heranwachsender Mensch darf Fragen stellen, auch wenn diese Fragen Eltern oder Bezugspersonen verunsichern.
Er darf wissen wollen, woher er kommt.
Er darf erfahren wollen, wer an seinem Lebensanfang beteiligt war.
Er darf auch widersprüchlich empfinden.
Ein durch Leihmutterschaft geborenes Kind kann seine Eltern lieben und dennoch nach der Frau fragen, die es ausgetragen hat. Es kann wissen, wie sehr es gewünscht wurde, und sich trotzdem fragen, unter welchen Bedingungen eine andere Frau für diesen Wunsch eine Schwangerschaft übernommen hat.
Es kann seine Familie als seine wirkliche Familie erleben und dennoch wissen wollen, wie seine biologische und leibliche Geschichte begonnen hat.
Diese Fragen sind kein Verrat an der Liebe.
Eine Zuwendung, die nur jene Wahrheiten zulässt, die niemanden beunruhigen, schützt häufig eher die Erwachsenen als das Kind.
Liebe und Wahrheit gehören zusammen.
Liebe kann nicht jede Antwort geben. Aber sie sollte keine Antwort verhindern.

Was die Liebe nicht entscheidet

Damit führt der Gedanke zurück zu der Debatte, die am Anfang dieser drei Essays stand.
Wunscheltern können ein durch Leihmutterschaft geborenes Kind aufrichtig, tief und bedingungslos lieben. Viele haben lange auf ein Kind gehofft, große Belastungen getragen und sind bereit, dauerhaft Verantwortung zu übernehmen.
Diese Liebe sollte nicht vorschnell infrage gestellt oder herabgesetzt werden.
Doch auch die tiefste Liebe beantwortet nicht automatisch alle ethischen Fragen.
Sie kann nicht garantieren, dass das Kind seine Herkunftsgeschichte später als unbelastet empfindet. Sie entscheidet nicht darüber, welche Bedeutung Schwangerschaft und Geburt eines Tages für diesen Menschen haben werden. Sie kann auch nicht rückwirkend klären, ob alle Bedingungen, unter denen die austragende Frau handelte, tatsächlich frei von wirtschaftlichem oder emotionalem Druck waren.
Der Satz „Das Kind wird doch geliebt“ darf deshalb nicht das Ende der Diskussion sein.
Das ist keine Geringschätzung der Liebe.
Es ist die Anerkennung ihrer Grenzen.
Liebe kann einem Kind nicht versprechen, dass es niemals Fragen stellen wird. Sie kann ihm aber versprechen, dass seine Fragen willkommen sind.
Sie kann nicht jede Leerstelle schließen. Sie kann aber verhindern, dass diese Leerstelle verschwiegen oder beschämt wird.
Sie kann die Entstehungsgeschichte eines Menschen nicht verändern. Sie kann aber dazu beitragen, dass er diese Geschichte nicht allein tragen muss.

Eine christliche Haltung ohne Selbstgewissheit

Aus christlicher Sicht ist die Begrenztheit menschlicher Zuwendung kein Grund zur Resignation.
Der Mensch ist begrenzt. Seine Erkenntnis ist begrenzt. Seine Kraft und seine Möglichkeiten sind begrenzt. Auch seine Liebe ist es.
Wir können einander nicht von allen Folgen der Vergangenheit befreien. Wir können nicht jede Schuld aufheben, jeden Verlust ersetzen und alle offenen Fragen beantworten.
Wo Menschen dennoch versuchen, füreinander allmächtig zu sein, entsteht leicht neue Abhängigkeit. Hilfe wird dann zur Verfügung über den anderen. Zuwendung wird an Erwartungen gebunden. Liebe wird zu einem Anspruch.
Eine christliche Haltung müsste deshalb nicht mit dem Versprechen beginnen:
Ich werde alles in Ordnung bringen.
Vielleicht beginnt sie mit einem bescheideneren Satz:
Ich lasse dich nicht allein.
Das klingt weniger groß. Aber vielleicht ist es glaubwürdiger.
Christliche Nächstenliebe besteht nicht darin, alles lösen zu können. Sie besteht darin, sich dem anderen zuzuwenden, obwohl die eigenen Möglichkeiten begrenzt bleiben.
Sie misst den Wert eines Menschen nicht daran, ob sein Leben sichtbar gelingt.
Nicht jede Unterstützung führt zu einer Erfolgsgeschichte. Nicht jedes Kind kann alle Möglichkeiten nutzen, die ihm eröffnet werden. Nicht jeder Mensch kann die Folgen seiner Vergangenheit einfach hinter sich lassen.
Seine Würde hängt davon nicht ab.
Ein Mensch besitzt seine Würde nicht erst dann, wenn er seine Verletzungen überwunden, seine Chancen genutzt und ein gesellschaftlich erfolgreiches Leben erreicht hat.
Er besitzt sie auch in seiner Unsicherheit, seiner Widersprüchlichkeit und seinem Unfertigsein.
Vielleicht ist gerade das der christliche Kern menschlicher Zuwendung: Der andere muss nichts leisten, um unserer Achtung würdig zu sein.

Was uns bleibt

Die Frage nach der Herkunft eines Menschen lässt sich nicht immer beantworten.
Das Geheimnis seiner Geburt lässt sich nicht vollständig erklären.
Und auch die aufrichtigste Zuwendung kann nicht jeden Verlust aus seiner Geschichte nehmen.
Vielleicht überschätzen wir uns, wenn wir glauben, wir müssten all das können.
Was uns bleibt, ist weniger – und zugleich sehr viel.
Wir können einen Menschen ansehen, ohne ihn auf seine Herkunft, seine Armut oder seine Verletzungen zu reduzieren.
Wir können ihm zuhören, ohne vorschnell eine Lösung anzubieten.
Wir können seine Fragen ernst nehmen, ohne Antworten zu erfinden.
Wir können ihm Möglichkeiten eröffnen, ohne ihn zum Projekt unserer guten Absichten zu machen.
Wir können ihm Nähe anbieten, ohne über ihn zu verfügen.
Und wir können bei ihm bleiben, auch wenn unsere Zuwendung nicht alles verändert.
Unsere Liebe bleibt begrenzt.
Doch gerade deshalb ist sie nicht gering.
Sie wird nicht dadurch wertvoll, dass sie allmächtig wäre. Sie wird wertvoll, weil sie trotz ihrer Grenzen gegeben wird.
Wir können einen Menschen nicht vor allem bewahren.
Aber wir können ihm beistehen.
Wir können seine Geschichte nicht neu beginnen lassen.
Aber wir können ein Teil jener Geschichte werden, in der er Achtung, Zuwendung und Verlässlichkeit erfährt.
Wir können ihn nicht vollenden.
Aber wir können ihm zugestehen, dass er unfertig bleiben, weiterfragen und seinen eigenen Weg suchen darf.
Wir können ihm nicht jede offene Frage beantworten.
Aber wir können dafür sorgen, dass er mit diesen Fragen nicht allein bleibt.

Vielleicht ist das nicht alles.

Aber vielleicht hat Günther Claeys recht: Den Menschen in seiner Ganzheit anzunehmen und ihm unsere begrenzte Liebe zu schenken, könnte tatsächlich das Beste sein, was wir einander geben können.

Mehr über das Projekt Müllstadtkinder Kairo e.V. hier.

Beitrag: Rainer Nitzsche

 



Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

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