In Obereck steht seit einiger Zeit eine Telefonzelle, die weder eine Telefonnummer noch einen Anschluss benötigt. Man kann von ihr aus nicht nach München, Hamburg oder New York telefonieren. Dafür erreicht man dort jemanden, den viele Menschen erstaunlich selten anrufen: sich selbst.
„Nur für Selbstgespräche“ steht über dem alten schwarzen Telefon. Gleich daneben die beruhigende Erklärung:
„Natürlich führe ich Selbstgespräche. Manchmal braucht man halt eine Expertenmeinung.“


Geschaffen hat diesen ungewöhnlichen Ort die Samerberger Künstlerin Edelgard Stuffer. Mit Fantasie, handwerklichem Geschick und einem feinen Gespür für Humor hat sie in Obereck eine kleine gelbe Telefonzelle aufgestellt – mitten zwischen Blumenwiese, Bauernhof und dem Blick auf die Samerberger Berge.
Wer den Hörer abnimmt, hört kein Freizeichen. Niemand meldet sich am anderen Ende. Kein Callcenter, keine Warteschleife und keine freundliche Computerstimme fordert dazu auf, irgendeine Taste zu drücken.
Stattdessen bleibt nur die eigene Stimme.


Vielleicht beginnt das Gespräch etwas stockend:
„Hallo?“
„Ja, ich bin dran.“
„Wie geht es dir eigentlich?“
Eine Frage, die im Alltag häufig gestellt und ebenso häufig mit einem beiläufigen „Gut“ beantwortet wird. In der Telefonzelle von Obereck könnte man sich etwas mehr Zeit für die Antwort nehmen.
Man könnte über Entscheidungen sprechen, die man schon lange vor sich herschiebt. Über gute Vorsätze, die irgendwo zwischen Januar und Juli verloren gegangen sind. Oder über die Frage, warum man eigentlich ständig erreichbar sein möchte, obwohl man manchmal nicht einmal sich selbst zuhört.
Das Gespräch kostet nichts. Es gibt kein Zeitlimit, keinen schlechten Empfang und keinen leeren Akku. Lediglich Ehrlichkeit könnte gelegentlich erforderlich sein.
Und sollte das Gespräch länger dauern, steht neben der Telefonzelle sogar eine Bank bereit. Vielleicht für den Fall, dass man mit sich selbst noch nicht zu einer Einigung gekommen ist.
So ist Edelgard Stuffer eine kleine Installation gelungen, die zunächst zum Schmunzeln bringt und dann doch einen Gedanken hinterlässt: Zwischen all den Nachrichten, Anrufen und digitalen Mitteilungen könnte es gelegentlich guttun, wieder einmal mit jenem Menschen zu sprechen, der einen schon das ganze Leben begleitet.
Wer in Obereck den Hörer abnimmt, erreicht deshalb garantiert jemanden.
Manchmal vielleicht sogar sich selbst.


Redaktion

Rainer Nitzsche

Als Webseiten-Entwickler bin ich für die Gestaltung und den technischen Betrieb dieser Plattform verantwortlich und versuche, die Seite ständig aktuell und zeitgemäß zu halten.

Als Reportage-Fotograf möchte ich mit wenigen Bildern wiedergeben, was als geschriebener Text vielleicht Bände füllen würde. Es geht um Ereignisberichte in Bildern. Es gilt, schrittweise und in den richtigen Momenten Entwicklung und Ablauf von Ereignissen festzuhalten, die schließlich in einem Höhepunkt gipfeln. Das bedeutet, meine Fotografien sind sehr oft weniger formell und zeigen den Charakter der Menschen eher in einer pose-freien, authentischen Weise, die nicht inszeniert ist.
Mehr Fotos finden Sie auch auf meiner Webseite unter www.rainernitzsche.de

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